13. Mai 2020: Konzentration

Kamerafokus

Ich kann gut vormittags schreiben, wenn ich nicht auf meine E-Mails schaue und nicht allzu viel ansteht. Gut geht es meistens auch in Bibliotheken und in Cafés (am besten in Buchladen-Cafés), wenn dort keine Musik läuft und so viele Leute durcheinander reden, dass die Stimmen zu einem geselligen Rauschen verwischen.

Wenn ich dagegen ganze Sätze vom Nebentisch aufschnappe, fällt es mir schwer, sie auszublenden und mich auf den stillen Klang meiner eigenen Wörter zu konzentrieren, die ich ins Notizbuch schreibe oder ins Notebook tippe. Konzentration ist wie ein abgedunkelter Raum mit Papierwänden, dessen Eingang ich immer erst suchen muss. Manchmal gelingt es mir, ihn mit Willenskraft entstehen zu lassen, manchmal finde ich ihn voller Krempel vor, den ich nur mit Mühe herausschaffe.

Zu viel Nachrichten zu schauen, wie ich es am Anfang des Lockdowns getan habe, stört die Konzentration. Dann kann ich zwar solche Tagebucheinträge schreiben, brauche aber deutlich länger, wenn es mir überhaupt gelingt, um einen Eingang in diesen Papierraum zu finden, in dem allein ich kreativ sein kann.

Nun ist seit Tagen viel von den »Lockerungen« die Rede, und zu Recht, denn was nun auf uns zukommt, ist schwieriger zu verstehen und umzusetzen als das bisherige Kontaktverbot. Die Musikschule meiner Tochter öffnet ab nächste Woche wieder, mit Hygienemaßnahmen, die sich bei einem Einzelunterricht zwar leicht umsetzen lassen. Aber ihre Lehrerin gehört zur Risikogruppe. Was tun? Im »eingeschränkten Präsenzunterricht für die Unter- und Mittelstufe« werden Klassen gedrittelt und pro Woche drei Stunden »beschult«. Die VHS, an der ich regelmaßig Schreibworkshops gebe, lässt maximal 11 Teilnehmer*innen in den Raum, aber 14 sind angemeldet. Das rituelle Pausenkaffeekochen muss wohl ausfallen, eine lange Liste von Vorschriften, die Ansteckungen verhindern sollen, ist zu beachten. Und wie gehen wir mit dem Online-Forum um, das ich eingerichtet habe? »Ganz oder gar nicht« ist leichter als »teilweise und mit Einschränkungen«. Es wird viel Konzentration verlangen, diese »neue Normalität« einzuüben. Bis uns irgendwann, vielleicht im nächsten März, die medizinischen Forscher und Biotechnologen mit einem Impfstoff erlösen.

Noch habe ich mich nicht ganz an den Mund-Nasen-Schutz gewöhnt, und muss wieder zurück, wenn ich schon auf dem halben Weg zum Bäcker bin (der zum Glück nicht weit entfernt ist). Noch kostet das Youtube-Fitnessprogramm mehr Überwindung als die Tasche zu packen und zur Halle zu laufen. Und schon werden wir angefragt, ob wir unter den Pandemieschutzbedingungen des Sportvereins wieder zum Training kommen würden. (Ohne Dusche!? Ich weiß nicht. Meinem Immunsystem würde ich damit wohl keinen Gefallen tun. Der gemeine Feld-Wald-und-Wiesen-Schnupfen ist auch noch nicht ausgerottet.) Rin in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln. Und welche Kartoffeln eigentlich? Es stimmt schon: Ich habe jetzt mehr Zeit zum Schreiben, und kann mir morgens noch einen Kaffee extra zubereiten, um ihn neben die Tastatur auf meinen motorisierten Sitz-Steh-Tisch zu stellen. Aber dieses Hin und Her kostet auch ganz schön Konzentration.

1 Kommentare

  1. Anneliese

    Papierraum. Schönes Wort. Ich stelle mir einen hellen Raum vor. Von der Decke hängen große Papierfahnen wie Laken auf der Wäscheleine. Ein sanfter Wind weht durch den Raum, und mit leisem Knistern bewegen sich die Bahnen …

    Zum Schreiben: Ich schreibe am liebsten an einem Platz mit Weitblick, vorzugsweise mit Meerblick. Da ich nicht immer am Meer sein kann, tut es auch der heimische Balkon mit seinem Blick über Wiesen, Felder und Wälder. Der Tisch, an dem ich schreibe, sollte nicht zu klein sein. Und ich schreibe immer mit Füller.

    Mit dem Blick aufs Meer kommt eine große Ruhe über mich, die Gedanken purzeln nicht mehr wild durch meinen Kopf. Mit der Atmung des Meeres fließt der erste Satz aus meinem Füller auf das Papier. Weitere Sätze folgen. Dazwischen hebe ich immer wieder den Kopf, schaue auf die Bewegung der Wellen. Die Seiten füllen sich.
    Was am Meer die Bewegung des Wassers, ist auf unserem Balkon das fast Unveränderliche der Landschaft. Immer dasselbe Bild, wenn ich aufschaue. Manchmal die Milane, die in großen Schwüngen die Felder nach Nahrung scannen. Vögel zwitschern in den Büschen und auf den Bäumen.

    In einem Café habe ich auch schon geschrieben. Ich erinnere mich gut an eine Begebenheit in meinem Sabbatjahr, als ich durch Italien reiste. Ich saß in Parma in der Nähe des Domplatzes unter Arkaden. Vor mir auf dem Tisch ein Cappuccino und das Heft, in dem ich meine Erlebnisse des letzten Tages festhalten wollte. Der Wirt sprach mich an, fragte, woher ich käme und was ich mache. Ich habe es ihm erzählt, und er sagte zu mir: Es gab schon mal einen Deutschen, der durch Italien reiste und Tagebuch schrieb. Es dauerte einen Moment, bis bei mir der Groschen fiel. Aber das war zu viel der Ehre.

    Dass Schreiben auch mit wenig Platz und ohne Meer und Ferne geht, habe ich bei Ihnen im Schreibcafé erlebt. Aber das lag dann auch an Ihren Vorgaben.

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