19. März 2020: Corona und Grenada (Gastbeitrag)

Manuela Tulle lebt mit ihrem Mann Steve sechs Monate im Jahr (nun vielleicht auch länger) auf einem Segelboot. Es schwimmt in den Gewässern Grenadas in der karibischen See. Von dort schickte sie mir diesen Bericht.

Seit dem 18. März hat die grenadinische Regierung verschärfte Sicherheitsmaßnahmnen wegen des Corona-Virus erlassen. Alle Schulen, Kindergärten etc.  sind seit Mittwoch letzter Woche für vorerst 2 Wochen geschlossen. Die St. George’s University hat den Studienbetrieb eingestellt. Amerikanischen Studenten wurden mit extra dafür eingerichteten Flügen in die USA zurücktransportiert und sollen für 8 Wochen in den USA bleiben. Die gesamte Landzunge „True Blue“ im äußersten Süden Grenadas auf der sich der Campus befindet, ist gespenstisch leer. In „Virus-freien Zeiten wuselt’s dort nur so von jungen Menschen aller Nationalitäten, fast wie in einer Großstadt. Öffentliche Verkehrsmittel sollen so gut wie möglich vermieden werden. Besitzer von Bussen (Minivans) und Taxis sind aufgefordert ständig zu desinfizieren. Mein Mann und ich fahren nicht mehr mit dem Bus. Freunde an Land lassen uns ihr Auto benutzen, wenn wir Einkäufe tätigen müssen. 

Auf Kuba, Jamaika, der Dominikanischen Republik, Martinique, St. Martin und St. Bartholomew sind Corona-Virus-Fälle bestätigt worden. Weitere Karibische Inseln sind noch nicht (offiziell !) betroffen und lassen keine Kreuzfahrtschiffe in ihren Häfen andocken. Grenada erweitert die Liste der Länder, aus denen Reisende keinen Zutritt mehr zur Insel erhalten sollen, von Tag zu Tag. Als erstes wurde Reisenden aus China, Italien und Deutschland die Einreise verboten. Menschen, aus diesen Ländern, die auf Grenada leben, müssen sich strengen Einreiseuntersuchungen und einem medizinischem Check fügen bevor sie die Insel betreten dürfen und müssen dann für vierzehn Tage in Quarantäne bleiben. Ich bin sicher, das die Länderliste mittlerweile um etliche weitere Nationen erweitert wurde. Frankreich und Spanien sind hinzugekommen. Die AIDA und MEIN SCHIFF dürfen zu Hause bleiben. Gott sei Dank! Jetzt sieht Grand Anse wieder aus, wie ich den schönsten, längsten weißen Strand Grenadas, von 1995 in Erinnerung habe.

Derzeit ist noch kein Corona-Fall in Grenada öffentlich bekannt gemacht worden. Die Menschen sind aufgefordert, wie überall sonst auch, soziale Kontakte zu vermeiden. Wie es mit Hotels und Restaurants aussieht, können mein Mann und ich nicht ermessen, denn wir sind weit von diesen Einrichtungen entfernt und sehr froh darüber. Außerdem ist unser Lebensstil sowieso einer, den so mancher als „Socially distant“ betrachten würde. There is a reason why some people like to live aboard a sailboat. … it comes with a natural moat around it. 😉

Unter den gegebenen Krisen-Umständen bekommt Leben an Bord eines Segelboots eine ganz ander Wertstellung. Lange bevor Grenada Corona-Maßnahmen kundtat, haben mein Mann und ich Großeinkauf gemacht und unsere „Backskisten“ gefüllt. Wir bräuchten für weit mehr als 2 Wochen nicht an Land, wenn wir nicht dürften. Außerdem ist unsere Angel stets fangbereit am Heck montiert und mittlerweile wissen wir beide, wie wir die Machete zum öffnen von Kokosnüssen anzuwenden ist. Proviant ist ausreichend an Bord und alle Wassertanks sind gefüllt.

Da wir derzeit mit Schiffsarbeiten im Inneren unseres Bootes beschäftigt sind und in einer stillen Bucht am äußersten südöstlichen Zipfel Grenadas an unserem Ankerball schwingen, beeinträchtigen uns die neüsten Regelungen im Rahmen der Corona-Virus-Krise für ein-und auslaufende Schiffe nicht. Nur noch zwei Häfen sind geoffnet, die Zoll — und Immigrationsangelegenheiten durchführen. Die Einklarierungsbestimmungen für Freizeit-Yachten sind erheblich kompliziert und zeitintensiv, da Kapitän und jedes Crewmitglied eines Schiffes ein Gesundheitszeugis vorweisen muss, dass ausschließt, dass eine Corona-Viruserkrankung vorliegt. Ist dieses Zeugnis nicht vorhanden müssen Kapitän und die gesamte Besatzung sich einer medizinischen Untersuchung unterziehen. Während dieses gesamten Prozesses muss die  Besatzung  an Bord bleiben. Dies ist die Haupsaison für Segelschiffe aller Art in den Karibischen Inseln. Die meisten Segler haben nur begrenzt Zeit, die wunderschöne Inselwelt zu erkunden. Die Corona-Virus-Regelungen werden so manchen Kapitän mit Crew und eventüllen  Gästen an Bord zu einschneidenden Routenänderungen zwingen.

Wenn mein Mann und ich am Abend im Cockpit sitzen, unser Boot unberührt von allen Viren in Old Harbour Bay an seinen Tauen schaukelt und wir in den überwältigenden Sternenhimmel schauen, kommt uns das derzeitige Chaos in der Welt, wie ein SciFi-Movie vor.

In Zeiten, wie diesen, zeigt sich, wer es mit sich alleine aushalten kann und die Chance erkennt, sich kennenzulernen.

Möge die Natur ein bisschen CO2-ärmer aufatmen dürfen.

Mögen Menschen nun am eigenen Leib spüren, wie dieses bekloppte (Verzeihung) Wort „Entschleunigung“ sich wahrhaftig anfühlt.

Mögen wir Erdlinge wahrnehmen, wie angenehm es sich anhört, wenn Leben nicht mehr so betäubend laut ist.

… wenn auch nur für ein Virus lang.

Manuela Tulle, Grenada, 18.3.2020

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