#14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

3 Kommentare

  1. Helga Fernekeß

    Zuviel Weihnachten

    Weihnachten all überall … ach je, schon wieder ist es soweit – bereits seit Wochen überall Lebkuchen und Christstollen, weihnachtliche Dekoration, grün und golden – Lichter bestückt.
    Nicht immer war Weihnachten zuviel.

    Die lange Zeit des Wartens – noch erwartungsvoller geworden durch den Duft von seltenen Gewürzen beim Plätzchenbacken, von Bratäpfeln und Mandarinen – ätherische Öle mit angenehmer Wirkung. Und dann endlich die lang ersehnte Puppe im Arm halten. Da nahm ich auch die Zugabe von warmer Unterwäsche in Kauf.
    Der Weihnachtszauber schwächte sich ab, als ich in buntes Geschenkpapier eingewickelte Päckchen ganz hinten im Kleiderschrank entdeckte und ahnen konnte, wer sich unter dem Gewand des Bischofs Nikolaus verbarg. Und die Androhung, von Knecht Ruprecht mitgenommen zu werden, falls wir das Jahr über nicht brav sein sollten, verlor ihren Schrecken, als ich merkte, dass die Beine des bösen Buben im Sack nur ausgestopft waren.
    Und später nervte es nur noch: der Fast-Familienkrach beim Schmücken des Baumes, weil er nicht wirklich gerade im Ständer stand und die Kerzen zu nahe an den Zweigen, so dass sie in Brand geraten könnten. Was sie jedoch sowieso nicht getan hätten, weil der Christbaum, ganz frisch gefällt, direkt aus dem Wald kam und der Honigduft der Kerzen sich mit dem harzigen Duft der Tanne nur an den Weihnachtstagen vermischte. Dann waren die Kerzen heruntergebrannt und neue wurden höchstens noch einmal zum Jahreswechsel aufgesteckt.
    Und alle Jahre wieder: Würstchen mit Kartoffelsalat und nach der Bescherung ein Gläschen Punsch. Oder war es Eierlikör? Wie spießig! Spätestens am ersten Feiertag-Nachmittag waren wir auf der Eisbahn – Schlittschuhlaufen war schöner als Weihnachtsliedersingen.

    Und ein paar Jahre später? Am schönsten und buntesten war die Weihnachtzeit in Rom:
    Wenn die Luft klar und der Himmel strahlend blau war, vom eisigen Nordwind, der Tramontana, frei gefegt von jedem Wölkchen, und die Sonne in den Glitzerketten an den Ständen des Weihnachtsmarktes auf der Piazza Navona funkelte. Ein paar weihnachtlich geschmückte Buden um den Vier-Ströme-Brunnen, mit vielen Süßigkeiten im Angebot, bunter Weihnachtsdekoration und vor allem Spielzeug aller Art, besonders oft Plastikschwerter und Pistolen, begehrter als das auch vereinzelt angebotene weihnachtliche Kunsthandwerk. Das war für uns ganz und gar ungewohnt, nicht zu vergleichen mit dem Christkindlmarkt in München – eben anders, viel bunter und fröhlicher.
    Die Kinder spielten zwischen den Buden und konnten nicht genug davon bekommen, den Pifferi nachzulaufen. Damals waren es wirklich noch Hirten aus den Abruzzen, die in der Weihnachtszeit nach Rom kamen und mit ihren Schalmeien und dudelsackähnlichen Instrumenten über die Plätze und durch die Straßen zogen, einfache weihnachtliche Weisen spielten und dafür ein paar Lire bekamen.
    Der Maronenverkäufer mit seinem kleinen Kohleöfchen war der ruhende Punkt in diesem Treiben. Bedächtig wendete er die großen Esskastanien auf dem Rost hin und her, drehte aus Zeitungspapier kleinen Tüten und hatte dabei doch das Geschehen ringsum im Blick – dass ihm keines der Kinder in den Eimer mit den in Salzlake eingelegten Oliven griff oder in den Sack mit Kürbiskernen. Beides Leckereien, die er neben den heißen Maroni anbot. Und das alles vor der Kulisse dieses schönen Platzes mit seinen Palazzi, Brunnen und Kirchen.
    Die am meisten frequentierten Einkaufsstraßen waren festlich geschmückt, mit Lichterbogen, und vor den Geschäften standen oft Pflanzkübel mit kleinen Palmen, behängt ebenfalls mit besagten Glitzerketten. Und auf die berühmte Via Condotti hatten die Stadtverschönerer einen grünen Teppich legen lassen, damit die in Pelzmäntel gehüllten Römerinnen wie auf einem Rasen flanieren sollten. Aber nachdem der Monat Dezember auch in Rom ein Regenmonat ist, wurde aus dem grünen Rasen ein bräunlicher Sumpf, über den die feinen Damen mit ihren Einkaufstüten von Gucci und Valentino zum Caffè Greco stiefelten. Bei jedem Tritt quatschte das Schmutzwasser unter ihren schicken Lederstiefelchen. Auch hier in der Nobelstraße: die Piffari, schalmeienblasend, und Frauen aus der Borgata, die auf einer umgedrehten Obstkiste Bündel von Mistelzweigen zum Kauf anboten. So versuchte jeder, ein wenig am Weihnachtsgeschäft teil zu haben.
    Und jeder schenkte jedem einen großen Panettone – den süßen Hefekuchen mit kandierten Früchten und gezuckerten Mandeln. Bei Alemagna, der großen Caffé-Bar in der Via del Corso, lagen Berge von blauen Schachteln mit dieser Köstlichkeit, aufgetürmt auf der Theke, so dass man kaum darüber schauen konnte, und sie fanden reißenden Absatz. Jeder wollte an Weihnachten einen Panettone haben und einen verschenken.
    Auch ich brachte meiner Freundin einen mit. Sie arbeitete damals in einem kleinen Altersheim in Capanelle in der Nähe von Rom. „Ach komm’ doch raus zu uns“, drängte sie mich, „wir machen eine schöne Feier für die alten Leute. Und du hilfst mir!“ Was sollte ich dagegen setzen? Gesagt getan – wir beide schlüpften in lange weiße Gewänder, bekamen zwei Flügel aus Goldfolie verpasst und aus ebenfalls goldiger Putzwolle ein Krönchen aufgedrückt – und fertig waren zwei Engel als Begleiter des Nikolaus. Dafür hatten die Schwestern, die das Altersheim führten, einen Studenten angeworben, der sein hohes Amt würdig versah. Die Bewohnerinnen der Casa di cura waren sehr angetan von dem freundlichen Bischof. Kekse, Mandarinen und sonstige Kleinigkeiten, die wir im Korb hatten, waren Nebensache und sehr bald wurde das Tanzbein geschwungen. Egal ob Engel, Nikolaus oder Nonne – wir mussten mit den noch einigermaßen beweglichen Alten, ein Tänzchen wagen. In dieser fröhlichen Runde dann die Frage einer alten Dame: „Perché non ci cantate questa canzone di Nike nake?“ „Warum singt ihr uns nicht dieses Lied von „Nike nake“?“ Was sollte das denn heißen? Welches Lied wollte sie hören? Wir hatten keine Ahnung. Schallendes Gelächter, als sich auf Nachfrage und nach Ansingen verschiedener Lieder herausstellte, dass sie das für sie typische deutsche Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ hören wollte.
    Weihnachten in der Familie wurde ganz traditionell, wie man es sich bei Italienern vorstellt , gefeiert: gemeinsam kochen und essen und erzählen, den ganzen Weihnachtstag lang.Wir gingen lieber Krippen schauen und machten uns einen Spaß daraus, möglichst viele gesehen zu haben, große – wie auf der Spanischen Treppe eine Krippe mit fast lebensgroßen Figuren – oder kleine in den Kirchen der Gassen, wo jede mit ihrer Krippe aufwarten konnte – einfach oder verspielt, oft im neapolitanischen Stil mit Menschen dargestellt, wie sie noch immer in den Dörfern lebten.

    Auch heute heißt es wieder überlegen, wie Weihnachten in der Familie gefeiert werden soll.
    Die Zeit bis dahin gestalten – Geschenke aussuchen …
    Wie oft bin ich fast zu spät daran, sie zu verschicken. Und wie gut, dass meine Freundin die italienischen Gepflogenheiten kennt. Ihr macht es nichts aus, wenn sie ihr Geschenk erst nach Neujahr bekommt.
    In Italien bringt die Befana, die gute Hexe, am Dreikönigstag die Geschenke für die Kinder – und die gingen damals in Scharen nach S. Maria in Aracoeli, fein herausgeputzt: die kleinen Jungen im Anzug mit Fliege und die kleinen Mädchen mit Schleifchen am Mantelkragen, um hoch oben von der Kanzel keck und altklug Ansprachen an das Bambino Gesú zu halten, unter den wohlgefälligen Blicken ihrer Eltern und Großeltern und mit reichlich Applaus bedacht. Bei den vielen lebendigen bambini wurde sogar die Hauptattraktion dieser Tage, das kleine Bambino Gesú, eine mit viel Perlen- und Goldschmuck behängte alte Holzfigur, zur Randerscheinung. Das wundertätige Jesuskind wurde in der Zwischenzeit bereits zweimal gestohlen und trotz hoher Belohnung nicht wieder zurückgegeben, so dass man es einfach durch ein neues hölzernes Krippenkind ersetzte.

    So ist also überall Weihnachten. Zuviel Weihnachten?

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Fernekeß,

      vielen Dank für Ihren facettenreichen Weihnachtstext. Nicht »zuviel«, denke ich beim Lesen, eher »so viel«. Denn Sie betonen doch vor allem die Vielfalt des Festes, die Lebendigkeit, die es nicht immer hat, aber haben kann. Süßigkeiten werden zur Nebensache, wenn das Tanzbein geschwungen wird! Von dieser Fröhlichkeit möchte man sich eine Scheibe abschneiden. Der Überfluss muss eben auch auf die rechte Art genommen und genossen werden.
      Ich wünsche Ihnen also in diesem Jahr ein fröhliches und möglichst buntes Weihnachtsfest, so »bunt« wie Ihr Text in Schwarz auf Weiß.
      Herzlich,
      Stefan Kappner

      P.S.: Ein Schreibtipp fällt mir noch ein: Längere, eher aufzählende Texte wie der Ihre wirken noch mehr als Einheit, wenn außer dem übergeordneten Thema (hier: Weihnachtsbräuche) auch ein konkretes Detail als »Leitmotiv« verwendet wird. Wenn zum Beispiel ein bestimmter Gegenstand, vielleicht eine Flöte oder ein rotes Band oder ein Apfel, in den geschilderten Szenen immer wieder auftaucht.

  2. Helga Fernekeß

    Stimmt – alle Jahre wieder … und so auch in diesem besonderen Jahr dürfen wir Weihnachten feiern. – Danke für den Impuls, sich wieder einmal zu erinnern, wie sich das Fest früher anfühlte.

    Ich stehe am Fenster und sehe in den Abend hinaus. Es regnet und zwischen den Regentropfen wirbeln schon vereinzelte Schneeflocken. Die Puppe, die ich im Arm halte, habe ich in einem kleinen Pappköfferchen ganz hinten im Wandschrank gefunden, als ich nach der Schachtel mit der Weihnachtsdekoration kramte. Das Köfferchen war einmal ein Handarbeitsköfferchen gewesen, wie es kleine Mädchen in den 50er Jahre des letzten Jahrhunderts für die Handarbeitstunde mit in die Schule nahmen, gefüllt mit Wolle und Stricknadeln oder Garn und Stoffresten. Während ich die Puppe fest im Arm halte und in den langsam dichter werdenden Schneeregen hinaus sehe, bin ich wieder das kleine Mädchen und befinde mich in der großen Stube bei der Mutter. Es war nicht meine Großmutter, sondern meine Pflegemutter und ich nannte sie „Mutter“, weil ihre erwachsenen Töchter sie auch so nannten. Ich bin vielleicht vier oder fünf Jahre alt und es dürfte die Zeit um das letzte Weihnachtsfest gewesen sein, das ich in dieser Familie verbrachte.

    Die große Stube in dem kleinen Haus war Wohnraum und vor allem Küche in einem. Da war die Bank, die sich um eine Breit- und eine Längstseite des Raumes zog. Auf sie konnte man gleich neben der Tür, die vom großen Flur hineinführte, klettern und fast bis zur Tür, die in den Schlafraum ging, entlang laufen.

    Es gab kein elektrisches Licht im Raum, im ganzen Haus nicht. Licht gab die Petroleumlampe, die über dem großen Tisch in der Ecke hing. Wenn ich auf der Bank stand oder auch auf dem Tisch kniete, dann war ich der Lampe ganz nahe. Der Glasstutzen der Lampe wurde ganz vorsichtig abgenommen und ich durfte an dem kleine Rädchen am Fuß der Lampe drehen. Der breite Docht, getränkt mit Petroleumöl, ragte nun etwas höher heraus und der Lichtschein der Lampe wurde größer und fiel weiter in das Zimmer hinein und Schatten tanzen an der Wand.

    Die wohlige Wärme, die sich abends ausbreitete, kam aus dem runden „Kanonenofen“, der mitten im Raum stand. Man durfte ihm nicht zu nahe kommen, aber es war so aufregend, ein Stück Holz oder Brikett nachlegen zu dürfen. Die kleine Ofentür wurde aufgehebelt – paß‘ auf, der Eisenriegel ist heiß! – aber mit einem Scheit Holz konnte man ihn ohne sich zu verbrennen hochschlagen und dann fiel das Kohlestück in die Glut, die auseinander stob und rote Funken versprühte. Oben auf dem runden Öfchen stand ein Topf mit Wasser, der leise zu summen begann, wenn das Wasser heiß genug war.

    Wenn die kalte Jahreszeit kam und die Eisblumen an den Fenstern auch tagsüber nicht mehr wegschmolzen, dann wurden die paar buntgefiederten Zwerghühner aus dem breiten Flur des alten Hauses, wo sie bis dahin abends untergebracht waren, in die warme Stube geholt. In einer mit Stroh ausgelegten und mit einem Drahtgitter verschlossenen Kiste wurden sie neben der Tür unter die Bank geschoben. Dort saßen sie dann und steckten die Köpfe unter die Flügel.

    In dieser Jahreszeit, wenn es draußen so früh dunkel wurde und ich lange in der dämmrigen Stube ausharren musste, bis die großen Leute mit ihrer Arbeit auf dem benachbarten Bauernhof fertig waren, schien vieles geheimnisvoll zu sein. Es roch nach Honig und Nüssen, aber die Lebkuchen und Plätzchen, die der Grund dafür waren, verschwanden nach dem Backen und tauchten erst am Weihnachtsabend wieder auf. Dafür lagen von den getrockneten Apfelscheiben auf einem Teller und immer wieder mal lag ein silbernen Faden oder lockiges Engelshaar auf der Fensterbank oder dem Fußboden. „Der Engel, den das Christkindl auf die Erde schickt um zu schauen, wo brave Kinder sind, ist durch’s Haus geflogen.“ Oh je, das mit dem Bravsein war so eine Sache … Aber dann lag da doch eine schmale, längliche Schachtel unter dem Christbaum, der wie jedes Jahr erst am Heiligabend aus dem Wald geholt worden war und in der warmen Stube seine würzigen Tannenduft verströmte. Die Kerzenlichter spiegelten sich in den bunten Kugeln und der Weihnachtsengel hatte sein ganzes wallendes Haar im vorbeifliegen in unserem Christbaum hängen gelassen.

    Ich schaue auf die kleine Puppe, die mit abgestoßener Nase im zerkratztem Pappmachegesicht und mit kümmerlichen, verfilzten Haaren in meinem Arm liegt. Die Puppe ist wirklich nicht besonders schön, aber sicher heiß geliebt gewesen von dem Zeitpunkt an, als ich sie vor fast 70 Jahren mit einem begeisterten Aufschrei aus der Schachtel nahm und an mich drückte.

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