12. Juli: Abschied, nicht vom Virus

Elbphilharmonie

Und dann riss der Faden. War es Überdruss, weil ich das Wort »Corona« zu oft getippt hatte, und mich gedanklich nun mit anderem beschäftigen wollte? Oder drängten, nach einer Weile Innehalten, zu viele andere Aufgaben danach, erledigt zu werden, möglichst gut und möglichst schnell?

Wahrscheinlich beides. Und dann kam mein Vater ins Krankenhaus (für eine Weile), und wenngleich es nun jede Menge Dinge gab, über die ich schreiben gekonnt hätte, schrieb ich, wenn überhaupt, nur in mein privates Notizbuch. Nun will ich noch einige Zeilen nachholen und das Projekt »Corona-Tagebuch« nicht abschließen (wie ginge das?), sondern verabschieden.

Bis meine Schwester mich anrief und über die Krankenhauseinweisung meines Vaters informierte, hatte ich die meisten Härten der Corona-Zeit nur aus der Ferne beobachtet. Weder sind meine Kinder so klein, dass sie mir beim Schreiben auf den Knien herumturnen wollten, noch ging mir ein Großteil notwendiger Einnahmen verloren. Ich arbeite auch nicht im Altenheim. Nun stand ich plötzlich mit einer Tüte Nachtwäsche und Rasierzeug am Eingang des Diakonissenkrankenhauses. Dort hatte man einen Container aufgestellt, der als Portierhäuschen fungierte. Man musste angeben, warum man vorbei wollte. Ich kam allerdings nicht vorbei. Jeglicher Besuch war verboten, außer wenn es sich um einen dringenden Notfall handelte, sprich: Wenn ein Angehöriger im Sterben lag. Das war zum Glück nicht der Fall. Man gab mir einen orangefarbenen Plastikanhänger, den ich mit Folienstift beschriftete. Damit versehen wurde die Tüte bei den Wachleuten abgeholt und auf die Station gebracht.

Mein Vater blieb alleine. Am Telefon erzählte er, dass er sich gut behandelt fühle, doch genau angeben, was untersucht und was unternommen wurde, um ihn vom angesammelten Wasser zu befreien, konnte er nicht. Nach einigen Krankenhaus-Erlebnissen mit meiner Mutter und meiner ältesten Tochter war ich zur Überzeugung gelangt, dass es nicht schaden kann, genauer nachzufragen, auf Medikamente hinzuweisen, Abläufe zu überprüfen etc. In manchen Häusern wird über die Einführung eines Patientencoachs nachgedacht, las ich, der zwischen Fachärzten vermittelt. Jetzt musste es also ohne uns gehen. Mittwochs war er eingewiesen worden, am darauffolgenden Montag gelang es mir erstmals, mit der Stationsärztin zu sprechen. Freitags hatte sie zu viel Entlassungspapiere abarbeiten müssen, da blieb keine Zeit für Gespräche mit Angehörigen. Sie erzählte mir, dass Vater sich gegen eine Untersuchung mittels Herzkatheter entschieden habe. Ursprünglich hatte er zugestimmt, doch die Stationsärztin hatte sich zum Glück etwas mehr Zeit für ihn genommen und herausgefunden, was er wirklich dachte. Hätten wir die Chancen-Risiko-Abwägung besser managen können? Hätten mehr Gespräche, zwischen allen Beteiligten, die Entscheidung leichter gemacht? Wahrscheinlich nicht, dachte ich, als ich das rote Telefonsymbol berührte, um das Gespräch zu beenden. Eher im Gegenteil. Dennoch war es schwer, ihn nicht besuchen zu dürfen. Vor allem hatte ich Sorge, dass wir womöglich nicht rechtzeitig verständigt würden, falls sich sein Zustand verschlechtern würde.

Ein zweites »Abenteuer«, das sich im Rückblick recht harmlos anfühlt, war unsere erste Corona-Reise, die ein paar Tage vor der Krankenhaus-Episode stattfand (am ersten Juni-Wochenende). Mit der Bahn zu dritt nach Hamburg, wohin auch die anderen beiden Töchter kamen. Vor Ort gab es keinen großen Unterschied zu bemerken, was die Schutzmaßnahmen betraf. Nur dass wohl weniger Touristen unterwegs waren. Die Fähre auf der Außenalster schipperte allein mit uns los. Die Hafenrundfahrt war schon ganz ordentlich besetzt, trotz eines leichten Schauers, wobei die professionelle Schnoddrigkeit des Kapitäns (er stellte sich als »Schipperlehrling im ersten Lehrjahr« vor) keine Unsicherheit aufkommen ließ. Ach was, Corona, das kann doch einen Seemann …

Schade war es, dass die spannende Musikszene der Stadt im Lockdown war: Keine Konzerte. Dafür hatten wir wohl nur Dank Corona Zimmer in der fantastischen Jugendherberge direkt gegenüber den Landungsbrücken bekommen. Dort war es zwar ein bisschen ungemütlich beim Essen, weil sich lange Schlangen bildeten und man nur zu festgelegten Zeiten zur Ausgabe vortreten durfte. Die Tische standen weit auseinander und mussten desinfiziert werden. Doch wenn man lieb fragte, konnte man sich später an den »fremden« Tisch am Fenster setzen, Alsterwasser trinken und die Aussicht genießen.

Die Bahn war leer, wo wir nicht reserviert hatten (weil der Zug gegen einen anderen ausgetauscht war) und gut besetzt, wo wir reserviert hatten. Ach DB, warum verteilst du die Leute nicht gleichmäßig übern Zug? So mussten wir uns auf der Rückreise an die Maskenpflicht halten. Vier Stunden durch das Ding zu atmen fiel mir schon schwer. Interessant ist das Gentleman’s Agreement, wonach man die Maske abnehmen darf, wenn man den Mund zur Nahrungsaufnahme braucht. Auch im Bordrestaurant, wo man mümmelt, während über Lautsprecher darauf hingewiesen wird dass »im ganzen Zug und während der gesamten Fahrt!« eine Nase-Mund-Bedeckung zu tragen sei.

Und was denke ich heute? In der ganzen letzten Woche kam es mir so vor, als sei nun doch die »neue Normalität« erreicht, gegen die ich mich zunächst innerlich wehrte. Der Ausnahmezustand hat sich in unsere Biografien eingraviert, er markiert einen Übergang. Die Illusion des »wieder zurück« hat sich verflüchtigt. Auch wenn wir unsere Reservierungen in Meck-Pomm storniert haben und uns nun doch nach Frankreich trauen: die Grenzen, im Denken und real, sind spürbarer geworden. Vielleicht können wir sie darum besser wertschätzen, unsere Freiheit. Dies Gut ist knapper geworden. Und wie Professor Drosten so schön sagte: Es ist ein Marathon, kein Sprint. Und jeder Marathon hinterlässt Spuren im Körper.

Verabschieden kann ich also nur das Corona-Tagebuch. Das Virus wird uns noch lange erhalten bleiben, befürchte ich. Die Idee, so lange über unseren Umgang mit ihm zu schreiben, wie diese Zeit anhält, war etwas zu optimistisch.

1 Texte

  1. Anneliese

    Lieber Herr Kappner,
    schön, an dieser Stelle noch einmal von Ihnen zu hören. Ich war in den letzten Wochen immer wieder auf dieser Seite. Schaute, ob was Neues kommt. Das schwarze Rechteck – das konnte doch nicht das Ende sein. Jetzt, mit dem Bild von Hamburg, dem Tor zur Welt, weitet sich der Blick wieder.
    Ich sage Danke für die Begleitung in den zurückliegenden Zeiten. Auch wenn ich nur selten reagiert habe, so habe ich Ihre Eintragungen doch immer gelesen. Ihr Tagebuch zu lesen bedeutete für mich, meinen eigenen Alltag genauer in den Blick zu nehmen: wie geht es mir? Was erlebe ich? Wo ähneln und wo unterscheiden sich unsere Erfahrungen?
    Für Ihren Urlaub wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie eine gute und erholsame Zeit.

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