2. April 2020: Corona-Alltag

Die Zeit vergeht

Heute war ein beinahe normaler Tag.

Ungefähr um elf Uhr kamen die Schreiner mit den neuen Fenstern. Die alten Kunststofffenster zeigten schon lange ihre Auswechslung an, die viel zu breiten Flügel hatten sich gesenkt und waren kaum noch zurück in die Rahmen zu hieven, wenn man sie gelegentlich zum Putzen öffnen musste. Ein kleineres Fensterelement in unserem Schlafzimmer ließ sich überhaupt nicht mehr vollständig schließen. In dieser Hinsicht war der warme Winter ein Glück. Im Januar hatten wir die neuen dreigeteilten Fenster bestellt und nun waren sie geliefert worden. Dem Handwerksbetrieb abzusagen, der uns schon längere Zeit mit Fenstern, Türen und einigen Wohnelementen aushilft, war keine Option. Sie hätten die massigen Glas-Monster (das breiteste misst über 2 Meter) schlecht in der Werkstatt lagern können. Und weil die Fenster eben so schwer waren, und von außen in die Wohnung gehoben werden mussten, rückten sie mit drei Mann an.

Welche Maßnahmen ergriff ich? Ich hielt Abstand, half aber doch, den Anhänger in den Hof zu ziehen. (Danach schnell Händewaschen.) Ich bat sie, nicht von hinten durchs Erdgeschoss nach oben zu laufen, sondern den längeren Weg außen herum durch die Haustür zu nehmen. Ich stellte ihnen — und kam mir blöd dabei vor — den Kaffee aufs Fensterbrett, statt sie herein zu bitten. Ich unterdrückte meine Neugierde, den Männern zuzusehen. Und versuchte, seltener als sonst durchs Haus zu laufen. (Danach jeweils Händewaschen.) Trotzdem musste ich mir erklären lassen, was sie mit der Beleistung vorhatten und warum man die Leisten nicht anschrauben konnte (wegen der Dichtigkeit).

Am Abend waren alle drei Fenster eingebaut — ein Traum! — und das meiste Werkzeug schon wieder weggeräumt. Morgen erledigen sie den Rest.

Während ich mich gegen das Hobelgeräusch ankonzentrierte, fuhren meine älteren Töchter zu ihren Großeltern nach Köln. Natürlich nicht zu einem normalen Besuch. Sie kauften nach Bestellung ein und hatten eigentlich vor, ihnen nur zuzuwinken, die oben am Fenster stehen sollten, und die Waren vor der Haustür abzustellen. Doch die Großeltern bestanden darauf, dass sie sich mit ihnen, im gebotenen Abstand, auf den Balkon setzten. Sie hatten Kuchen besorgt. Ob sie ihn selbst gekauft hatten oder von anderen bringen lassen, blieb unklar. Und sie erzählten, erzählten, während die Enkel versuchten, möglichst nichts anzufassen. Zum Abschied gab’s eine Tüte mit Ostersachen. Ach ja, Ostern.

Ich telefonierte mit einem Freund in Italien, der mir versicherte, dass alles noch soweit in Ordnung sei und sich der erhöhte Bedarf an Särgen im Alltag nicht bemerkbar mache. Wir sprachen darüber, wie lange die derzeitigen Maßnahmen anhalten dürfen, bis die Kollateralschäden größer werden als ihre Schutzfunktion. Von der Einsamkeit in den Altenheimen und ungesunden Verhältnissen, weil das Schwimmbad geschlossen und kein gelenkschonender Sport möglich ist. Es sei möglich, durch den Park zu joggen, wenn er dabei auch einmal lautstark angefeindet worden sei. Mit dem Rad in die Umgebung zu fahren, sei aber verboten. Wir überlegten auch, warum die Grenze zwischen Deutschland und Italien virustechnisch wichtiger sein soll als die zwischen Bayern und Thüringen (wo sich die Fallzahlen ebenfalls unterscheiden). Das ewige Nationaltheater.

Dann der zweite Youtube-Workout mit Anna, schnell duschen, weil die vier Damen schon beim Abendessen saßen, und jetzt hocke ich schon wieder vorm Computer und schreibe Tagebuch. Ein beinahe schon normaler Tag.

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