1. April 2020: Corona-Wirtschaft

Pferderennen

Heute erreichte mich eine der regelmäßigen Werbe-Mails meines Bürobedarf-Shops. »Betreff: neue Artikel rund um Corona.«

Da wird angeboten: Eine Sicherheitsscheibe aus Acryl, die man vor Schaltern aufbauen kann; ein Plakat zum richtigen Händewaschen; ein Plakat, das dazu auffordert, anderthalb Meter Abstand zu halten, dazu ein entsprechender Warnaufkleber und ein Bodenmarkierungsband. Außerdem eine »Infotasche magnetisch A4 rot/gelb mit Virus-Warnung«. Das Warnzeichen hat die Form einer stilisierten Corona-Silhouette. Aber Moment: Wozu benötigt man diese Infotasche? Aha: »Für aktuelle Aushänge an Mitarbeiter, Kunden, Besucher«. Offenbar hat die Herstellerfirma Ultradex schnell reagiert. Dafür sind, natürlich, sämtliche Mund- und Atemschutzmasken ausverkauft.

Sämtliche Coaches und Berater, denen ich in schwachen Stunden meine E-Adresse zuwarf, kommen auf die Idee, das jetzt die Zeit für Online-Kurse, -meetings und Webinare angebrochen sei. Darüber dachte ich auch schon nach … Alle bieten Online-Live-Events an, so dass ich Stunden damit verbringen könnte, ihnen dabei zuzusehen, wie sie mit der einzigen Info, die mich interessieren würde, möglichst lang hinterm Berg halten. Ungekünstelt begeistert. »Business trotz Corona« ist das Motto.

Die Stimmung in dem kleinen Teil des Wirtschaftslebens, das mir zugänglich ist, hat wenig mit Nachdenklichkeit zu tun (auch wenn diese gelegentlich angemahnt wird). Sie gleicht eher einem Trainingslager. Man fragt sich: Wer wird schneller aus der Startmaschine kommen, wenn sie, wie beim Pferderennen, endlich geöffnet wird?

Ist es im Großen anders? Das Geld, das den Unternehmen in Aussicht gestellt wird, dient dazu, zu retten, das heißt zu konservieren, was immer existierte, als der Shutdown verkündet wurde. Die Aktienkurse zeigen an, dass viele an eine V-förmige Wachstumskurve glauben. Der DAX wird schnell wieder die 12.000 Punkte erreichen, dann 13.000 und so weiter. Dafür müssen nur die Diesel noch etwas länger durch Mainz fahren.

Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, gleichsam nebenher noch andere Probleme lösen zu wollen. Wir sollten sie nur nicht komplett aus den Augen verlieren. Und wenigstens ein paar der Chancen ergreifen, die uns derzeit anspringen: Wenn ein Drittel der Mitarbeiter in den Frankfurter Türmen auch nach Corona beim Homeoffice blieben (in Schichten), wäre die A66 morgens wieder befahrbar, die Luft besser, und man könnte die leeren Büros zu Wohnungen umbauen. (Am besten zu Sozialwohnungen. Wer würde davon arm?)

2 Kommentare

  1. Frank Nussi Nussbücker

    Sehr erfrischend, der Beitrag. Auch wenn eine Stimme in mir sagen will: Was hast Du? Wir leben nun mal im Kapitalismus! … Und die Realität sieht mir eher so aus, dass massenhaft Rechte eingeschränkt werden und etliches davon „danach“ beibehalten. Und die Räume in den Türmen wenn, dann natürlich zu exklusiven Eigentumswohnungen … Aber zumindest die Natur erholt sich grad ein wenig von uns, immerhin das. Ein lieber Gruß, mein Kollege

  2. Ich schwanke innerlich zwischen Genervtsein und neugieriger Anspannung. Genervt bin ich von den vielen Meinungen zu offenbar nur noch einem Thema, dem man sich ja auch nicht entziehen kann. Neugierig bin ich darauf, wie sich das alles weiter gestaltet, wenn diese besondere Zeit weiter anhält. Ob man sich an den eingeschränkten Kontakt gewöhnt, den erzwungenen Rückzug und die Entschleunigung vielleicht sogar – wie ich – beginnt zu genießen? Bei eingeschränktem Radius Details in der unmittelbaren Umgebung entdeckt, an denen man bisher vorbeigehuscht ist? Z. B. die Vielfältigkeit der Kleingartenanlage in meiner Nachbarschaft und mit viel Liebe die Grundstücke gestaltet sind. Wie wichtig diese Oase ist, wenn man ansonsten nur von Wohnblöcken umgeben ist.
    Anregend finde ich auch, sich mehr mit Online-Kommunikation zu beschäftigen. Heute Abend habe ich einen Skype-Termin mit meinen Enkeln. Sie sind in der ersten Klasse und wollen mir etwas vorlesen.
    Auch eine erhöhte Wachsamkeit bemerke ich an mir. Die Bilder aus Italien und New York bleiben nicht ohne Wirkung. Nachdem meine Partnerin mir bei meinem Besuch am Samstag von beginnenden Grippesymptomen berichtete, ergriff ich gleich die Flucht und benutze seitdem einen Mundschutz, um andere vor ihren/meinen Viren zu schützen. Erstaunlich war die Beobachtung, dass die Menschen auf der Straße mir mehr ausweichen als vorher, obwohl sie doch weniger von mir befürchten müssen. Vielleicht mischen hier noch andere Bilder unbewusst mit, die mit Vermummung verbunden werden? Burkas habe ich allerdings noch keine in meiner Gegend gesehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.