14. April 2020: Prärie

Prärie

Vor vier Wochen habe ich mit diesem öffentlichen Corona-Tagebuch begonnen. Am 17. März, einen Tag nachdem die hessischen Schulen geschlossen wurden, und noch fünf Tage vor der Kontaktsperre am 22. März. Zeit für eine erste Bilanz?

Ostern war ein Höhepunkt, auf den ich mich eine Weile gefreut hatte. Nun fühle ich mich wie häufiger nach solchen Höhepunkten: Ich suche nach einem neuen Ziel in der Zukunft, an dem ich mich auf meinem weiteren Weg orientieren kann. Was kommt als Nächstes? Gestern Abend sah und hörte ich deshalb wieder Corona-Nachrichten und -Info-Sendungen, darunter den wenig aufmunternden Beitrag der Wissenschafts-Youtuberin Mai Thi Nguyen-Kim (der bereits am 1. April aufgenommen wurde). Und musste feststellen, dass mich die österliche Hoffnungsstimmung etwas mitgerissen hatte. Wahrscheinlich, so wurde mir gestern klar, wird das alles doch viel länger dauern, und es ist recht zweifelhaft geworden, ob zum Beispiel meine Jüngste am Montag wieder in die Schule darf (dieses Modalverb benutze ich hier leider ohne jede Ironie). Inzwischen bestimmen Stufenpläne die Diskussion, vor allem der der Leopoldina. Je flacher die Kurve der Neuinfizierten, desto besser fürs Gesundheitssystem, aber desto länger dauert das Ganze aber auch. Bill Gates, vom Computer-Nerd vollständig zum weisen Menschenfreund gewandelt, prognostiziert einen Impfstoff in 18 Monaten. Ungeduld breitet sich aus, meine zweite Tochter sehnt sich zurück in ihre studentische Freiheit und kündigt an, uns doch bald einmal verlassen zu wollen, Online-Studium hin oder her.

Der Reiz auch dieses Neuen nutzt sich ab, und ich fühle mich, als hätten wir erst eine kleine Etappe hinter uns, auf unserem Treck durch die Prärie, vor uns noch etliche Gefahren, hinter uns ein Planwagen mit Wasser und Proviant, die hoffentlich reichen werden. Wir wissen es nicht, denn die Strecke, die vor uns liegt, ist unvermessenes Land.

Daraus folgt: Für eine Bilanz ist es noch viel zu früh.

Um ein bisschen Druck vom Kessel zu nehmen, werde ich am Donnerstag mit Mundschutz und Desinfektionsmittel zu meinen Eltern fahren. In den nächsten Wochen würde sich das Risiko, sie bei einem Besuch auf der Terrasse anzustecken, nur erhöhen. Denn zum einen steigen die absoluten Zahlen sicherlich noch eine Weile, zum anderen wird meine Frau wieder mehr mit Schülern zu tun haben, auch wenn nur wenige Klassen wieder zugelassen werden sollten. Nach meinem Besuch wird meine Älteste auch wieder ihren Freund treffen. Das sind unsere minimalen Nach-Oster-Lockerungen. Dazu noch das eine oder andere Treffen mit Freunden auf Abstand. Damit kommen wir dann wohl über die nächsten Wochen.

P.s.: Lockern werde ich von nun an auch meine Tagebuch-Disziplin. Um zufrieden zu bleiben, muss ich mir in der einförmigen Prärie Zielpunkte setzten und diese möglichst geradlinig ansteuern. Manchen Corona-Felsen, der abseits der Strecke liegt, muss ich darum unerforscht liegen lassen.

1 Kommentare

  1. Christiane Tilse

    Lieber Stefan, das Bild vom Treck durch die Prärie in eine Zukunft voller Unsicherheiten hat mich sehr berührt. Ich werde es eine Weile mit mir herum tragen.
    Herzlichen Gruß und danke, dass Du mich/uns an Deinem Familienleben teilnehmen lässt.
    Christiane T.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.