Kinder-Perspektiven

#12 — Kindheitsperspektiven

Über die eigene Kindheit lässt sich auf vielerlei Weisen schreiben. Zum Beispiel kann man ganz unterschiedliche Perspektiven wählen. Der Autor oder die Autorin kann aus seiner gegenwärtigen Sicht schreiben und alles Wissen und Können heranziehen, das er seit seiner Kindheit erworben hat, seine Kenntnis der Familiengeschichte, der Psychologie oder der historischen Umstände. Oder er/sie versetzt sich so weit wie möglich in das Kind-Ich, das er einmal war, und schreibt aus dessen Perspektive, das heißt so, dass nicht mehr beschrieben und erläutert wird, als es das Kind hätte tun können. Und in seiner kindlichen Sprache. Eine Herausforderung, der man niemals ganz gerecht werden, die aber interessante Einsichten und Tonlagen hervorbringen kann. (Ein Beispiel für die Verwendung der Kinder-Perspektive ist Hugo Hamiltons Buch »Gescheckte Menschen«)

Schreibidee #12: Schreiben Sie über eine Episode ihrer Kindheit aus zwei Perspektiven. Einmal aus der des Kindes, das sie waren, und ein zweites Mal in ihrer heutigen Sprache und mit ihrem heutigen Hintergrundwissen.

Hinweis: Fangen Sie mit einer kleinen, nicht allzu bedeutsamen Episode an, also einer kleinen Geschichte. Lassen Sie die beiden Texte anschließend eine Woche liegen, und überlegen Sie dann, worin die Vor- und Nachteile der jeweiligen Herangehensweise liegen.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

2 Kommentare zu “#12 — Kindheitsperspektiven

  1. Helga Fernekeß

    Meine Geschichte entspricht zwar nicht ganz der „Aufgabenstellung“ der Schreibidee, ich möchte sie aber doch hier einstellen. Ich habe sie zuerst ganz aus der Perspektive eines Erzählers geschrieben, dann aber etwas abgewandelt auf meine jetzige Sicht und die Erinnerung (Gefühle) an die Kinderzeit. Und außerdem passt sie noch in die Weihnachtszeit.

    Meine erste Puppe
    Ich stehe am Fenster und schaue in den Abend hinaus. Es regnet und zwischen den Regentropfen wirbeln vereinzelte Schneeflocken. Die Puppe habe ich in einem kleinen Pappköfferchen ganz hinten im Wandschrank gefunden, als ich die Schachtel mit der Weihnachtsdekoration suchte. Das Köfferchen war einmal ein Handarbeitsköfferchen gewesen, wie es kleine Mädchen Anfang der 50er Jahre für die Handarbeitsstunde mit in die Schule nahmen, gefüllt mit Wolle und Stricknadeln oder Garn und Stoffresten. Ich halte die Puppe fest im Arm und sehe in den langsam dichter werdenden Schneeregen hinaus.

    Und dann bin ich wieder das kleine Mädchen und befinde mich in der großen Stube bei der Mutter. Sie war nicht die Großmutter dieses kleinen Mädchens, sondern ihre Pflegemutter und sie nannte sie „Mutter“, weil ihre erwachsenen Töchter sie auch so nannten. Das Mädchen ist vielleicht vier Jahre alt. Es dürfte die Zeit um das letzte Weihnachtsfest gewesen sein, das sie in dieser Familie verbrachte.

    Die große Stube in dem kleinen Haus war Wohnraum und Küche in einem. Da war die Bank, die sich um eine Breit- und eine Längsseite des Raumes zog. Auf sie konnte man gleich neben der Tür, die vom großen Flur hineinführte, klettern und fast bis zur Tür, die in den Schlafraum ging, entlang laufen.

    Es gab kein elektrisches Licht im Raum, im ganzen Haus nicht. Licht gab die Petroleumlampe, die über dem großen Tisch in der Ecke hing. Wenn sie auf der Bank stand oder auch auf dem Tisch kniete, dann war sie der Lampe ganz nahe. Der Glasstutzen der Lampe wurde vorsichtig abgenommen und sie durfte an dem kleine Rädchen am Fuß der Lampe drehen. Der breite Docht, getränkt mit Petroleum, ragte nun etwas höher heraus und der Lichtschein der Lampe wurde größer und fiel weiter in das Zimmer hinein, die Schatten tanzten an der Wand.

    Die wohlige Wärme, die sich abends ausbreitete, kam aus dem runden „Kanonenofen“, der mitten im Raum stand. Man durfte ihm nicht zu nahe kommen, aber es war so aufregend, ein Stück Holz oder Brikett nachlegen zu dürfen. Die kleine Ofentür wurde aufgehebelt — pass auf, der Eisenriegel ist heiß! — aber mit einem Scheit Holz konnte man ihn ohne sich zu verbrennen hochschlagen, und dann fiel das Kohlestück in die Glut, die auseinander stob und rote Funken versprühte. Oben auf dem runden Öfchen stand ein Topf mit Wasser, der leise zu summen begann, wenn das Wasser heiß genug war.

    Tagsüber wurde Feuer im Herd gemacht, auf dem das Essen gekocht wurde. Auch hier die gleiche Prozedur, die nur von den großen Leuten ausgeführt werden durfte: Späne oder Reisig einschichten und ein Knäuel Papier darunter schieben, das dann angezündet wurde. Wenn die Holzspäne durch und durch brannten, dann wurden Holzscheite und später Kohle nachgelegt. Manchmal glühten die schmalen Eisenringe der Kochstelle, die man mit einem Griff herausheben und dann den Topf direkt auf das offene Feuer stellen konnte. Das alles war sehr aufregend und sah gefährlich aus, aber wenn die Mutter da war, dann konnte nichts passieren. Sie legte auch die großen Steinpilze und all die anderen Pilze, die das kleine Mädchen nicht mit Namen kannte, auf die Herdplatte und briet sie dort. Der Duft von gebratenen Pilzen erfüllte das ganze kleine Haus.

    Wenn die kalte Jahreszeit kam und die Eisblumen an den Fenstern auch tagsüber nicht mehr weg gingen, dann wurden die paar buntgefiederten Zwerghühner aus dem breiten Flur des alten Hauses, wo sie bis dahin abends untergebracht waren, in die warme Stube geholt. In einer mit Stroh ausgelegten und mit einem Drahtgitter verschlossenen Kiste wurden sie neben der Tür unter die Bank geschoben. Dort saßen sie dann und steckten die Köpfe unter die Flügel.

    In dieser Jahreszeit, wenn es draußen so früh dunkel wurde und sie lange in der dämmrigen Stube ausharren musste, bis die großen Leute mit ihrer Arbeit auf dem benachbarten Bauernhof fertig waren, erschien ihr so vieles geheimnisvoll zu sein. Es roch nach Zimt und Nüssen, aber die Lebkuchen und Plätzchen, die der Grund dafür waren, verschwanden nach dem Backen und tauchten erst am Weihnachtsabend wieder auf. Dafür lagen von den getrockneten Apfelscheiben auf einem Teller und sie fand immer wieder mal einen silbernen Faden oder lockiges Engelshaar auf der Fensterbank oder dem Fußboden. „Der Engel, den das Christkind auf die Erde schickt um zu schauen, wo brave Kinder sind, ist durchs Haus geflogen…“ Konnte sie dem je gerecht werden? Aber dann lag da doch eine schmale längliche Schachtel unter dem Christbaum, der wie jedes Jahr am Heiligabend erst aus dem Wald geholt worden war und in der warmen Stube seinen würzigen Tannenduft verströmte. Die Kerzenlichter spiegelten sich in den bunten Kugeln und der Weihnachtsengel hatte sein ganzes wallendes Haar im Vorbeifliegen in unserem Christbaum verloren.

    Ich schaue auf die kleine Puppe herab, die mit abgestoßener Nase im zerkratztem Pappmaché-Gesicht und mit kümmerlichen, verfilzten Haaren in meinem Arm liegt. Die Puppe ist wirklich nicht besonders schön, aber sie wurde heiß geliebt von dem Zeitpunkt an, als ich sie vor mehr als 65 Jahren mit einem begeisterten Aufschrei aus der Schachtel nahm und an mich drückte.

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Fernekeß,
      vielen Dank für diese schöne Weihnachtsgeschichte, die vor allem aus der Perspektive des Kindes geschrieben ist, das Sie einmal waren. Toll, wie Sie die Faszination des Feuers und der Wärme im Winter beschrieben haben.
      Der zweite Absatz zeigt die Tücke des Perspektivwechsels. Im ersten Satz rutscht Ihnen noch ein „ich“ durch („Und dann bin ich wieder das kleine Mädchen …“) dann entscheiden Sie sich, in der dritten Person über das Mädchen zu schreiben („… dieses kleinen Mädchens …“). Das ist also beides möglich: Kindheitsperspektive in erster oder dritter Person. Um den Leser über die handelnden Personen der Geschichte zu orientieren, schieben Sie dann allerdings eine Erklärung ein, die das kleine Mädchen selbst nicht abgegeben hätte („Sie war nicht die Großmutter […], sondern ihre Pflegemutter.“) Hiermit verlassen sie die Kinderperspektive also wieder. In einem längeren Text gäbe es sicherlich auch andere Möglichkeiten, den Leser wissen zu lassen, wer gemeint ist, ohne die Perspektive zu verlassen. Bei diesem kurzen Text, der vor allem von der Stimmung lebt und den Details der Beschreibung, müssen die familiären Verhältnisse vielleicht gar nicht aufgeklärt werden.
      Sie merken: Perspektive ist ein facettenreiches Thema!
      Herzlich,
      Stefan Kappner

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