17. Mai 2020: Meinungsstärke

Langsam frage ich mich, wie lange ich das hier machen soll? Vermutlich wird uns die Pandemie noch das ganze Jahr über beschäftigen, hoffentlich im derzeitigen Modus »neue Normalität«. Kein Ende ist abzusehen, das einen »natürlichen« Abschluss dieses Tagebuchs erlauben würde.

Schon erscheinen die ersten Bücher (!), die sich mit Corona beschäftigen. So schnelllebig ist der Verlagsbetrieb geworden. Ich bin ja sehr dafür, dass jede*r ihr*sein Buch schreibt, und bin oft und gerne auch dabei behilflich. Trotzdem finde ich nicht, dass man alles gleich drucken lassen sollte, was man in die Tasten haut. Der Volkswirtschaftler Hans-Werner Sinn erklärt in »Der Corona-Schock: Wie die Wirtschaft überlebt« schon einmal alles für den Herder Verlag. Der »Zukunftsforscher« Matthias Horx erforscht im Econ-Verlag »Die Zukunft nach Corona«. Der dtv verlegt mit »Corona« schon die »Geschichte eines angekündigten Sterbens«, obwohl wir noch mittendrin sind. Viele Autoren kommen ohne Verlag aus: „Luisas Tanz: Liebe in Zeiten von Corona“ von Simone Bell, „Corona-Witze“ von Justin Heine oder „Wir sehen jetzt alle aus wie Räuber — Ein Kinderbuch über Corona“ von Renate Brecht sind die harmloseren Self-Publishing-Titel. Denn natürlich (nein, nicht natürlich aber leider zu erwarten) haben auch die Verschwörungstheoretiker bereits Bücher geschrieben. Nun, vielleicht besser, sie schreiben, anstatt ihr Demonstrationsrecht in Anspruch zu nehmen und in Frankfurts Fußgängerzone in Mikrofone zu sprechen. Lesen muss man’s ja nicht.

Da lobe ich mir doch das Coronarchiv, ein Projekt von Historikern, die sich (Zitat) »die fortlaufende Sammlung, Archivierung, Kontextualisierung und langfristige Bereitstellung von persönlichen Erinnerungen und Fundstücken zur „Corona-Krise“« auf die Fahnen schreiben. Damit man später in Ruhe darüber nachdenken kann, anstatt, was gerade erst geschieht, sofort in die vorhandenen Schubladen zu pressen. So ist dieses Tagebuch auch gedacht. Darum dürfen auch andere mitmachen. Und darum kann es vorkommen, dass ich mir auch selbst widerspreche. Ein etwas unhöflicher Literaturnobelpreisträger hat folgendes geschrieben:

Good and bad, I define these terms
quite clear, no doubt, somehow
Ah, but I was so much older then
I’m younger than that now

Bob Dylan: My Back Pages

(Gut und schlecht, ich definier‘ das so
recht klar, irgendwie, nicht wahr
Ach ja, da war ich älter schon
jetzt bin ich jünger als ich damals war)

Noch ein Gedanke, den meine Frau ganz selbstverständlich findet, der mir in diesen Tage aber doch bemerkenswert erscheint: Dass wir nämlich unseren Individualismus überschätzen. Okay, ich formuliere es besser so: Dass ich meinen Individualismus überschätze. Wer will schon ein Herdentier sein? Die 4.0-Produktion macht viele Produkte »individualisierbar« und die Diversität »kultureller Angebote« hat in den letzten post-postmodernen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Derzeit scheinen mir meine persönlichen Vorlieben jedoch eher zu verblassen gegenüber unseren (!) kollektiven Bedürfnissen. Ich kaufte entgegen meiner sonstigen Stiftung-Warentest-Mentalität recht schnell entschlossen ein Fahrrad — und einen Tag später las ich in der Zeitung, dass die Fahrradhändler genügend neue Modelle ordern können, und die Kunden erstaunlich schnell entschlossen seien. Wir wollten unserer »Braunschweiger Tochter« eine Nähmaschine spendieren, und stellten fest, das viele Einsteigermodelle ausverkauft waren. Meine Vorstellungen gelungener Freizeitgestaltung werden zunehmend flexibler. Wenn ich gerade nur irgendein Konzert besuchen dürfte, könnte es von mir aus auch Rammstein oder Max Giesinger sein, obwohl, vielleicht doch nicht. Gut, dass ich die Zeit habe, darüber noch mal gründlich nachzudenken.

1 Texte

  1. Anneliese

    Erste Lockerungen

    Die ersten, mit denen wir unsere Coronabedingte Zweisamkeit unterbrechen, sind mein Schwager und seine Frau aus Köln. Sie kommen zum Spargelessen. Nicht, dass es in Köln keinen Spargel gäbe, aber wir wollten miteinander essen und uns endlich mal wieder leibhaftig gegenüber sitzen. Und sie bleiben auch über Nacht.
    Es wurde ein langer und schöner Abend. Wir genießen unsere Gespräche, das Essen und den Wein. Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren sie wieder zurück.
    Es meldeten sich in den folgenden Tagen kein Fieber, kein trockener Husten, kein Kratzen im Hals. Aber es gab auch keine Umarmungen, kein Drücken und keine Wangenküsse zur Begrüßung und zum Abschied.
    Wie lange wird das noch so weitergehen? Und was ist, wenn wir eine Impfung gegen dieses Virus haben, sich dann aber ein neues auf den Weg zu uns macht? Werden wir uns nie mehr umarmen, küssen und drücken können? Oder ist es uns irgendwann egal, und wir setzen uns über vernunftgebotene Regeln hinweg?

    Die nächsten, mit denen wir uns treffen, sind unsere Freunde U. und B. aus Mainz. Sie kommen am Spätnachmittag zu einem Spaziergang vorbei. Stolz zeigen wir ihnen die grünen Wiesen, die gelben Rapsfelder, die sanften Hügel rund um unser Dorf und lassen die Ausblicke gebührend bewundern. Im Anschluss daran genießen wir Kaffee und die wunderbaren Törtchen vom Heimatcafé an unserem großen Tisch.

    Es ist Mittwoch und ich will nach Wiesbaden auf den Markt und bei der Gelegenheit auch meine Schwester treffen. Da ich keine schweren Sachen einkaufen will, entscheide ich mich, den Bus zu nehmen. Endlich wollte ich auch wieder mein Seniorenticket nutzen.
    Schon als ich aus dem Haus gehe, um zur Bushaltestelle zu laufen, überkommt mich ein Gefühl von Freiheit. Das ist doch verrückt. Ich war ja die ganze Zeit nicht eingesperrt, fuhr mit dem Auto zum Einkaufen und auch auf den Markt. Was ist jetzt anders?
    Vor Corona war zum Bus gehen immer mit dem Gedanken verbunden, ich unternehme etwas. Ich fuhr nach Frankfurt, um alleine oder mit einer Freundin ins Museum zu gehen. Ich fuhr zu einem Stadtbummel nach Wiesbaden oder traf mich mit einer Bekannten in Mainz. Es war verbunden mit der „späten Freiheit“ einer Rentnerin, die nicht mehr pünktlich im Büro oder bei einer Veranstaltung sein muss.
    Der Bus kommt, und ich steige hinten ein. Nach der Fahrkarte wird nicht gefragt. Zunächst ist die Zahl der Mitfahrenden übersichtlich. Aber im nächsten Ort wird es mit jeder Haltestelle voller. Auf dem Sitzplatz neben mir steht mein Einkaufskorb. Sicherheitsabstand ist gegeben. Nächste Haltestelle. Mehrere Menschen steigen ein. Eine Frau bleibt in der Tür stehen, schaut, wo sie sich hinsetzen will. Das merkt der sehbehinderte Mann hinter ihr nicht und läuft auf sie auf. Kurzes Gedränge durch weitere Einsteigewillige. Dann haben alle einen Sitz- oder Stehplatz gefunden. Alle tragen Mund- und Nasenschutz.
    Auch auf dem Markt tragen alle einen Schutz. Ein älterer Herr, der ohne auf den Markt geht, wird von Aufsichtspersonal angesprochen und gebeten, eine Maske aufzusetzen.
    Ich gehe mit meiner Schwester von Stand zu Stand, und wir kaufen ein, was wir brauchen. Es ist kein Schlendern, kein mal Gucken, was es heute alles gibt. Alles zielgerichtet. Kleine Ausnahme: wir schauen uns die Masken an, die die Menschen tragen, die uns entgegenkommen. Bewundern ihren Schnitt und die Farbe und die Stoffmuster.
    Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns körperlos, und ich nehme den Bus nach Hause.

    Gestern dann der vorläufige Höhepunkt. Wir sind mit unseren Freunden A. und H. verabredet. Wir wollen uns um 17:00 Uhr am Schloss Johannisberg treffen, um einen Spaziergang durch die Weinberge zu machen. Um 19:30 Uhr haben wir einen Tisch in der Goldatzel reserviert. Der Himmel ist bedeckt, aber es ist warm und trocken. Mein Mann und ich sind ein wenig früher da, und so standen wir schon vor dem Schloss, als die Freunde die lange Auffahrt heraufgegangen kommen. Großes Hallo-Winken. Sonst liegen wir uns in den Armen, drücken uns, sind uns auch körperlich nah. Jetzt stehen wir uns im empfohlenen Abstand gegenüber. Wir nehmen uns einen Moment lang mit den Augen wahr. Hallo, schön, dass wir wieder einmal beieinander sind. Zuletzt hatten wir uns Mitte Januar gesehen. Wieder ein langer aufmerksamer Blick: Geht es euch gut?
    Wir gehen los, biegen nach links zu den Weinbergen ab und entdecken einen Weinstand, den es früher an dieser Stelle nicht gab. Wir setzen unseren Mundschutz auf und gehen hin.
    Bänke, auf denen man zu viert und fünft sitzen kann, sind nun mit zwei Personen besetzt. Die Tische stehen weit auseinander. Der Platz ist eingezäunt und am Eingang werden wir von einem jungen Mann begrüßt. Er bittet uns, einen Moment zu warten, da gerade alle Tische besetzt sind. Inzwischen nimmt er unsere Daten auf: Name, Vorname, Telefonnummer, Straße und Wohnort. Ich frage ihn, was mit unseren Daten geschieht, wenn kein Corona Fall eintritt. Alle Formulare kommen in einen Ordner und werden vier Wochen aufbewahrt. Dann werden sie vernichtet. Wir flachsen ein wenig, und er verspricht, mir keine Waschmaschine zu liefern.
    Ein Tisch wird frei, und wir setzen uns. Die erste Runde übernimmt A. Während sie die Getränke holt, nehmen wir unsere Masken ab und bewundern die Aussicht. Unser Blick geht über die Weinberge hinunter zu den Dörfern, über den Rhein hinweg auf die andere, die rheinhessische Seite. Sehr schöne Aussicht.
    Und so sitzen wir. Wir genießen die Aussicht und den Wein und versinken ins Gespräch. Der Spaziergang ist vergessen. Und dann ist es kurz vor 19:00 Uhr. Wir steigen in unsere Autos und fahren zur Goldatzel.
    Spontan hier vorbeizugehen, wir wir das sonst immer gemacht haben, das geht zur Zeit nicht. Wir mussten uns im Vorfeld anmelden und bekamen eine Uhrzeit zugeteilt, und dann durfte man für 2 – 2 ½ Stunden Platz nehmen. Wieder ein sagenhafter Blick über Weinberge, Rhein, hessische und rheinhessische Landschaft.
    Die Speise- und Getränkekarte wird gebracht und wieder ein Formular, in das wir unsere Daten eintragen sollen – zu unserer Sicherheit.
    Wir sitzen und genießen. Mich durchströmt ein Gefühl von Freiheit. Wir sitzen mit unseren lieben Freunden an einem schönen Ort beieinander und lassen uns mit gutem Essen und guten Getränken verwöhnen. Herz, was willst du mehr? Mehr! Mehr davon!

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