19. April 2020: Sicherheit

Vorhängeschloss

Eigentlich wollten wir heute Nachmittag einen Ausflug unternehmen — nach Limburg, weil es meiner gebürtigen Kölnerin nach Wasser verlangte. Dort gibt es zwar keinen Rhein, aber immerhin ein kleines Flüsschen, an dem wir entlangwandern wollten. Doch die Züge fuhren nur alle zwei Stunden, und als die Wetter-App sich nicht sicher war, ob’s schön werden würde, ließen wir von unseren Plänen ab. Ohne Außengastronomie schien ein Lustgewinn nur bedingt vorhersehbar, und sollte man nicht sowie so zu Hause bleiben? »Stay Home, stay safe!« heißt es doch auf allen Kanälen.

Auf meiner ToDo-Liste sah ich mich nach Alternativen um, und entschied mich für — tadaaa (Trommelwirbel): Buchhaltung. Wie heißt es so schön: Wer selbstständig arbeitet, arbeitet selbst und ständig.

Weil die Vorbereitung der Umsatzsteuervoranmeldung jedoch selbst mit der neuen Software, die ich mir geleistet habe, noch einige grauen Zellen unbeschäftigt ließ, dachte ich zugleich über einen Begriff nach, der sich mir mit dem Slogan »Stay safe!« seit gestern aufdrängte: Sicherheit. Gestern hatten wir uns nämlich den ersten Teil des Youtube-Streams »The World Together at Home« mit einigen vorwiegend amerikanischen Showgrößen angesehen. (Hier einige Highlights). Da ging es weniger um Virologie und Statistik als um das Lob für die »health care workers« an der »frontline«. Die haben natürlich alles Lob verdient (und jede finanzielle Unterstützung). Doch nicht nur im Krieg scheint es so zu sein: Helden werden vor allem dann gebraucht (und gemacht), wenn die Generäle bzw. Regierungen ihrer Verantwortung nicht gerecht werden. Helden, das sind in dieser Erzählung diejenigen, die ihre eigene Sicherheit aufgeben, um andere zu größerer Sicherheit zu verhelfen.

Sicherheit ist die Fahne, hinter der sich alle versammeln. Selbst dort, wo die Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus gelockert werden, wird das in der Regel nicht mit dem klassischen Alternativwert begründet, der Freiheit, sondern mit einer anderen Art von Sicherheit. Etwa der wirtschaftlichen Sicherheit a.k.a. Stabilität, oder der Sicherheit von Geldanlagen. Beide seien »bedroht«, liest man, wenn wir allzu lange darauf verzichten würden, zu konsumieren oder zu exportieren.

„Sicher zu sein“ heißt, nicht von Verletzung, Zerstörung oder Tod bedroht zu sein. »Stay safe!« heißt: Gehe kein (unnötiges) Risiko ein! Im Gegensatz zu »Take care!« das ich sympathisch finde, weil es eine achtsame Haltung sich selbst gegenüber anmahnt, frage ich mich bei dieser Aufforderung unwillkürlich, inwieweit es in meiner Macht steht, sicher zu bleiben. Die meisten Risiken, die ich eingehe, sind nicht unnötig, sondern hängen mit dem Lebensstil zusammen, den wir führen. Und von dem ich nur so und so weit abweichen kann. In den 70er- und 80er-Jahren aufgewachsen, unter der atomaren Bedrohung des kalten Krieges, habe ich mir meine Sicherheit immer als etwas vorgestellt, das mir von heute auf morgen entrissen werden kann. Am besten, man dachte nicht allzu viel darüber nach.

Vielleicht deshalb erschien mir die wirtschaftliche/finanzielle Sicherheit, der ich heute buchhalterisch diente, nachrangig. Wie sollte man, angesichts der radikalen Bedrohung, die Höhe der späteren Rente ernsthaft ins Lebenskalkül aufnehmen? Heute, da ich dem Rentenalter näher bin, kann ich besser verstehen, das man es versucht, auch wenn ich noch immer kein Talent dafür zeige.

Sicherheit gleich welcher Art hat zwei Seiten. Die innere Seite meint eine Art Geborgenheit, das Gefühl, sich auf die vertrauten Verhältnisse verlassen zu können. Sicherheit in der Ehe heißt, nicht von Verlassensängsten geplagt zu werden. Im Job: keine Existenzängste. Die äußere Seite bezieht sich auf die Kontrolle und Beherrschung möglichst vieler potentieller Bedrohungen. Die Besatzung des Raumschiffs Enterprise kann bei äußerer Gefahr Schutzschilde aktivieren, die alles an sich abprallen lassen. Leider sind solche Schilde bloße Fiction (ohne Science). Heute besäßen wir alle gerne einen Virus-Schutzschild. Das Urbild jeder Bedrohung (und ihrer Kontrolle) ist der Krieg, daher die Kriegsrhetorik, die in vielen Ländern die Corona-Diskussion bestimmt. Ich bin sehr dankbar darüber, dass es in Deutschland nicht so viele »Helden« gibt, die gegen das Virus »kämpfen«, sondern Statistiker und Wissenschaftler, die versuchen, möglichst rationale Entscheidungsgrundlagen zur Verfügung zu stellen.

Denn eines war schon vor dem Corona-Virus klar: Wir Menschen sind ohne Mathematik furchtbar schwach, wenn es um Risikobewertung geht. Mein Gefühl sagt mir jedes Mal, wenn ich in ein Flugzeug steige, dass es sich um ein äußerst riskantes Unternehmen handeln muss, sich in einer Metallhülle in die Lüfte zu katapultieren. Andererseits fühle ich mich am Steuer meines Autos relativ sicher (aber nicht auf dem Beifahrersitz). Die Meldungen von Terrorakten und Gewaltverbrechen lassen nicht vermuten, dass zum Beispiel die Anzahl der Morde in Deutschland seit 1993 kontinuierlich sank. Die »gefühlte Sicherheit« und die statistisch ermittelte Sicherheit haben wenig miteinander zu tun. Sogar unter Pneumologen konnte ein Streit darüber ausbrechen, wie schädlich Stickoxide und Feinstaub seien, weil man sich verrechnet hatte. Hier kommt es aber nur auf korrekte Rechnungen an, das Gefühl schützt niemanden.

Krankheit ist eine Gefahr, die wir — alles in allem — noch recht gut einschätzen können. In irgendeinem Krankenhausflur zu ersticken, weil kein Beatmungsgerät mehr frei ist — vor diesem Szenario (für uns selbst oder unsere Lieben) haben wir genügend Angst, um unser Verhalten anzupassen. Sie rückte die elementare Sicherheit in den Vordergrund, die wirtschaftliche Stabilität wird leicht als nachrangig erkannt. Anders ist es im Straßenverkehr. Anders ist es, wenn es ums Artensterben geht. Waren uns die Mücken nicht ohnehin lästig? Das Risiko eines toten Himmels können wir nur schlecht erfassen. Äußere Sicherheit (statt nur gefühlter Sicherheit) ist aber nur zu erreichen, wenn wir möglichst viel von dem zu erfassen suchen, was uns real umgibt. Also durch Wissenschaft, nicht durch Heldentum.

Ja, und als der Nachmittag vorbei war, hatte ich alle Ausgaben und Einnahmen gebucht, und war einigermaßen sicher, nichts vergessen zu haben. Wenn meine Rechnungen aber nicht hundertprozentig korrekt sein sollten, ist es auch nicht so schlimm.

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