19. März 2020: Staustufen

Als ich aufwachte, spürte ich ein Kratzen im Hals. Ich räusperte mich einige Male, doch es verschwand nicht. Mein Kopf tat weh und ich merkte, dass meine Nase lief. Wie viele Taschentücher hatten wir im Haus, überlegte ich. Wo war das Fieberthermometer? Meine Stirn fühlte sich ein wenig feucht an — und definitiv heiß. Mit wurde klar: Ich hatte mich infiziert!

Bei welcher Gelegenheit war es wohl? Im Zug oder im Supermarkt? War ich am Montag schon ansteckend, als ich die ältere Dame besuchte, deren Leben ich aufgeschrieben hatte? Wäre es nicht furchtbar tragisch, wenn gerade ich sie angesteckt hätte — und sie womöglich an dem Virus sterben würde? Ich unterdrückte die Angst und spürte kurz darauf auch eine Erleichterung: Endlich ging es los, und nach ein paar Tagen, wenn ich Glück hatte, hätte ich es überstanden und wäre immun.

Da wachte ich auf, diesmal wirklich. Vom Fieber hatte ich nur geträumt. Der Hals kratzte tatsächlich ein wenig, doch er war nur von Gefühlen zugeschnürt — und der Morgentee ließ die Illusion komplett verschwinden.

Gestern hörte ich zum ersten Mal das Coronavirus-Update des NDR, eine Interview-Reihe mit dem Virologen Christian Drosten. Es war bereits die 16. Folge. Die erste war am 3. März gesendet worden, als ich noch munter kreuz und quer unterwegs war. In dieser 16. Folge ging es um eine Verbreitungs-Studie aus Großbritannien. Drosten erklärte die Annahmen, die ihrem mathematischen Modell zugrunde liegen. Ziel solcher Studien ist es, zu ermessen, welche Maßnahmen notwendig sind, um die Zahl der schwer Erkrankten so niedrig zu halten, dass noch für jene/n die notwendige intensivmedizinische Versorgung zur Verfügung steht.

Prinzipiell habe ich die Zusammenhänge zwar verstanden (glaube ich ;)). Aber die Zeiträume, von der die britische Studie spricht, liegen doch erheblich über den vier Wochen (bis nach den Osterferien), auf die ich mich schon eingestellt hatte. Die Frage, wie lange die »soziale Distanz« aufrechterhalten werden müsste und wann wir den Treibriemen unserer Gesellschaft wieder werden einsetzen können, wurde auf eine Weise beantwortet, die mich erschreckte. Ich will keine Panik verbreiten — besser ist es, man hört sich im Zusammenhang an, was Drosten erläutert.

Wer schon einmal auf der Lahn oder einem anderen Fluss mit Staustufen unterwegs war, kennt das Gefühl: Man hält nicht bloß einmal, sondern in der Regel mehrfach an, um in einer Schleuse auf das neue Fluss-Level heruntergefahren zu werden. Es gibt diesen Moment, wenn man mit dem Bötchen oder Kanu in der geschlossenen Schleuse steht, an dem das Wasser nach unten abgelassen wird und man wie in einem Fahrstuhl erstaunlich rasch an Höhe verliert. Die Metallwände, zwischen denen man schaukelt, offenbaren den Mechanismus, der hinter dem Freizeitvergnügen steckt. Dann geht die Schleuse wieder auf und man paddelt eine Weile friedlich weiter, ohne an die nächste Stufe zu denken. Zwischen den Biegungen des harmlosen Gewässers kann man sich nicht vorstellen, wie tief die Mündung des Flusses noch unter einem liegt.

1 Kommentare

  1. Melanie

    Ich kenne zwar die Lahn, bin aber dort noch nie mit einem kleinen Boot oder Kanu auf ihr unterwegs gewesen. Ich weiß also nicht wie es sich anfühlt, in einer Schleuse zu stehen; umso mehr freue ich mich aber, dass die Schleuse wieder aufgeht und man den Flusslauf wieder wahrnehmen kann, das Wasser unter dem Boot spürt, das Ufer mit den bis in den Fluss ragenden Bäumen sehen kann, ebenso angrenzende Felder und Spaziergänger, die sich an der Natur, den bunten Farben und zarten Gerüchen der Blumen, die an den Ufern und Wiesen wachsen, erfreuen. Es werden noch weitere Schleusen kommen, aber auch diese öffnen sich und die Fahrt in dem Flusslauf kann unbekümmert weiter gehen.

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