10. April 2020: Wache halten

Kirchenstühle

Gestern war Gründonnerstag. In der Feier des letzten Abendmahls werden für gewöhnlich Füße gewaschen, dann der Altar abgeräumt, als Zeichen der Trauer, und nach der Abendmesse finden Gebetswachen statt, bis Mitternacht oder länger.

Die Messe fiel natürlich aus, aber die Wachen sollten stattfinden, und zwar diesmal wie eine richtige Wache, bei man sich halbstündlich ablöste, damit sich nicht zu viele Leute gleichzeitig in der Kirche befanden. Unsere Familie übernahm die Wache von halb zehn bis zehn. So teilten wir uns gewissermaßen die Kirche mit anderen Gemeindemitgliedern, und in unserer halben Stunde konnten wir tun, was wir wollten. Ein grüner Zettel mit den biblischen Texten lag herum, und wir hatten Querflöte und Gitarre mitgebracht, zu deren Begleitung wir Taizé-Lieder sangen. In denen werden mantrahaft die stets gleiche Liedzeilen wiederholt. Unsere dreißig Minuten gingen schnell vorbei. Church-Sharing: ein Zukunftsmodell?

Die Idee der „Wache“ gefällt mir. Man ist zwar allein, oder nur zu wenigen, doch sicher, dass irgendwann Ablösung kommt. Man kann sich selbst Gedanken zur jeweiligen Situation machen, wird dabei nicht gestört, trägt aber nur einen Teil der Verantwortung. Man passt auf, dass man nicht einschläft, wie die Jünger Jesu, und verpennt, was die Stunde geschlagen hat. Doch im Zweifel wird man aufgeweckt werden, und nicht alles ist verloren.

Heute ist Karfreitag, das heißt, ich kann meinem Pessimismus freien Lauf lassen. An Ostersonntag wird wieder Zeit für die Hoffnung sein, ohne die wir nicht auskommen. Als wir nämlich nach der Kirchenwache nach Hause gingen, und an einem dieser unsinnig großen Privatautos vorbeikamen, schimmerndem, schlafenden Blech in der Nacht, spürte ich den Ärger wieder in mir aufsteigen, den ich vorm Corona-Shutdown schon gewohnheitsmäßig verdrängt hatte: Wie zerstörerisch der Stolz und die Bequemlichkeit sind, die hier zur Schau gestellt werden. Wie hoch der Preis, der für die Kreuzfahrten und Überseeflüge bezahlt wird, auf die wir doch gerade verzichten können. Und das er nicht von denjenigen bezahlt wird, die fliegen oder sich an Deck sonnen. Wie viele Waren, in Styropor verpackt und per Paketboten geliefert oder in Einkaufstempeln »geshoppt« wir horten, um uns von der Leere oder der Unsicherheit abzulenken. Dass wir auf all das (jedenfalls einen großen Teil) verzichten könnten, ohne unser Leben ärmer zu machen. Dass der Wahnsinn trotzdem wieder Fahrt aufnehmen wird, wenn wir uns in einigen Wochen oder Monaten die Zügel schießen lassen, und dass dann, wenn es um den Planeten gehen wird, keine Experten zu täglichen Pressekonferenzen geladen werden, die uns erklären, wie exponentielle Zerstörung funktioniert und wie viele Arten in diesen Minuten ausgerottet werden. Dass plötzlich wieder das Geld fehlen wird, um Generatoren statt mit fossilen Brennstoffen besser mit Wind zu betreiben. Dass man ganze Inseln opfern wird, um in den Skigebieten weiterhin die neueste Polyamidbekleidung vorführen zu können. Und dass ich und die meisten wahrscheinlich einschlafen werden wie die Jünger Jesu, die eigentlich wachen sollten, weil ich einen vollen Bauch habe, müde bin und vergesse, wem die Stunde schlägt.

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