Frau vor Schaufenster

#13 — Kleider

Kleid Nr. 2 war […] aus brauner Schurwolle, züchtig geschnitten mit einem Tulpenrock, der oben anlag und unten weit war, einem hochgeschlossenen Kragen, der durch einen kleinen kreisrunden Schlüssellochausschnitt aufgelockert wurde, und Leisten von Goldknöpfen am Hals und an den Handgelenken. Ich war monatelang um das Kleid herumgeschlichen, bis ich genug Geld gespart hatte, um im Ausverkauf zuzuschlagen. Es kam in mein Leben, als ich gerade meinen ersten Bürojob antrat, und war die perfekte Uniform für das effiziente, asexuelle Faktotum, als das ich mich sah. Es wurde mein Markenzeichen im Büro und passte zu dem distanzieren, witzelnden Ton, den ich damals gern anschlug. Mein Freund verbrachte gerade ein Jahr im Ausland, und mir gefiel, dass das Kleid meine Unabhängigkeit und meine Unerreichbarkeit signalisierte. Kurz, Kleid Nr. 2 gab mit das Gefühl, Gold wert zu sein.

Dieses Zitat der Autorin Sadie Stein stammt aus dem Buch »Frauen und Kleider. Was wir tragen, was wir sind«, einem Sammelsurium voller biografischer Texte, Interviews und Dialoge zum Thema Kleidung, die 2015 als Übersetzung im S. Fischer Verlag herauskam. Es bietet keine Stilberatung, auch keinen Mode-Überblick, sondern zeigt, wie sehr Kleidung (Mode) als Ausdruck und Vergewisserung der jeweils eigenen Identität verstanden wird. Eben nicht nur »was wir tragen«, sondern auch »was wir sind«. (Und das gilt nicht allein für Frauen, glaube ich, aber sicherlich etwas mehr.)

Kleider sind nicht allein Gebrauchsgegenstände, sondern auch Zeichen. Bewusst oder unbewusst werden sie interpretiert und drücken etwas aus. »Kleider machen Leute«, bestimmen also die Art, wie wir von anderen gesehen werden. Darum kann man sie auch nutzen, um zu zeigen, wie man sich selbst sieht oder gesehen werden möchte.

Schreibidee #13: Schreiben Sie über ein Kleidungsstück, das Ihnen wichtig war. Was sagte es darüber aus, wer sie waren oder sind?

Hinweis: Erzählen Sie zuerst die Geschichte, woher das Kleidungsstück stammt, und beschreiben Sie es ausführlich. In einem zweiten Schritt erzählen Sie davon, zu welcher(n) Gelegenheit(en) sie es getragen haben und wie es mit Ihrem damaligen »Lebensgefühl« und damit zu tun hat, wie Sie sich sahen oder gesehen werden wollten.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

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