1. Mai 2020: Vogelzwitschern

Gartenrotschwanz

Hexennacht, wie es in der Pfalz hieß, Tänze in den Mai, zwei wunderschöne Maiwanderungen auf dem Kirchhof in Oberellenbach, mit üppigem Picknick und Volksliedersingen, als die Kinder noch klein waren. Und in den letzten Jahren: Vogelstimmenwanderungen mit dem NABU. Das sind die Erinnerungen, die ich mit diesem Datum verbinde.

Als wäre ich schon alt, unbeweglich und zehrte vor allem von meinen Erinnerungen, so komme ich mir heute vor. Draußen tröpfelt es (gut für die Bäume), ab und zu kommt die Sonne durch, doch ich musste mir keine Gedanken darüber machen, ob das Wetter hält. Für gewöhnlich beginnt die Vogelstimmenwanderung am 1. Mai um fünf Uhr morgens. So lassen sich die »Stimmen« der unterschiedlichen Vogelarten besser wahrnehmen, die erst nach und nach aufwachen und zum Zwitscherkonzert beitragen. Die Amseln, die ich aus unserem Garten sehr gut kenne, sind früh dran. Rotkehlen und Meisen erkenne ich noch, von müßigen Blicken aus meinem Fenster, mit Goldammer, Zilpzalp und Co. wird es schon schwieriger. Zu Beginn der Wanderung, einem aufmerksamen Rundgang durch bekannte Gefilde um die Kleinstadt, gelingt es mir noch, die Tonbilder aufzunehmen und mit Namen zu belegen, später lässt meine Konzentration nach. Was vor Jahren noch Feld war, wurde Baugebiet, jetzt stehen die Gartenmöbel ordentlich abgedeckt in der Morgendämmerung, auf den schmalen Terrassen neben Grill und Plastikspielgeräten. Ganz oben auf dem First: ein Gartenrotschwanz.

Ungefähr um acht Uhr kommen wir am Treffpunkt an, wo freundliche NABU-Mitglieder uns Kaffee und Kuchen bringen. Wir genießen im Stehen und ich halte Ausschau nach dem bescheidenen Spendentopf. Die Gespräche drehen sich um den motorisierten Baumschnitt an den Wegen, der verstümmelte Hecken hinterlässt, um Naturschutz-Aktionen des Vereins und die besten Bienenweiden. So viel konstruktive Bodenständigkeit rührt mich. Bestücken wir unsere Regierungen mit Hobby-Ornithologen! Sie können Schönheit wahrnehmen und wissen, wann man die Dinge besser laufen lässt, und wann man eingreifen muss. Mit Nestbaumaterial, das unsere aufgeräumten Terrassen nicht mehr bieten, oder Nistkästen verschiedener Größe.

Diese Wanderung erlebte ich jetzt vier Mal, und hoffe, noch die eine oder andere Gelegenheit dazu zu haben. Selbst in Jahren, in denen ich mich nicht früh genug aus dem Bett schälen konnte oder, wie jetzt, nur dem Regen lauschte, in dessen Rauschen bloß hin und wieder das Singen und Zwitschern nach vorne blitzt, auch in solchen Jahren freute mich die Vorstellung, dass sich der eine oder andere Vogelkundler auf den Weg gemacht hatte.

Die Coronakrise wird wohl kaum einen längerfristigen Einfluss auf unseren Flächenverbrauch, die Zahl von Insekten und die Nahrungssituation der Singvögel nehmen. Manchmal habe ich davon reden hören, dass das Zwitschern in den Städten besser zu hören sei. Weil es weniger Flug- und Autolärm gebe. Ich bin gespannt, was die NABU-Experten dazu sagen werden, am nächsten 1. Mai.

1 Kommentare

  1. Helga Fernekeß

    1. Mai 2020 – Dis-tanz in den Mai

    Es regnet leicht. Warum sollte es am 1. Mai nicht regnen. Mairegen bringt Segen – hieß es früher. Dann wächst alles gut – auch die Haare von kleinen Mädchen, sagte meine Mutter immer, wenn ich mich über meine dünnen Schnittlauchhaare beklagte. Zum 1. Mai von früher gehörten die Maiandacht, Maiglöckchen und der Maibaum. Das ist lange her… Später war’s ein willkommener freier Arbeitstag – wenn er im Kalender arbeitnehmerfreundlich fiel.

    Vor 34 Jahren war der 1. Mai ein wunderschöner Frühlingstag mit Buschwindröschen pflücken in einem Wald im Vogelsberg. Die Kinder hatten kleine Joghurtgläser mit bunten Punkten beklebt. In diese Blumenväschen wurden die vielen Buschwindröschen gesteckt und auf den Geburtstagstisch der Dreijährigen gestellt. – „Viel Glück und viel Segen – und Gesundheit dazu…“. In der Nacht regneten die dicken Wolken, die aus Weißrussland und der Ukraine nach Westen gezogen waren, ihre Tschernobylfracht mit dem warmen Frühlingsregen auch über dem Vogelsberg ab. Wir waren in ein verlängertes Wochenende ohne Radio und Fernsehen gefahren. Die Kinder hatten auf blühenden Wiesen getollt, im Sand gespielt und sich gebalgt, sich ums Lagerfeuer auf dem Spielplatz versammelt und waren durch zartgrüne Wäldern gestreift. Tschernobyl, wo war das und was war dort passiert – keiner von uns wusste es damals.

    An einem anderen 1. Mai standen wir an der Homburger Landstraße als der Tross der Radfahrer vom damals noch Henninger Turm-Rennen vorbeiflitzte. Sie strampelten so schnell den Berg hinauf, dass sie schon vorbei waren, bis die beiden Jungs überhaupt merkten was los war. Das war’s schon gewesen? Gut, dass Frau Sch. mit ihrem kleinen Rauhaardackel auch an der Strecke stand. Winken und Klatschen und den Hund streicheln. Bis die Streicheleinheiten für ihn abgeleistet waren, befanden sich die Radrennfahrer sicher schon im Taunus…

    Dann gab es den 1. Mai auf dem Park and Ride-Platz bei ökumenischem Gottesdienst, Musik, Apfelwein und Brezeln, um den Platz besetzt zu halten damit sich die Vorgänge vom Vorjahr nicht wiederholen konnten. Rechte Gruppierungen hatten sich mit vielen Bussen hierher fahren lassen um vom Stadtrand aus in die Innenstadt zu fahren, die Mai-Kundgebungen zu stören und für ihre Sache zu marschieren. Sie verwüsteten bereits hier im Vorort die Parkanlagen und zerstörten U-Bahn-Wagen. – In diesem Jahr ließen sich Neonazis und Rechtsradikale hier nicht mehr blicken…

    Und wieder ein 1. Mai an dem ein leichter Mairegen auf die Menschenmenge fällt. Sobald die Sonne wieder hinter den dunklen Wolken hervorblitzen kann klappen die Regenschirme zu und werden die Anorakmützen abgestreift. Der Asphalt der ehemaligen Rollbahn auf dem Alten Flugplatz im Grüngürtel von Frankfurt hat die Wärme schon gespeichert. Auch aus den üppig grünen Wiesen steigt warmer Dunst auf. Der Gittersteg, der hinüberführt zum neuen „Tower Bridge“ der Nidda gefällt mir nicht, ein natürlicherer Weg stünde dem Gelände besser. Aber vielleicht danken es uns ein paar Molche oder sonstige Kleintiere, die sich unter dem Gittersteg verstecken können. Aber heute hat das Grüngürtel-Brückentier das ganz Interesse der vielen Frankfurter, die hierher gekommen sind: Robert Gernhardt führt mit „tierischen Gedichten“ auf den Weg zur Brücke mit der noch verhüllten kleinen Bronzeskulptur. Wer kennt das Grüngürteltier – Wie sieht es aus? Angeblich verändert es sich immer wieder, je nach dem wo es hinhüpft…Musikalisch hüpft und flattert und quiekt und zwitschert es den Weg entlang, über die Wiese, zwischen den Regenschirmen und den Fahrradspeichen über die Köpfe der Menschen hinweg… Der kleine weiße Hund bellt mit dem Banjo der Musikband um die Wette und Robert Gernhardt spricht seine Gedichte vom „Schwan“ und von „Gittis Hirsch“ ins Mikrofon, applaudiert von den Ehrengästen und von den einfachen Bürgern dieser Stadt die gezielt oder zufällig an den Alten Flugplatz gekommen waren. Kleine Kinder mit großen Fahrradhelmen werden nach vorne geschoben um besser sehen zu können und dann wird das Tuch vom neuen Grüngürtel-Brückentier gezogen – und es lacht uns alle aus: das kleine gedrungene Wuzchen mit dem viel zu langem Molch-Schwanz und den Vogelflügeln.

    Noch heute nach 14 Jahren hat es mehr oder weniger unbeschadet dort an der Niddabrücke seinen Platz – aber dieses Jahr ziehen wir es vor, nicht an der Nidda entlang zu radeln. Schließlich gehören wir zur sogenannten Risikogruppe, auch wenn wir uns ganz wohl fühlen. Bei Maibowle mit dem herbwürzigen Waldmeisterkraut, das versteckt im Garten wächst und schon zaghaft Blüten ansetzt, und einem Schwätzchen in gebührendem Abstand mit den Nachbarn, die in ihren Kleingärten nach dem Rechten schauen oder mit den kleinen Kindern einen Spaziergang machen, begehen wir heute, am 1. Mai 2020, den „Tag der Arbeit“ und versuchen dem „Wonnemonat mit Einschränkungen“ positiv entgegen zu sehen. Und die Maiglöckchen blühen auch wieder …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.