17. März 2020: Mehl

Erst gestern ist mir das Ausmaß der Krise klar geworden, oder besser: welches Ausmaß sie annehmen könnte. Auf dem Rückweg von meinem wohl vorerst letzten Interview-Besuch wollte ich noch schnell Kartoffeln kaufen und hielt bei einem Edeka-Markt zwischen Ober- und Niederursel im Taunus. Ich dachte, während ich zum Eingang trottete, über die Ansteckungsgefahr bei Einkaufswagen nach und über den traurigen Abschied von der älteren Dame, die eine wochenlange Quarantäne erwartet.

Dann sah ich mich um in der Gemüseabteilung, die im Großen und Ganzen dem glich, was ich von anderen derartigen Märkten kannte — nur wo waren die Kartoffeln versteckt? Warum lagen sie nicht wie sonst bei den Zwiebeln? Sie waren doch nicht … Schließlich entdeckte ich, neben einigen leeren Stiegen, noch zwei 1-Kilogramm-Packungen von kleinen Kartöffelchen, in einer Pappschale liegend und in Folie eingeschweißt. Normalerweise erwerbe ich möglichst große Säcke, um Verpackung zu sparen und den Kartoffelhunger meiner Familie auch mittelfristig stillen zu können.

Was konnte ich stattdessen kaufen? Ich schob meinen leeren Wagen weiter, inspizierte die erste Regal-Reihe, und fand sie weitgehend leer. Wie auch die zweite. Ich musste auf den Schildern nachlesen, was man hier sonst kaufen konnte: Konserven, aha. Schokoladenhasen gab es reichlich, türmeweise. Nur die Kirchen scheinen sich um den Ausfall der Osterfeierlichkeiten sorgen zu müssen. Bevor ich den Supermarkt mit etwas Käse, einer Flasche Sprudel und einem eingepackten Laib Brot (für den Gefrierschrank) verließ, vergaß ich nicht, mir die Hände zu waschen. Ich schon den Einkaufswagen mit nur einer Hand zum Wagenstand zurück. Dabei umfasste ich den Griff mit einem dieser grünlichen Einweg-Handtücher, die sich in Kundentoiletten finden.

Ich mache es kurz: In meinem REWE-Stammsupermarkt in Glashütten gab es noch Kartoffeln.(fahren Sie jetzt bitte nicht dorthin, sie könnten inzwischen ausverkauft sein). Drei 4-Kilogramm-Säcke warf ich in den Wagen, die letzten vier Packungen mit Risotto-Reis (zum Glück weniger beliebt als der Parboiled-Reis in Portionentütchen), und weil es kein Mehl gab auch noch zwei Päckchen Weichweizengrieß. Ich sah mich Grießbrei kochen, mit reichlich Wasser in der Milch, während meine drei hungrigen Töchter ungeduldig vor tiefen Tellern hocken. Mit Mehl und etwas Trockenhefe, die wir wahrscheinlich noch im Haus haben (hier gab es keine), könnte eine von ihnen mir ein leckeres Brot backen.

Nach dieser für meine Verhältnisse eigentlich lächerlichen Einkaufstour war ich erschöpft. Ich hatte zu tun, um nicht verkniffener als sonst zu gucken, die Leute — besonders die älteren — freundlich vorbei zu lassen, und tief zu atmen. Das Erste, was ich dabei innerlich über Bord warf, war mein Markenbewusstsein. Was spielte es eine Rolle, ob der Karton meine bevorzugte Reismarke auswies? Und Bio oder Nicht-Bio? Das war keine Frage mehr, wenn sogar die Freilandeier zur begehrten Beute wurden.

Ich fand, die Leute machten es richtig: Sie kauften im Wesentlichen notwendige Grundnahrungsmittel. Von allem anderen gab es noch reichlich.

3 Kommentare

  1. Mittwoch, 18.03.20
    Mit 68 Jahren statistisch zur Risikogruppe der über 65jährigen gehörend, mag ich mich selbst aber nicht dort einordnen. Ich gehe auch weiter arbeiten, wenn auch nur 3 Tage in der Woche in einem Projekt, das Jugendliche wieder näher an den Arbeitsmarkt bringen soll. Bisher ist noch niemand erschienen – Zeit, diesen Beitrag zu schreiben.
    Die S-Bahn heute Morgen war im Gegensatz zur vorigen Woche angenehm leer. Es war sogar möglich, den empfohlenen Abstand zu meinen Mitreisenden einzuhalten. Auf den Anzeigeschildern und über Lautsprecher wird man darauf hingewiesen, dass die Türen automatisch geöffnet und geschlossen werden können. Wohl damit man nicht auf den Knopf drückt. Ich habe aber nicht beobachten können, dass jemand darauf vertraut.
    Am Freitag voriger Woche wollte ich ein Schild vor einem sogenannten 1-Euro-Laden fotografieren, auf dem stand: „Wir verkaufen Toilettenpapier“. Während ich nach meinem Handy kramte, stellte sich ein stattlicher Mann zwischen mich und das Objekt meiner fotografischen Begierde. Er sagte nichts. Nachdem wir eine Weile, sicher nur ein paar Sekunden, so gestanden hatten, fragte ich: „Sie möchten nicht, dass ich das fotografiere?“ – „Nein.“ – „Warum nicht?“ – „Warum ja?“ Ich versuchte ihm zu erklären, dass ich das für ein interessantes Zeitzeugnis hielte, aber er blieb bei seiner Ablehnung. Erst als ich ihm versicherte, dass ich kein Foto machen würde, wenn er es nicht wolle, entspannte sich seine Mimik etwas. Ich fragte ihn, was er meine, wozu die Leute auf einmal Klopapier hamstern würden. Von „hamstern“ würde er nicht sprechen, erwiderte er, einige würden nur eine Packung mehr mitnehmen als sonst.

    • Stefan Kappner

      Interessante Begegnung. Ich frage mich: Hielt der Mann sein Verhalten für selbsterklärend oder hatte er keine Lust, es zu erklären? Oder konnte er es nicht? Es macht mir schon Angst, wenn ich darüber nachdenke, dass wirklich lebensnotwendige Güter knapp werden könnten. Und sich noch mehr Menschen für uns in stumme Hindernisse verwandeln.

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