#103 — Als etwas kaputtging

Der Wert eines Dinges wird oft erst deutlich, wenn es nicht mehr da ist. In unserer Industrie- und Wohlstandsgesellschaft lässt sich beinahe alles leicht ersetzen. Doch gibt es noch immer Einzelstücke, Kunstwerke, Souvenirs, deren Verlust schmerzt. Bei ihnen kommt es auf den Gefühlswert an, nicht auf den Gebrauchswert.

Nur zwei Generationen zuvor konnte der Gebrauchswert eines Gegenstands noch entscheidend sein. Ich denke an die Buttermaschine meiner Großmutter, die zuerst konfisziert wurde (weil der Gebrauch zur privaten Buttergewinnung verboten war) und später von meiner Tante versehentlich auf den glühenden Ofen gestellt wurde. Die Geschichte ist natürlich länger. Ich höre gerne zu, wenn mein Vater sie erzählt.

Es geht nicht nur um das Vorher und Nachher. Biografisch interessant ist besonders der Moment der Tat, die in den meisten Fällen ein Missgeschick gewesen sein wird. Nehmen wir an, die kleine Christiane lässt einen Teller des guten Service fallen (aus Nachlässigkeit oder weil sie aufgeregt ist?): Wird sie getröstet oder ausgeschimpft? Spotten die Geschwister? Wie die Familienmitglieder auf den Verlust reagieren, sagt viel über ihren Charakter aus, ihre Einstellung zu den Dingen. Und über die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie.

Auch bei der Arbeit kann etwas kaputtgehen oder während eines Besuchs. Manchmal ist es auch Absicht, Sabotage …


Schreibidee #103: Schreib davon wie es war, als einmal etwas kaputtging.


Hinweis: Achte darauf, szenisch zu schreiben. Beschreibe die Situation, die Beteiligten und wer wie reagierte. Verwende viel wörtliche Rede.

4 Kommentare

  1. Anneliese

    Geblieben ist mir die Erinnerung, dass ich etwas ganz Besonderes besessen habe.
    Es war eine kleine „chinesische“ Vase. Sie stand zwischen Rosenkranz, Gesangbuch mit Goldschnitt und anderen nützlichen Dingen auf dem Geschenktisch zu meiner Ersten Heiligen Kommunion. Fremd und exotisch.
    Von wem habe ich sie geschenkt bekommen? Ich kann mich nicht daran erinnern.
    Sie war höchstens 10 cm hoch. Von ihrem Boden wölbte sie sich zu einem kleinen Bauch, der sich in eine schmale Taille verjüngte. Der obere Rand stülpte sich leicht nach außen. Sie war von cremeweißer Farbe. Darauf aufgezeichnet mit dünnen rostfarbenen Linien eine chinesische Idylle, Menschen, die unter einem Baum Tee tranken.
    So etwas kostbares hatte ich noch nie besessen. Und ich kannte auch niemanden, der oder die so etwas schönes besaß. Ich glaube, mit diesem kostbaren Besitz, fühlte auch ich mich als etwas besonderes. Dieses Geschenk zeugte von einer andere Welt, außerhalb der, die ich kannte und in der ich lebte.

    Viele Jahre begleitete mich diese Vase. Irgendwann stieß ein Freund sie um. Er tat es nicht absichtlich. Und er versicherte mir, dass man sie leicht nachkaufen könne. Sie stamme aus einer Massenproduktion.
    War ich traurig? Heulte ich ob des Verlustes? Auch daran erinnere ich mich nicht mehr. Brauchte ich die kleine Vase nicht mehr? War ich über sie, bzw. ihre Bedeutung für mich hinausgewachsen?

    Mit dieser kleinen Erinnerung habe ich ja eigentlich das Thema dieser Schreibanregung verpasst. An das, was sie eigentlich fordert, erinnere ich mich ja nicht mehr. Aber spannend finde ich, dass sie mir bei dieser Schreibanregung sofort in den Sinn kam.

  2. Liebe Anneliese,
    was für eine schöne Geschichte! In meinen Augen hat die Schreib-Anregung zu 100% funktioniert, denn sie hat bei Dir neben dem Erinnern den kreativen Prozess des Schreibens angestoßen – und das ist ja Sinn der Sache. Außerdem ist die Botschaft Deines autobiographischen Textes wunderschön: Es geht nicht um den Verlust, nicht um ein Betrauern, sondern ganz bildhaft um die Kraft der Erinnerung an etwas Schönes, Beglückendes. Die kaputte Vase durch ein günstiges Massenprodukt zu ersetzen, was ggf. möglich gewesen wäre, war für Dich niemals relevant.

    Die Vase ist in Deiner Erinnerung unzerstörbar, einzigartig und wunderschön.

    Liebe Grüße von
    Nora Hille

  3. Henny Anwey

    Ich muss an Babettes Puppenstube denken. Ich hab sie die Treppe runtergeschmissen, und ich weiß nicht einmal mehr, ob es Absicht war oder ein Missgeschick. Nein, es war wohl Absicht, wenn auch sehr spontan. Die Szene hab ich plötzlich wieder genau vor Augen, und ich bin sicher, dass ich sehr wütend war. Arme Babette. Sie konnte ja nichts dafür.
    Fast fünfzig Jahre ist es her, ich war ein kleines Mädchen und wünschte mir sehnlich lange Haare. Heute haben gefühlt alle Mädchen lange Haare, nicht nur die kleinen. Wie es damals war, weiß ich nicht mehr genau, aber meine Cousinen mit denen ich oft zusammen war, konnten sich sogar Zöpfe flechten oder einen Pferdeschwanz tragen. Es gab wunderbare Zopfgummis, mit dicken roten Perlen zum Beispiel, die an Kirschen erinnerten… Wie gern hätte ich solche hübschen Haarspangen getragen oder das Gefühl von schulterlangem Haar einfach nur mal kennengelernt!
    Keine Chance. Meine Mutter ließ nicht mit sich reden: „Für lange Haare muss man so richtig dicke „Pferdehaare“ haben. Deine sind glatt und dünn. Aber auch schön.“ Schwacher Trost.
    Zu Hause legte ich mir oft ein Handtuch über den Kopf oder ein paar lange bunte Bänder. Wenn ich den Kopf bewegte, stellte sich fast ein Langhaar-Gefühl ein. Meine Eltern lächelten nachsichtig und ließen mich gewähren.
    Babette war die Tochter von Mamas Friseurin. Mama ging alle paar Wochen zum Haareschneiden (auch ihre Haare waren glatt und nichts daran erinnerte an ein Pferd). Mich nahm sie jedes Mal mit, auch wenn ich mich mit Händen und Füßen dagegen sträubte: „Ich will doch lange Haare haben!“ „Kleines, ich weiß, wir lassen auch nur die Spitzen schneiden, sonst kriegst du Spliss, davon gehen die Haare kaputt. Das willst du doch auch nicht.“
    Ich hatte keine Ahnung von „Spliss“, konnte mir nicht vorstellen, dass lange Haare mit Spliss schlimmer waren als das, was ich jetzt auf dem Kopf hatte, aber mein Jammern und Zetern nutzte nichts, ehe ich mich’s versah, saß ich im Salon auf dem Kinderstuhl, bekam den vermaledeiten Umhang um die Schultern, dann kam die Schere, Zack-Zack, und traurig musste ich zusehen, wie die viel zu langen „Spitzen“ meiner mühsam gezüchteten Haarpracht zu Boden segelten.
    Im Beisein der Friseurin ließ ich mir nichts anmerken, war immer brav und gab keine Widerworte. Keine Ahnung, ob sie auch nur annähernd vermutete, was in mir vorging…?
    Es kam der Tag, an dem sich alles änderte.
    Wie gewohnt, hatte ich meine „Behandlung“ über mich ergehen lassen und sollte nun, wie immer, mit Babette spielen, bis Mama fertig war. Die Friseurin wohnte mit ihrer Familie über dem Salon, ich musste nur die Treppe hochgehen. Auch das tat ich, was blieb mir anderes übrig, wenngleich ich nie Lust hatte, mit Babette zu spielen. Wahrscheinlich ging es ihr ähnlich, denn ich war bestimmt nicht das einzige „Kundenkind“, dem sie die Zeit vertreiben sollte.
    Missmutig stieg ich die steile Holztreppe mit den knarzenden Stufen hoch. Auf halber Höhe gab es einen breiten Absatz, dort hatte Babette ihre Puppenstube aufgebaut.
    Ich glaube nicht, dass diese Puppenstube irgendwie „besonders“ war. Dass der Großvater sie zum Beispiel selbst geschreinert hätte, zum Beispiel. Oder dass irgendwelche ausgefallenen Möbel drin gestanden hätten, nein, auch das nicht. In meiner Erinnerung war es in etwa die gleiche Art von Puppenstube, die ich zu Hause hatte: vier Räume, eine Küche, ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer und das Bad, alle mehr oder weniger gleich groß und so eingerichtet, dass die Puppen problemlos wussten, was wo von ihnen erwartet wurde.
    „Hallo.“ Babette kniete in ihrem Zimmer auf dem Boden und spielte irgendwas. „Naaa.“ Wir hatten uns nicht viel zu sagen, denn außerhalb des Haarschneideszenarios begegneten wir uns nie. Babette war etwa so alt wie ich, und obwohl ihre Eltern diesen Friseursalon hatten, fand ich ihre Haare nicht der Rede wert. Ich glaube, sie waren blond und etwas länger als meine. Immerhin.
    „Na, was sollen wir spielen?“ „Weiß nicht.“ Ich zuckte die Achseln, schaute mich gelangweilt in Babettes übersichtlichem Zimmer um. „Sollen wir mit der Puppenstube spielen?“, schlug Babette vor. „Von mir aus.“
    In diesem Moment hörte ich von unten aus dem Salon lautes Lachen. Und mich packte die Wut! Was gibt’s da zu lachen! Lacht Ihr über mich und meine hässlichen kurzen Haare? Dass Ihr’s wieder geschafft habt, mich so reinzulegen? Spitzen schneiden…? Ich lach mich tot! So krieg ich nie lange Haare, und das wisst Ihr genau! Ihr steckt alle unter einer Decke, jedes Mal, wenn ich hier hin muss, schneidet die blöde Friseuse mir die Haare wieder kurz.
    Ich hätte heulen können, aber ich tat es nicht. Stattdessen stampfte ich mit dem Fuß auf, drehte mich um, ging zur Treppe und stapfte zornig die Stufen hinunter, bis ich den Absatz erreichte und damit die Puppenstube. Mit einem gezielten Tritt beförderte ich das Häuschen ins Erdgeschoss, es gab einen Höllenlärm, als es unten im Flur aufschlug, das Dach löste sich, eine Wand brach heraus, Teile der Mini-Einrichtung verteilten sich überall am Fuß der Treppe… und das Gelächter im Salon verstummte abrupt.
    Babette und ich standen auf dem Treppenabsatz, Babette fassungslos, ich in diesem Moment mit einem Triumphgefühl im Bauch, als ahnte ich, dass sich jetzt etwas ändern würde.
    Die Friseurin und ihr Mann kamen aus ihren Salons (Babettes Vater führte rechts den Herrensalon, die Mutter frisierte auf der anderen Seite die Damen) und starrten entsetzt auf das Bild des Grauens in ihrem Flur.
    An diesem Punkt streikt meine Erinnerung. Meine Mutter ließ sich wohl noch schnell zu Ende frisieren, zahlte, ergriff meine Hand und beeilte sich, mit mir nach Hause zu kommen. Ich weiß nicht, ob Babette und ich die Zerstörung des Puppenhauses als gemeinsames Missgeschick dargestellt haben, ob Babette die Schuld richtigerweise auf mich schob, ob ich dazu stand (wahrscheinlich nicht), ob meine Mutter Schadenersatz anbot oder eine Versicherung ins Spiel brachte… Keine Ahnung.
    Meine Mutter ging nie wieder zu dieser Friseurin, und ich kann mich an keine weitere Begegnung mit Babette erinnern. Mit meiner Puppenstube zu Hause spielte ich ungerührt, ohne schlechtes Gewissen. Mama suchte sich einen anderen Friseur und schnitt mir fortan die „Spitzen“ selbst. Sie hatte selten Lust dazu, weshalb meine Haare nach und nach eine Idee länger wurden.
    Ein paar Jahre später gab meine Mutter ihren Widerstand auf und ließ mich gewähren. Auf alten Fotos sehe ich mich mit langen Haaren, über-schulterlangen Haaren. Nicht schön. Dünn und glatt. Keine Pferdehaare. Eine Zeitlang flocht ich mir jeden Abend Zöpfe und ging damit schlafen, damit ich am nächsten Morgen eine Art „Krause“ hatte. Welch eine Mühe.
    Mit fünfzehn ließ ich mir die Haare kurz schneiden. Das ist jetzt 36 Jahre her. Ich habe mit kurzen Haaren geheiratet, und als ich Mutter wurde, fand ich es einfach super, dass ich jeden Morgen so schnell mit meiner Frisur fertig war.
    Meine Mutter hatte bis ins hohe Alter kurze Haare mit Dauerwelle und nie ein einziges graues. Wahrscheinlich hat sie meine Traumfrisur schon an mir gesehen, als ich noch klein war.
    Babette ist, soviel ich weiß, auch Friseurin geworden, hat sogar den Salon ihrer Eltern übernommen, ist dann aber irgendwann weggezogen. Ob sie je wieder eine Puppenstube hatte, weiß ich nicht.

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