18. März 2020: Konferenztisch

Die Gespräche am Familientisch hören sich an wie die täglichen Presskonferenzen. Zum Glück liegen die Fallzahlen im Freundes- und Familienkreis noch bei Null, doch es werden Maßnahmen verkündet.

Meine Frau, an verantwortlicher Stelle, kann berichten, wie die Ideen von Politik und Verwaltung durchdekliniert werden. Und praktisch angepasst. Vergleiche werden angestellt, nicht zwischen Ländern, aber der Schule meiner Frau und der meiner jüngsten Tochter L. Sie hatte ein Zeitfenster von einer Stunde, um ihre Bücher und den Kunstblock für die »Tele-Beschulung« abzuholen. Während sich ihrer Lehrer in der Aula besprachen, knubbelten sich davor die Schüler (oder standen sie etwa in Reih und Glied?), um ihre Fragen loszuwerden. In jener anderen Schule am Ort, in der Familienmitglieder arbeiten, hatte man die Abholzeiten gestreckt: 1 Punkt für Hufflepuff!

Wir überlegen, was »Ausgangssperre« für Taunusbewohner heißen mag. Wäre es okay, sich an verabredeten Plätzen im Wald zu treffen? Natürlich nicht. Aber Sport sollte möglich sein. L rechnet vor, wie viele Stunden Bewegung sie nun in Eigenverantwortung durchführt. Zwei Mal Joggen die Woche — ob ich mitkommen könne? Nein! — und Stabi-Training im glücklicherweise geräumigen Wohnzimmer. Warum nehme sie mich nicht mit? Ich sei gar nicht schnell. Das wisse sie wohl, aber sie erledige das trotzdem lieber alleine.

Wer über Whatsapp oder fernmündlich etwas erfahren hat, teilt es hier mit: Tochter A, deren Sommersemester wahrscheinlich gestrichen wird, meldet sich freiwillig. Ob sie die bezahlte Stelle beim Gesundheitsamt bekommt oder bloß für die Ehre und gegen die Langweite arbeitet, erfahren wir bei einer der nächsten Konferenzen. Tochter V muss nicht länger für die Physik-Klausur lernen, aber sämtliche Semester-Geschafft-Partys wurden abgesagt. Was unternimmt die Bahn bezüglich der Fernverbindungen? Wir werden das weiter beobachten. Wird sie nachweisen müssen, dass sie nicht aus touristischen Gründen ins »Hotel Pa&Ma« fährt? »Quatsch!« »Was nun beschlossen wurde, hätten wir uns auch nicht vorstellen können.« Wie gewohnt vertrete ich die sorgen-affine Position.

Leiser werden die Stimmen, wenn wir — oft unvermittelt — einen Namen nennen, und uns fragen, wie der- oder diejenige wohl mit der Situation umzugehen weiß. Ob er/sie vielleicht zum Kreis der Gefährdeten zählt? Die vier Großeltern — wie lange müssen sie noch besser auf sich aufpassen? Wann können/sollten wir sie besuchen? Der Freund in Italien, eine Freundin, deren Krankenhausaufenthalt noch nicht sehr lange zurückliegt …
Das Podium ist ratlos. Es wird noch lange dauern, bis eine Bilanz gezogen werden kann.

Wenn die Gespräche zu ernst werden, ist es schön, sich praktische Verwicklungen auszumalen. Was passiert, wenn alle gleichzeitig beim Pizza-Lieferdienst bestellen? Womit ließe sich Toilettenpapier ersetzen (die Zeitungen sind nicht mehr das, was sie offenbar mal waren)? Dann räumen wir die Spülmaschine ein und nutzen die Zeit bis zur nächsten Familienkonferenz.

3 Kommentare

  1. 18. März:

    Die Idee des täglichen Schreibens ist jedenfalls sehr schön.

    Heute sind wir zu dritt über den Badberg im Kaiserstuhl bei strahlender Sonne unterwegs gewesen und hatten das Gefühl, -fast- ‚coronavergessen‘ eine wunderbare Wanderung erlebt zu haben.
    Das aufkeimende Frühjahr gibt Hoffnung.

    Sehr unangenehm ist bzw. wäre die Vorstellung, wenn man sich -bei Ausgangssperre unerlaubter Weise – in die Weinberge davonstehlen müsste, um der täglichen Bewegung nachzukommen.

    Solche Maßnahmen würden vermutlich dann „ergriffen“, wenn der Unvernunft Einiger nicht anders beigekommen werden kann und ein Gesetz dann über alle hereinbrechen könnte.

    Ein Tag mit Hoffnung.

  2. Stefan

    Erinnert Ihr Euch noch an den Typ Hoax, der in der inzwischen als graue Vorzeit zu bezeichnenden Zeit von Computer und Internet öfter mal kursierte? Die Warnungen vor einem Virus, der mindestens die ganze Festplatte löscht, aber vielleicht auch den Computer explodieren lässt und damit gleich noch das ganze Haus in Flammen aufgehen lässt? Und die Aufforderung, diese Warnungen per E-Mail an möglichst viele Freunde und Bekannte weiterzuleiten? Inwieweit der Virus wirklich diese Wirkung entfalten konnte, blieb unklar. Aber der Schaden war garantiert, durch die Weiterleitungen der Warnung, deren Zahl sich schnell vervielfachte, das Netz verstopfte und unzählige E-Mail-Postfächer überlaufen ließ.

  3. Heute Morgen habe ich in der S-Bahn zum ersten Mal meinen Platz verlassen, nachdem mein Gegenüber etwas gehustet hatte. Mein innerer Dialog zuvor:
    Stimme A: Der hustet!
    Stimme B: Na und?
    Stimme A: Vielleicht ist er infiziert? Ganz sauber scheint er ja eh nicht zu sein.
    Stimme B: Hab dich doch nicht so. Einmal husten!
    Stimme A: Aber ich bin beunruhigt.
    Stimme B: Okay, um des inneren Frieden willen …

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