Von den eigenen Eltern ist in vielen autobiografischen Texten die Rede, weniger wird von den eigenen Kindern geschrieben. Dabei prägen diese das Leben mindestens ebenso. Vielleicht liegt es daran, dass das Leben mit Kindern in den männlich geprägten Klassikern der Autobiografie keine wichtige Rolle spielt. Oder dass man denkt, sie werden selbst für sich schreiben können, irgendwann.

In ihrem Gedicht „Spelling Bee“ beschreibt die Lyrikerin Faith Shearin das Lebensgefühl, Vater oder Muter zu sein, anhand eines besonderen Moments. Ihre Tochter nimmt an einem Buchstabierwettbewerb teil, das „Ich“ des Gedichts sitzt im Publikum. Das Original kann man auf dieser Website nachlesen, hier meine Übersetzung:

Buchstabierwettbewerb
Beim Wettbewerb trug meine Tochter ein hübsches
braunes Kleid und hielt die Hände gefaltet.
Zwölf Kinder sprachen
in ein Mikrofon, dass größer war als
sie. Jedes Mal, wenn sie dran war,
konnte ich kaum hinsehen. Nicht weil ich wollte
dass sie gewinnt, ich hoffte nur, sie würde
mit sich zufrieden sein. Die Wörter waren zu schwer
für mich; Ich hätte Charisma verpatzt,
Thermoskanne und Karosserie. Jedes Mal, wenn sie
eines richtig buchstabierte, wurde aus meinem Herzen ein Vogel.
Einmal war sie es, die so rastlos unter
meiner Haut flatterte, und als sie kam
hielt sie nichts in ihrer kleinen roten Hand.
Ihr Leben war eine Überraschung seither: sie kann
nähen; sie kann zeichnen; sie kann lesen. Sie hasst
Rosinen und liebt Sachkunde. Alle Eltern
werden es wohl so empfinden, während sie zusehen von den billigen
Klappstühlen aus. Irgendwo in ihnen
fand Liebe eine Form und jetzt
steht sie am Mikrofon und buchstabiert.

Wie fühlte es sich für dich an, Mutter oder Vater zu werden? Wie ist es, ein Kind aufwachsen zu sehen? Über das eigene Leben hinauswachsend? Ist es schwer, sie loszulassen? Gibt es einen besonderen Moment, in dem dir das klar wurde?


Schreibidee #109: Beschreibe einen Moment, in der dir klar wurde, was es bedeutet, Vater/Mutter zu sein.


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