20. März 2020: Introvertiert

Die Introvertiert/Extravertiert-Unterscheidung ist wohl die gröbste aller Einteilungen von Menschen nach ihrer psychischen Verfassung. Wahrscheinlich gehört, wenn man sich eine Grenzziehung erlauben möchte, etwas weniger als die Hälfte zum introvertierten Typ. Die Extravertierten prägen unsere Gesellschaft aber nicht wegen ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit.

Vielmehr liegt es in der Natur der Sache, das ein nach außen gerichteter Mensch mehr Raum einnimmt, die jeweilige Gruppe stärker prägt. Dazu gibt es interessante Untersuchungen. In der gegenwärtigen Lage haben es die Introvertierten ausnahmsweise leichter. Ihnen fällt es nicht schwer, soziale Distanz zu wahren. Manche Aspekte der nun aufgezwungenen Lebensweise genießen sie geradezu.

In den Medien lese ich viele Klagen über das unangemessene Verhalten vieler Zeitgenossen, die sich trotz aller Warnungen in Kneipen oder vor Cafés drängen und jede Gelegenheit zu nutzen scheinen, die gebotene Distanz zu überwinden. Klar, diese Beschwerden sind berechtigt. Um aber nicht ungebremst in ein »Der Mensch ist schlecht«-Lamento überzugehen, hilft es, sich klar zu machen, wie schwer es stark Extravertierten fällt, auf diesen Austausch zu verzichten. Ihre Lebens-Koordinaten liegen außen. Je unsicherer sie sich fühlen, desto stärker wird der Wunsch nach Eindrücken, Gesprächen, Ablenkung.

Ich oute mich: Nach Selbstdiagnose und dem, was meine Frau so sagt, gehöre ich ziemlich sicher zu den Introvertierten. Das merke ich auch daran, dass ich mich an der Einförmigkeit dieser Tage erfreue. Ich kann die Stunden nach meinen Bedürfnissen strukturieren, am besten jeden Tag gleich, und werde viel seltener »aus den Gedanken gerissen«, was manchmal genauso schmerzhaft ist, wie es sich anhört.

Natürlich ist auch für mich menschlicher Kontakt etwas Belebendes, ich brauche nur weniger davon als andere. Weniger, nicht nichts. Meine Grundversorgung ist dank meiner Familie gesichert, darüber bin ich sehr froh. Und gestern habe ich seit längerem wieder ganz entspannt mit einem Freund telefoniert — das hat richtig Spaß gemacht.

Ich befinde ich mich also irgendwo in der introvertierten Hälfte der Menschheit. Darum weiß ich, wie schwierig es ist, sich einer Situation anzupassen, die von der anderen Hälfte geprägt ist. Lasst uns also weniger auf die »Kneipengeher« schimpfen und statt dessen überlegen, was es ihnen leichter machen würde. Klare Ansagen von außen, reichlich Telefongespräche, …

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