17. April 2020: KO-VD 931

Nummernschild des Teufels

Das war tatsächlich das Nummernschild des Mietwagens, mit dem ich gestern zu meinen Eltern fuhr. Ein Opel des Bösen, der mich — ein teuflisches Komplott — meinem Schicksal als Krankheitsüberträger zuführen sollte? Nur die 3 ließ mich grübeln, der Rest der Botschaft war deutlich einfacher zu entschlüsseln als eine rückwärts abgespielte Rolling-Stones-CD. Wenn ich abergläubisch wäre, hätte ich die Dame hinter der Plexiglasscheibe sicherlich nach einem Alternativmodell gefragt. Doch sonst standen nur BMW und Audis auf dem Hof, und dieses (eigentlich finanzamt-graue) Gefährt war mir schon voluminös genug.

Also dann: Auf die Autobahn. Erst nachdem ich mich natürlich für die teurere Variante von 0 € Selbstbeteiligung entschieden und vier Formblätter unterschrieben hatte. Frage: Warum muss man auf der Kreditkarte 250 € als Kaution reservieren lassen, wenn keine Selbstbeteiligung vorgesehen ist? Die Dame, die alles sehr gründlich ausfüllte und abheftete, verwies auf die Möglichkeit zerstörter Reifen, die von der Versicherung nicht versichert seien. Gibt es auch eine Überholspur beim Automieten, oder muss es immer so ablaufen, als würde man zu einer dreiwöchigen Tour in die Rocky Mountains aufbrechen?

Irgendwann fand ich den richtigen Schalter für die Klimaanlage und die Fahrt wurde recht angenehm. Ich freute mich, dass unser eigenes Auto im Vergleich gar nicht so laut ist, wie ich mir eingebildet hatte. Eine Reparatur lohnte sich also noch. Die Autobahn hatte ich mir leerer vorgestellt, ich stellte keinen Unterschied fest. Auch der Parkplatz, auf den ich kurz rausfuhr, um den Knopf fürs Abblendlicht zu suchen, war ziemlich voll, ein Betontisch belegt.

Im Radio DLF und hr-info, mit den neuesten Corona-Nachrichten. Es ging vor allem um die Schulen. Ich stellte fest, dass ich mit meinen österlichen Hoffnungen nicht alleine gewesen war. In einige Wortbeiträge mischte sich ein ungeduldiger Unterton. Schnell ist man dabei, zu vergessen, dass die Politik vor allem auf die Prognosen der Ärzte und Wissenschaftler reagiert, und dass sich die Zahlen auch in Zukunft nicht nach unseren Wünschen richten werden.

Ab Montag sollen Geschäfte bis 800 Quadratmeter wieder öffnen dürfen. Die Kirchen bleiben geschlossen. In diesen Zeiten wird deutlicher als sonst, was uns als Gesellschaft heilig ist. Die Autohäuser dürfen unabhängig von ihrer Größe öffnen — und auch die riesigen Fahrradhändler in der Region, haha. In NRW werden auch die Möbelhäuser wieder öffnen, verkündet der dortige Gesundheitsminister (!) Karl-Josef Laumann, und begründet die Entscheidung mit der Systemrelevanz der nordrhein-westfälischen Möbelindustrie. Durch mein klimatisiertes Gehirn flackerte die Idee, mit der Familie einen Ausflug ins Kölner IKEA zu unternehmen …

Bei meinen Eltern angekommen, lief ich ums Haus, setzte mich auf der Terrasse meiner Schwester in die Sonne und ließ mich bedienen, um so gut wie möglich Abstand zu wahren. Den Mundschutz, den meine Tochter vor kurzem genäht hatte, zog ich jedoch gleich wieder aus. Beim Einkaufen funktioniert er gut, doch bei einer Unterhaltung am Kaffeetisch? Zum Glück ist die Terrasse recht groß. Ich setzte mich ins Eck am Geländer und wir sprachen etwas lauter als sonst. Auf diese Weise hatten auch die Nachbarn etwas davon.

Meine Schwester trägt einen Mundschutz, wenn sie meiner Mutter beim Anziehen assistiert oder sie beim Gehen unterstützt, aber keine Handschuhe. Sie ist die einzige Kontaktperson, wörtlich genommen. Meine Eltern nehmen (noch) keinen Pflegedienst in Anspruch, und der Putzhilfe haben sie bis auf weiteres abgesagt.

Nachdem wir eine Weile geplaudert hatten, holte sie zuerst meine Mutter aus ihrer Wohnung auf die Terrasse, mein Vater brühte derweil noch koffeinfreien Kaffee auf. Später hörte ich den Treppenlift surren und er trug ihn im Körbchen herbei. Dann saßen die alten Herrschaften am Tisch, ich möglichst weit von ihnen weg, und wir schüttelten gemeinsam die Köpfe. Er werde ja im September 90 Jahre alt, sagte mein Vater, doch so etwas habe er noch nie erlebt. Schlimmer als im Krieg. Nun ja, das erschien mir auf der sonnigen Terrasse, vor der ein Rosmarinstrauch in voller Blühte stand, mit gutem »Bohnenkaffee« auf dem Tisch und einem Sandkuchen, den er am Vortag für meinen Besuch gebacken hatte, doch ein wenig übertrieben. Beruhigende Renovierungsgeräusche aus der Nachbarschaft, ab und zu ein Auto oder Bobbycar auf der Straße Richtung Feld, und das Kernkraftwerk Philippsburg, das in Sichtweite auf der anderen Rheinseite steht, war am 31. Dezember abgeschaltet worden.

Ich erzählte — auch den Nachbarn, mein Vater ist ziemlich schwerhörig — von den Kindern und meinem Mailkontakt zur Verwandtschaft in die USA, von der ich Grüße ausrichten sollte. Mein Vater ließ einige Witze vom Stapel, und meine Mutter erkundigte sich, was ich eigentlich genau täte, wenn ich »Bücher schreibe«? Aber es sei ja schön, waren sich beide einig, dass mir mein Beruf Freude bereite.

Je älter meine Eltern wurden, desto mehr streichelte und herzte ich sie bei meinen Besuchen. Und an liebsten haben sie es natürlich, wenn ich eine oder mehrere ihrer Enkeltöchter mitbringe. Meine Jüngste erweist ihre Engelsgeduld, wenn es darum geht, Mensch-ärgere-dich mit meiner Mutter zu spielen. Das fällt nun alles weg, wahrscheinlich noch für den Rest des Jahres. Und ein Jahr ist mit 85 oder 90 Jahren zwar einerseits kürzer, andererseits auch viel länger als wir uns das selbst in mittleren Jahren noch vorstellen können. Es kommt darauf an, ob man es mit dem bereits gelebten oder dem noch zu erwartenden Leben ins Verhältnis setzt.

Zum Abschied winkte ich also, statt sie zu umarmen. Und stieg recht nachdenklich in den Mietwagen. Ob es an meinem Nachsinnen, am Hörbuch oder am verfluchten Nummernschild lag, dass ich bei Darmstadt wieder die Ausfahrt verpasste und den Umweg übern Flughafen nehmen musste?

2 Kommentare

  1. Erika Weber-Herkommer

    Lieber Herr Dr. Kappner,
    ein Satz in diesem Tagebucheintrag hat mich besonders angesprochen. „meine Mutter erkundigte sich, was ich genau täte, wenn ich „Bücher schreibe“. Ich bin also nicht allein. Meine Eltern haben bis zum Schluss nicht verstanden, was ich beruflich machte, egal wie oft ich darüber sprach. Irgendwann habe ich es gelassen. Ich habe es als Desinteresse verstanden und immer damit gehadert. Wahrscheinlich sollte man es zur Kenntnis nehmen und vergessen.

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Herkommer,
      das ist die Kehrseite der Bildungsmobilität (einem meiner Lebensthemen).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Um die Kommentarfunktion zu nutzen, müssen Sie der Speicherung Ihrer Daten zustimmen.

*

Ich stimme dem zu.