#100 — Zeitkapsel

Zeitkapsel bei Grundsteinlegung

In das Formular zur diesjährigen Volkszählung hat das irische Amt für Statistik etwas Besonderes eingebaut: eine Zeitkapsel. Am Ende der Kolonnen mit Fragen zur Haushaltsgröße, Berufe der Bewohner usw. findet sich eine weiße Fläche, ungefähr in DIN-A-5-Größe. Dort kann jeder, der sich am 3. April in Irland aufhält, eine persönliche Botschaft eintragen.

Erlaubt sind handschriftliche Einträge, keine Fotografien oder andere Anhänge. Was dort steht, wird 100 Jahre lang vertraulich behandelt, so wie die übrigen persönlichen Daten, und nach dieser Zeit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie es heißt. Wahrscheinlich mit Hilfe einer fortgeschrittenen Art von Internet, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Was ist eine Zeitkapsel?

Eine Zeitkapsel ist üblicherweise ein Behälter (meistens eine Röhre, Urne oder Schatulle), in dem Dokumente und Gegenstände für spätere Generationen aufbewahrt werden. Etwa die Zeitung des Tages, Urkunden, Alltagsgegenstände oder technische Errungenschaften der Zeit. Bei der Grundsteinlegung eines Gebäudes werden Zeitkapseln feierlich verschlossen und vergraben oder an einer anderen geschützten Stelle untergebracht. Je nachdem, welche Zeitspanne man ins Auge fasst, versucht man, die Kapsel besonders haltbar zu gestalten. Die Crypt of Zivilisation in Altanta, Georgia, USA ist ein versiegelter Raum, der Stickstoff-Behälter mit Gegenständen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enthält. Diese Zivilisations-Krypta soll erst im Jahre 8113 geöffnet werden! (Vor 8000 Jahren war die Keilschrift noch nicht erfunden.)

Die Idee der Zeitkapsel lässt sich auch privat anwenden: Indem man sich zum Beispiel selbst einen Brief schreibt, den man erst nach zehn Jahren öffnet. Eine Familien-Zeitkapsel könnte den Enkeln oder Ururenkeln vermacht werden. Recht verstanden ist alles, was wir für unsere Nachkommen oder die Nachwelt schriftlich festhalten, eine Art Zeitkapsel. Wie die irische Volkszählungs-Kapsel sind Autobiografien oder Memoirs nicht in erster Linie physische Gegenstände. Es sind Informationsträger, die besonders geschützt und über längere Zeit erhalten werden.

Über das Wichtige nachdenken

Auch wenn man gerade keine Kupferröhre zur Hand hat oder keine Grundsteinlegung ansteht: Es lohnt sich, zu überlegen, was man in eine Zeitkapsel schreiben würde. Was von dem, was mich heute umtreibt und bewegt, möchte ich Menschen hinterlassen und mitteilen, die es in 100 Jahren lesen? Wir sind nur kurze Zeit Gast auf dieser Erde. Was schreiben wir ins Gästebuch?


Schreibidee #100: Schreibe eine Zeitkapsel-Botschaft von maximal einer DIN-A-5-Seite.


[Wie immer fände ich es schön, wenn du deinen Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würdest. Damit gibst du zugleich dein Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. (Oder aber du schreibst ihn auf gutes Papier, verschließt ihn luftdicht und …)
Gerne kannst du dafür auch ein Pseudonym oder nur deinen Vornamen angeben.]

3 Kommentare

  1. Helga F.

    Zeitkapseln finden sich nicht nur in den Grundmauern von Häusern oder auf Kirchturmspitzen und beinhalten auch nicht nur schriftliche Dokumente oder fest verschlossene Fläschchen mit undefinierbarer Flüssigkeit – ob es nun Mainwasser oder Apfelwein aus dem Jahre 1881 sei, wie damals bei der Renovierung des Turmkreuzes der Frankfurter Dreikönigskirche wieder ans Tageslicht gekommen.
    Zeitkapseln finden sich auch in der hintersten Ecke des unteren Regalbrettes, wo man lange nicht mehr nachgeschaut hat. Dort habe ich ein wunderschönes, aber total verstraubtes Holzkästchen wieder entdeckt. Erstmal vom Staub befreien und dann versuche ich, es zu öffnen. Das ist gar nicht so leicht. Ich drehe und wende es, bis ich den „Dreh“ heraus habe: ich muss eine Schmalseite eindrücken, so dass sich eine Lucke öffnet und kann dann von der gegenüberliegenden Seite das Deckelchen hochklappen.
    Das dunkel glänzende Holzkästchen, fein und akurat verarbeitet, stammt vom seit nun schon vor zehn Jahren verstorbenen Schwiegervater. Er war Schreiner und das „Schatzkästchen“ war vermutlich sein Werkstück zum Abschluß der Lehre.
    Und welche Schätze finde ich im Inneren? In einer kleinen Papierbox einen silbernen Rosenkranz auf Watte gebettet, ein schon etwas rostiges Taschenmesser und eine Fahrrad-Hosenklammer.
    Das „Opa-Schatzkästchen“ wird nicht wieder vergraben werden, sondern einen Ehrenplatz im Regal bekommen.

  2. Urimua

    Zeitkapsel: Als ich noch Kind war

    Als ich noch Kind war…war Ort und Zeit immer Gegenwart.
    Blumen, Wasser, Berge. Wind und Sterne.
    Menschen waren wichtig, weil sie bei mir waren.
    Sonne und Mond im beschützenden Wechsel; Jahreszeiten.
    Klänge, Geräusche. Gerüche. Liebevolle Nähe.
    Die Welt passierte. Sie prägte mich.
    Doch ich wusste nichts davon.

    In der Schule war wenig Raum für eigene Fragen.
    Ich antwortete, weil andere fragten.
    Es war ganz selbstverständlich, ein Kriegskind zu sein. Doch –
    meine Eltern machte das bedrohliche Auf und Ab der Zeit unsicher.
    Wie viel Zukunft war möglich?
    Heute weiß ich: damals lernte ich das Sorgen und Planen.
    Aber auch die Freude an gelungenen kleinen Schritten.

    Später wurde es wichtig, Ziele zu finden für den nächsten Morgen –
    noch fraglos, handelnd zwischen Aufgaben und Wünschen,
    doch jetzt in eigener Verantwortung.
    Eine schon bewusste Gegenwart. Erst allein. Dann mit Anderen.
    Dann ganz neu: das Leben zu zweit. Oft ganz nah und doch so fern…
    Jetzt bin ich glücklich, weil ich euch, meine Kinder, habe.
    Das bedeutet für mich: Schon über 50 Jahre glücklich zu sein! DANKE.

    Erst jetzt, mit geschafften 80 Jahren, bleibt mir Zeit
    um nachzudenken und hinzuhorchen auf das, was mich trug
    durch diese bunte, vergangene Zeit, die ich gelebt habe
    mit meiner Familie, mit all meinen Freunden:

    „Lasst uns eine Oase sein –
    wo man begeistert ist vom Leben
    von jedem Leben
    auch von dem Leben
    das sehr viel Mühe kostet…“

    Ich glaube, schon meine Eltern lebten und handelten in diesem Sinne –
    Jetzt – mit 80 – ahne ich, was mich durch die Jahre trug.
    Auch ich möchte geben
    Weitergeben

  3. Gerlinde Kielburger

    Das ist wunderbar!!!

    Verdichtet,
    und doch,
    und trotzdem,
    und auch,
    mit ganz großer Weite.

    Es hat mich sehr berührt.

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