16. Mai 2020: Großstadtluft

Unter der Mainbrücke

Seit dem 4. Mai dürfen die hessischen Museen wieder öffnen, und seit gestern die Cafés und Restaurants. Also war eigentlich klar, was wir heute machen.

Meine staatstragende Frau darf kostenlos mit den Öffis fahren und uns am Wochenende sogar mitnehmen. Also los zum Bahnhof und ab nach Frankfurt. Begeistert von den Möglichkeiten, die sich uns wieder bieten, schlug ich vor, nicht einfach ein Museum zu besuchen, sondern gleich die Museumsufercard zu kaufen, die uns für ein Jahr den Besuch von 34 Museen erlaubt. Man kennt die Rechnungen, nach denen man bei mehrfachem Erwerb von etwas, was man zunächst nur einfach braucht, Geld spart, obwohl es natürlich deutlich teurer ist, als nur das Einfache zu kaufen. „Das lohnt sich doch“, sagt man, und gibt das Geld gleich leichter aus der Hand.

In Frankfurt locken so viele sehenswerte Museen, dass ich mich ganz reich fühlte, als ich die »Card« ins Portemonnaie steckte. Die Frau von der Touri-Info war wohl etwas erstaunt über meinen Enthusiasmus. Zufrieden dirigierte ich die Familie zum Städel und wir schlenderten ohne Wartezeit durch die erhabenen Räume. Um größeren Besucheransturm zu regulieren, gibt es online Zeittickets zu kaufen, aber das funktioniert nicht mit der »Card« und war zum Glück auch nicht nötig. Die Säle waren genauso gefüllt, wie ein Museum gefüllt sein soll. Wenn es ganz ausgestorben ist, wie ich es vor Jahren einmal beim Besuch des Schlossmuseums in Weimar erlebte, fühle ich mich am falschen Ort und sehe zu oft auf die Uhr, um nicht versehentlich eingeschlossen zu werden, sodass ich mich auf nichts richtig konzentrieren kann. Wenn es »eventmäßig« voll ist, habe ich keine Ruhe und fotografiere lieber heimlich die gereckten Hälse der anderen Besucher.

Nach einer guten Stunde verließ ich gemessenen Schrittes das Gebäude und setzte mich auf einer Bank in die Sonne. Frau und Kind hatte ich inzwischen verloren und genoss den Gedanken, dass ich jederzeit wiederkommen kann. Um mir zum Beispiel noch einmal die zahlreichen Darstellungen von Adam und Eva anzusehen, die von vereinfachender Natürlichkeit bis zum blankem Sexismus reichen.

Dann waren wir wieder komplett und schlenderten am Mainufer entlang Richtung eiserner Steg. Richtig voll war es, kaum einer trug Mund-Gesichts-Masken. Bis auf ein paar Absperrbänder und Abstandshalter bei der Getränkeausgabe fühlte es sich wie ein normaler Frankfurtsamstag an. Leider waren wir nicht Profi genug, um die Picknickdecke dabei zu haben. Auf dem Gras liegt zu viel Gänsekacke, als dass man es sich ohne gemütlich machen könnte. Also immer weiter, über den Fluss und bis zum Goetheplatz, denn die Tochter wollte sich ein Buch kaufen, und das können wir natürlich gerne unterstützen. Im bekannten Buchladen waren Café und Lektürevertiefungssitze abgesperrt. Dafür war es selbst unterm Mundschutz nicht so heiß und stickig wie zuletzt beim Vorweihnachtseinkauf. Ich dachte angestrengt an meinen Buchstapel zu Hause und tat, was ich als wirksame Ersatzhandlung gegen das Bücherkaufen entdeckt habe: Ich fotografierte interessante Titel vorläufig nur ab.

Jetzt hatten wir Hunger und wollten uns bedienen lassen. Also endlich kein Takeaway mehr, kein Schnellimbiss. Wir suchten uns einen Tisch aus, an dem es Hamburger gab (auch veggie) und der stand, wo ich es vorm Shutdown sicher nicht lange ausgehalten hätte: An der Katharinenpforte, die gerne von Besitzern sportlicher PKW genutzt wird, um sie dem Stadtvolk vorzuführen. Auch von Zweirädern mit defekten Auspuffrohren. Heute machte mir der Lärm aber nichts aus. Es war ein nette Abwechselung, sich über die Protzer auszulassen, froh, dass wir das eigene Auto zu Hause lassen konnten. Froh, dass es etwas zu Essen gab, dass die Sonne schien und man nirgends anstehen musste.

»Schlendern ist Luxus«, sang die ehemalige Frankfurterin Ulla Meinecke (singt sie, glaube ich, noch immer). Das fand ich heute auch. Zurück zum Bahnhof und pünktlich zurück in die Provinz. Ach, Großstadtluft.

1 Kommentare

  1. Anneliese

    Lieber Herr Kappner,
    Mundschutz, Mundschutz über alles … Rettet den Lippenstift!

    Da ruhen sie nun ungenutzt. In einem Körbchen in meinem Bad, neben zwei Kajalstiften und einem Rougedöschen: meine Lippenstifte. Sie sind von unterschiedlichen Firmen und haben unterschiedliche Farbtöne. Einer hat einen bräunlichen Rotton. Den kann ich eigentlich zu allen meinen Kleidern trage. Einer hat ein leuchtendes Rot. Ihn nehme ich, wenn ich abends ins Theater oder sonst irgend wie ausgehe. Er passt gut zu meinem schwarzen Hosenanzug, den ich mit rotem Gürtel und roten Schuhen trage. Dann liegen da drei Lippenstifte von fast gleicher Farbe, einem eher dunklen Rot mit einem leichten Stich ins Violette. Sie sind das Ergebnis einer Suche nach einem Ersatz für meinen Lieblingslippenstift, der leider aufgebraucht war. Noch habe ich den Farbton nicht gefunden. Dann liegt da noch der Stift mit einer ins orangene gehenden Farbe. Weshalb ich den gekauft habe, weiß ich nicht. Ich mag keine orangefarbene Kleidung. Und dann sind da noch zwei oder drei Lippenstifte, die ich ausschließlich an Karneval auftrage, immer passend zum Kostüm. Karneval dauert ja mehrere Tage und ich kann nicht an allen dasselbe tragen.

    Wie gesagt, sie ruhen nun in dem Körbchen und träumen von einem spannenderen Leben. Sie werden im Moment nicht gebraucht: Mundschutz!
    Wenn ich in diesen Coronatagen aus dem Haus gehe, dann in der Regel um zu … Um einzukaufen, auf den Markt zu gehen, wo ich ebenfalls einkaufe, oder ich laufe durch Feld und Wald, um in Bewegung zu bleiben.
    In den Geschäften, auf dem Markt und in den öffentlichen Verkehrsmitteln herrscht Maskenpflicht. Niemand sieht meine schön geschminkten Lippen. Keiner denkt, oh, der Lippenstift passt aber außergewöhnlich gut zu der Bluse, die die Frau trägt.
    Ich könnte meine Lippen natürlich für mich selbst schmücken. Und normalerweise tue ich das auch. Zu wissen, wie schön sie angemalt sind, lässt mich stolzer durch den Tag gehen.
    Aber nein! Ich stelle mir vor, wie der Mundschutz die Farbe von den Lippen wischt und rund um den Mund verschmiert. Wenn ich ihn dann abnähme, sähe ich aus wie ein Kleinkind, das gerade eine Scheibe Brot mit dick Erdbeermarmelade gegessen hat. Nee.
    Ich habe eine andere Lösung beschlossen. Ich trage Lippenstift zu hause. Wenn ich vom Einkauf nach Hause komme, gehe ich ins Bad, wasche zunächst meine Hände virenrein. Dann wecke ich die Lippenstifte aus ihrem Dornröschenschlaf, wähle einen Farbton aus und trage ich ihn sorgfältig auf. Und wir beiden fühlen uns gut, der Lippenstift und ich.

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