13. April 2020: Bericht vom Ostersonntag, 12. April

Corona-Ei

Für ihr Projekt »Was hast du am 12. April 2020 gemacht?« rief die Psychologin Caroline Roggendorf dazu auf, ihr Texte zuzuschicken. Sie möchte eine Sammlung individueller Zeugnisse dieses besonderen Tages während der Corona-Krise in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Chinesisch (Mandarin) und Arabisch) zusammenstellen und womöglich als Buch veröffentlichen. Hier mein (etwas gekürzter) Beitrag.

Ostersonntag war immer ein Familientag, den wir gerne feierten. Im Jahr 1998, als meine Frau mit unserer ersten Tochter schwanger war, kauften wir uns die Zeitschrift „Eltern“ und fanden darin das Rezept eines Osterzopfs, der diesen Sonntag in seiner 22. Reinkarnation auf dem Frühstückstisch stand. Er gehört als fester Bestandteil zu den Ostertraditionen, die wir seither entwickelt haben und inzwischen mit drei Töchtern begehen. Zwei unserer Kinder sind schon beinahe erwachsen und zu Hause zugleich zu Besuch. An diesem Ostersonntag, dem 12. April, wären sie auf jeden Fall gekommen – doch wegen der Corona-Pandemie und des Kontaktverbots sind sie bereits seit Mitte März hier, und noch ist unklar, wie lange sie bleiben werden.

Am Ende ihrer letzten Studiensemester in Bonn und Braunschweig fielen Klausuren aus, der Beginn des neuen Semesters wurde auf den 20. April verlegt. Sie erhalten E-Mails von Professoren und den Uni-Verwaltungen, dass diese und jene Veranstaltung (sogar Labor-Praktika) auf Online-Formate umgestellt würden, doch die Pläne sind etwas vage und vermitteln kein klares Bild davon, wie ihr Studium in den nächsten Monaten laufen wird. An manchen Tagen wirken sie recht zufrieden in ihren unfreiwillig verlängerten Ferien, eine näht sich Oberteile aus alten Herrenoberhemden, die ich zur Verfügung stelle, die andere lernt Französisch und spielt Gitarre. Dann wieder spüre ich die Spannung, in der sie darauf warten, endlich wieder loszuziehen und ihr eigenes Leben leben zu können.

Unsere jüngste Tochter wäre ohne Corona gerade auf ihrem ersten Schüleraustausch in der Schweiz. Die Schweizer Organisation sagte bereits alles ab, als in Deutschland noch die wenigsten an ein Kontaktverbot dachten. Eine Zeitlang hielten wir diese Maßnahme für übertrieben. Dann wurden auch in Hessen die Schulen geschlossen, drei Wochen vor Beginn der zweiwöchigen Osterferien. Per E-Mail und über die Homepage ihrer Schule bekam sie Aufgaben und entwickelte den Ehrgeiz, sie rasch abzuarbeiten, um möglichst schon am Mittwoch oder am Donnerstag jeder Woche „frei zu haben“. Weil sie ihre Hausaufgaben sonst weitgehend selbstständig erledigt, habe ich nur die Aufgaben und Lösungsbögen ausgedruckt, aber nichts kontrolliert.

Meine Frau arbeitet an verantwortlicher Stelle in einer Gesamtschule. Nach dem Corona-Shutdown war sie damit beschäftigt, das schriftlich Abitur neu zu organisieren, das in Hessen trotzdem stattfand, in größeren Sälen und mit desinfizierten Händen. Ansonsten hielten sich wegfallende Arbeiten und neue Aufgaben in etwa die Waage.

Ich selbst, als freiberuflicher Autor und Schreib-Berater, komme bislang glimpflich davon. Bis kurz vor Ostern hatte ich gut zu tun, und auch für danach schon reichlich Pläne. Die Interviews zu meinem aktuell wichtigsten Projekt habe ich im Januar durchgeführt, bis zum Sommer werde ich daran schreiben. Einige Veranstaltungen musste ich streichen und kann derzeit natürlich auch keine persönlichen Beratungen durchführen. Einen gewissen Verdienstausfall habe ich also zu beklagen. Die staatlichen Hilfen des Bundes und der Länder kommen mir nicht zugute, da ich als „Heimarbeiter“ keine laufenden Kosten tragen muss, weder Angestellte beschäftige noch ein Büro oder Dienstauto miete. Hilfen zum Lebensunterhalt gibt es nur nach Bedarfsprüfung, und weil das gesamte Familieneinkommen geprüft wird, gehe ich auch in dieser Hinsicht leer aus. Existenzsorgen plagen mich dennoch nicht.

Als wir uns gestern, am 12. April, zu fünft ans Osterfrühstück setzten, konnten wir also relativ unbeschwert den Tag genießen. Die jahrelang eingeübten Traditionen gaben uns die Richtung vor. Ich rief meine Eltern an, die sich leider wegen des Virus in verschärfter Isolation befinden. Mein Vater ist 90, meine Mutter 85 Jahre alt, es ist schon traurig, sie über Ostern nicht besuchen zu können. Später telefonierten wir, Apparat auf dem Tisch und gedrückte Freisprechtaste, auch mit meiner Schwiegermutter, die von erstaunlichen Aktionen in Köln zu berichten wusste: Dort traf man sich zum gemeinsamen Singen mit Bläserchormusik auf einem Kirchplatz. Sollte das nicht untersagt sein? Außerdem war sie zum Blumenladen gegangen und hatte sich für das schöne Gesteck bedankt, das wir ihr am Dienstag (zu ihrem Geburtstag) hatten bringen lassen, damit sie oder mein Schwiegervater nicht selbst zum Blumenladen ging.

Nach dem üppigen Mahl – der Osterzopf war dank Frischhefe besonders gut gelungen – setzten wir uns im Wohnzimmer zusammen. Eine Feier mit Liedern, Bibeltexten und Geschichten ersetzte den sonst üblichen Kirchgang. Evangelium: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ (Am Vorabend hatten wir im Garten ein kleines „Lagerfeuer“ entzündet, als Reminiszenz ans Osterfeuer.) Danach begaben sich die Damen auf einen Spaziergang, während ich die Pellkartoffeln zu Wasser ließ und den Osterhasen aus nächster Nähe dabei beobachtete, wie er selbstbemalte Eier, Schokolade aus kleinen Tütchen und größere Geschenke im Garten verteilte. Obwohl ich meinen Fotoapparat schon einmal fürs Familienfoto bereitstellte, versäumte ich es leider, ihn zu fotografieren. Als die Kartoffeln fertig waren und der Tisch gedeckt, kam die Familie zurück – zum Glück! – und die kleinen Paketchen und Leckereien wurden wieder eingesammelt. Außer Schokolade und Ei fanden wir Yogamatten fürs Heimtraining, Bücher zum Nähen und zum Selbermachen alltäglicher Dinge im Haushalt, etwas Elektronik zur Verbesserung des WLAN-Empfangs und eine Trinkflasche. Die Sonne schien und sorgte für T-Shirt-Wärme. Wir saßen an unserem Gartentisch, packten alles in Ruhe aus, die Eltern tranken Sekt und alle aßen Schokolade.

Als letzter gesetzter Programmpunkt des Tages folgte das Mittagessen mit den Pellkartoffeln, dem hessischen Nationalgericht „Grüße Soße“ und, natürlich, den hartgekochten Eiern. Die Flasche Sekt, die meine Frau und ich währenddessen vollends leerten, ließ uns von einem ausgedehnten Mittagsschlaf träumen, der in meinem Fall tatsächlich bis 18 Uhr andauerte.

Was wir an diesem Tag gar nicht sahen, waren Nachrichten zur Ausbreitung des Corona-Virus in aller Welt. Weder „Tagesschau.de“ noch die „BBC“ (zum Gesundheitszustand von Premier Johnson) oder das „Corona-Update“ des NDR mit Christian Drosten informierten uns. Abends fanden wir uns erneut im Wohnzimmer zusammen und schauten statt dessen „Stolz und Vorurteil“, „Pride and Prejudice“, in der 2005er-Version mit Keira Knightley. Nur einmal blitzte dabei die Gegenwart ins Schwelgen: Beim Anblick eines Ballsaals mit dichtgedrängten Tänzern.

3 Kommentare

  1. Trude Krumbelisch

    Ostersamstag
    Seit der Ausgangsbeschränkung wegen der Corona Pandemie ist mein Kopf leer. Ich habe mehrmals den Versuch unternommen etwas zu schreiben. Es kommen keine Gedanken auf, die sich zu Papier bringen lassen. Vielleicht gelingt mir ja der Rückblick auf das „andere Ostern“.
    Ostern ist bei uns schon immer ein großes Familienfest gewesen. Wir treffen uns mit der Großfamilie immer bei unserer Tochter, weil sie den meisten Platz haben. Auch unser Sohn mit seiner Frau und mein Bruder mit Familie kommen normalerweise am Ostersonntag zum Brunchen vorbei. Meine Tochter hat zwei Kinder und alle freuen sich über die beiden Mädels, wenn sie im Garten nach dem Osterhasen suchen.
    In diesem Jahr jedoch war alles anders. Der persönliche Kontakt zu den Enkelkindern fehlt mir sehr. Dennoch müssen wir das Beste daraus machen. Die Osterkörbchen für die Mädels haben wir schon vor Kurzem vor die Haustür bei den Kindern gestellt, als wir die Geburtstagstorte für die Enkelin vor deren Haustür aufgebaut haben. Zwischen uns und unserer Familie liegen 50km und sie wohnen dazu noch in einem anderen Bundesland. Bis vor kurzem spielte das keine Rolle. Jetzt aber schon, denn die Vorschriften der beiden Länder sind nicht mehr gleich. Aber das ist eine andere Geschichte.
    Da wir zur Risikogruppe gehören, gehen wir nur noch einmal in der Woche einkaufen. Dafür stehen wir in der Regel ganz früh auf und machen uns noch vor dem Frühstück auf den Weg.
    Auf dem Rückweg von der Aktion Geburtstagstorte waren wir unterwegs in einem großen Supermarkt einkaufen. Wir brauchten für Ostern also nur noch ganz wenige Sachen besorgen. Was uns zum Glück noch fehlte, war die frische Hefe. Doch die war vor Ostern leider nicht zu bekommen. Statt dessen ergatterten wir frische Erdbeeren, die auch wirklich nach Erdbeeren schmeckten. Immerhin hatte ich mich zu Beginn der Hamsterkäufe mit Trockenhefe eingedeckt. Ich bin diejenige, die bei all den Familienfesten für das Kuchen backen zuständig ist. Zucker; Mehl und Backzutaten haben wir immer im Haus.
    In all den Jahren sind wir immer zur Osternacht in die Kirche gegangen. Wir lieben das Osterfeuer, die dunkle Kirche und den Kerzenschein unserer kleinen Kerzen. Anschließend folgte die Agapefeier im Gemeindehaus. Dort schnitten wir immer unseren Hefezopf an. Es gab gekochte Eier und Rotwein dazu. Über die Jahre entwickelte sich die Feier zum großen Fressen. Käsewürfel, Rinderstracke, Trauben, roher Schinken und gefüllte Blätterteigtaschen gingen an den Tischen rund. Die Kroaten hatten das eingeführt. Unser Freund ging immer mit selbstgebranntem Sliwowiz herum und schenkte ein. Wir kamen immer erst nach Mitternacht nach Hause. Ich stand jedes Jahr den ganzen Samstag in der Küche und der Ofen wurde nicht kalt.
    Auch an diesem Osterfest wollten wir nicht auf unseren Hefezopf verzichten. Wenn ich Hefeteig backe, dann immer von einem Kilo Mehl. Diese Portion war für uns zwei viel zu viel. Wir beschlossen, dass wir einen Hefezopf einfrieren würden. Wir überlegten hin und her wie wir in diesem Jahr den anderen Hefezopf an den Mann bzw. die Frau bringen könnten. Dann kam mir die Erleuchtung: Der Hefezopf ist weich und biegbar. Wir schnitten den Zopf in schmale Stücke und verpackten sie in Alufolie. Aber der Reihe nach. Zusätzlich buk ich ein Osterlamm und eine Minitorte für uns zwei.
    Am Nachmittag fuhren wir in unseren Kleingarten, denn dort hatten wir noch die „Aktion Osterhase“ zu erledigen. Um die Enkelinnen bei Laune zu halten wollten wir ein kleines Video vom Osterhasen drehen. Nach dem Motto: Der Osterhase hat Ausgangssperre deshalb muss die Oma in diesem Jahr die Eier verstecken. Ich hatte mir dafür extra Hasenohren genäht. Ich zog mir eine braune Hose und ein braunes Sweatshirt an. Dazu trug ich braune Filzpantoffeln. Ausgestattet mit einem Körbchen und Plastikeiern hüpfte ich durch den Garten und legte ein Ei hinter einen Minibusch. Mein Mann bediente das Handy und sprach den Text. Zur Erheiterung unserer Gartennachbarn brauchten wir fünf Anläufe bis wir Text und meinen Weg überein gebracht hatten. Mal verlor ich einen Pantoffel und mal rutschten mir die Ohren vom Kopf. Das Video wurde ein großer Erfolg und sorgte für viele Lacher. Was wir für die Enkelinnen produziert hatten, verschickten wir auch an unsere Freunde.
    Kurz vor 21:00 Uhr machten wir uns auf den Weg in die Kirche. Wir hatten in Erfahrung gebracht, dass die Kirche für stille Gebete geöffnet sein würde, aber kein Gottesdienst stattfand. Der Weg zur Kirche führt durch eine Anlage. Dort waren an einigen Bäumen Zettel befestigt. Auf denen stand: „Hoffnung zum Mitnehmen“. Außer den Zetteln war nichts mehr zu sehen. Wir konnten unserer Fantasie aber freien Lauf lassen und überlegen was man da wohl hätte finden können. In der Kirche lief leise Marienmusik. Die elektrischen Lichter waren aus, aber man konnte sich geweihte Osterkerzen nehmen und diese zum stillen Gebet anzünden. Das Licht am Ende des Tunnels? Es wird noch lange dauern, bis wieder Normalität im Alltag eintritt. Aber zumindest ein kleines Licht der Hoffnung erhellte diese Nacht. Am Ausgang stand ein großer Korb mit gefärbten Eiern, aus dem man sich eines nehmen durfte. Bereits in der Kirche verteilten wir die ersten zwei Stücke unseres Hefezopfes. Dann machten wir uns auf den Weg, um unseren Freunden, die im näheren Umkreis wohnen je ein Stück vom Hefezopf in den Briefkasten zu stecken. Zuhause angekommen setzten wir uns auf den Balkon. Wir verzehrten im Schein unserer Osterkerzen unseren Teil des Hefezopfes. Dazu gab es die gefärbten Eier und Rotwein.

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Krumbelisch ( 😉 ),
      vielen Dank für Ihren Osterbericht. Die Osterhasen-Aktion hätte ich gerne gesehen, ich musste beim Lesen schon lachen. Und schön, dass Sie ein bisschen Hoffnung mitgenommen haben. Im nächsten Jahr gibt es bestimmt wieder ein großes Hallo. Nur vielleicht vermissen die Freunde dann den Hefezopf im Briefkasten …
      Herzlich, SK

  2. Helga Fernekeß

    Danke für den obigen Hinweis, lieber Herr Kappner! So habe auch ich unseren 12. April 2020 als „persönliches Dokument“ festgehalten, als Erinnerung an ein Osterfest und eine Zeit, das/die man sicher nicht so schnell vergessen wird.

    LG und die besten Wünsche für Sie und Ihre Familie
    Helga Fernekeß

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.