Monat: Mai 2017

#7 — Lieblingslied

Plattenspieler

Vor einiger Zeit warb der dritte Radiosender des hessischen Rundfunks, hr3, damit, der Sender der »Lieblingssongs« zu sein. Hörer erzählten von den (zumeist romantischen) Geschichten, die sie mit den Liedern verbinden. Auf der Website von hr3 konnte man sich sein eigenes Lieblingslied wünschen. Dort wurde man gefragt: »Warum möchten Sie dieses Lied hören? (›Is cool‹ oder ›Weil ich es toll finde‹ reicht uns nicht. Etwas ausführlicher darf es schon sein! Songs mit einer guten Geschichte haben größere Chancen gespielt zu werden als die, bei denen nur ›Is cool‹ dabei steht.)«

Der Grund für ein Lieblingslied kann in einem äußeren oder einem inneren Zusammenhang liegen. Entweder etwas Schönes, Erinnerungswürdiges ist passiert — und gleichzeitig lief dieses Lied im Radio oder auf dem Plattenspieler, was uns seither und für immer an jenes Ereignis erinnert. Darum hören wir es auch immer wieder gern. Oder die Schönheit des Liedes selbst zieht uns an. Bei mir ist es meistens der Text, der den Unterschied macht — bei anderen ist es die Melodie oder der Stil, der Sound.

In seinem Lied »Lieder« singt Adel Tawil eine ganze Litanei seiner Lieblingslieder herunter (die man erst erraten muss, weil er den englischen Titel ins Deutsche überträgt), eine Kostprobe:

Und ich singe diese Lieder
Tanz' mit Tränen in den Augen (Lied: »Dancing with tears in my eyes« von Ultravox)
Bowie war für'n Tag mein Held (»Heroes« von David Bowie)
Und EMF kann es nich' glauben (»Unbelievable« von EMF)
Und ich steh' im lila Regen (»Purple Rain« von Prince)
Ich will ein Feuerstarter sein (»Firestarter« von Prodigy)
Whitney wird mich immer lieben (»I will always love you« von Whitney Housten)
Und Michael lässt mich nich' allein (»You are not alone« von Michael Jackson)

Zusammen ergibt das eine ganze musikalische Biografie — wenn die einzelnen Lieder auch etwas zu kurz kommen.

Schreibidee #7: Schreiben Sie die Geschichte eines Ihrer Lieblingslieder (oder Ihrer Lieblingsmusik). Es muss keine romantische Geschichte sein. Vielleicht ist es die Geschichte einer Entdeckung oder einer Erkenntnis (»Erleuchtung« durch Text oder Musik), die Geschichte einer Reise, einer Begegnung, einer bestimmten Zeit und ihrer Ideen …

Hinweis: Bleiben Sie so nahe wie möglich an dem, was konkret passierte. Widerstehen Sie der Versuchung, das Lied oder einen bestimmten Musikstil über andere Stile zu setzen oder es musikalisch zu verteidigen. Es geht nicht in erster Linie um den künstlerischen Wert des Musikstücks, sondern um die Bedeutung, die es in Ihrem Leben hatte oder hat.

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#6 — Notaufnahme

Notaufnahmeschild

Jede/r war schon einmal in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Wegen eigener Beschwerden oder wegen der Krankheit eines Freundes, einer Angehörigen. Vielleicht nur, weil der Hausarzt gerade frei hatte oder in Urlaub war — vielleicht, weil er nicht weiter wusste oder der Krankenwagen direkt ins Krankenhaus fuhr.

Unfälle und Krankheiten sind einschneidende Erlebnisse, oft geben sie dem Leben eine neue Wendung. In modernen Industrieländern spielen diese Erlebnisse sich meistens in Notaufnahmen und Krankenhäusern ab. Die wenigen Minuten oder Stunden, die wir dort verbringen, sind voller Ängste, Hoffnungen, Sorgen, auch Wut und Dankbarkeit gegenüber den Ärzten und Pflegern, auf die wir angewiesen sind.

Schreibidee #6: Schreiben Sie davon, wie Sie einmal in der Notaufnahme waren.
Begrenzen Sie die erzählte Zeit (also den Zeitabschnitt, über den Sie berichten) auf Ihre Zeit dort. Wechseln Sie auch nicht den Ort. Beschreiben Sie, wie die Notaufnahme auf Sie wirkte und in welcher Situation Sie sich befanden.

Hinweis: Schreiben Sie nicht direkt, was von der Vorgeschichte zu erzählen ist, sondern berichten Sie von den Gedanken und Gefühlen, die Sie in der Notaufnahme hatten. So erfährt der Leser auch, was davor passierte, denn daran dachten Sie ganz bestimmt. Schreiben Sie auch nicht, wie die Geschichte ausging (die weitere Geschichte Ihrer Krankheit oder dessen, den Sie begleitet haben), sondern lassen Sie das Ende offen. Auf diese Weise können Sie sich ganz auf den zu erzählenden Moment konzentrieren.

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#5 — Luft

Möwenluft

Viertes und letztes Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, die Sie mit dem «Element Luft» in Verbindung bringen? Ein Himmelssturm, ein Tauchgang? Waren Sie der Luft wissenschaftlich auf der Spur (als Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoffdioxid), oder mussten Sie sich wehren gegen schlechte Luft? Welches Klima, welche Luft haben Sie erlebt?

Welche symbolische Bedeutung kommt Ihnen in den Sinn? Gehen Sie gelegentlich in die Luft? Geht Ihnen die Luft aus, oder ist da noch viel Luft nach oben? Die Luft umgibt uns ständig, begleitet uns unauffällig und ist gerade deshalb lebensnotwendig. Kennen Sie andere solche unauffälligen, scheinbar selbstverständlichen und zugleich lebensnotwendige Begleiter?

Schreibidee #5: Schreiben Sie eine luftige Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem Luft eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt der Luft in Verbindung zu bringen.

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#4 — Erde

Muttererde

Drittes Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, in denen (die) Erde eine zentrale Rolle spielte? Entweder als Planet Erde oder als fruchtbares Element im Garten oder auf dem Feld. Haben Sie als Kind gerne in der Erde gewühlt? Welches Verhältnis haben Sie zu Gärten, Feldern, Waldboden. Besitzen Sie Land oder möchten Sie welches besitzen? Warum?

Welche symbolische Bedeutung kommt Ihnen in den Sinn? Stehen Sie bodenständig mit beiden Beinen auf der Erde? Woran lässt sich das erkennen? Gefällt Ihnen die Idee von «Mutter Erde»? «Unter der Erde» ist Gold zu finden, oder auch das Grab. Woran denken Sie, wenn Sie das Bild zur Schreibidee betrachten?

Schreibidee #4: Schreiben Sie eine erdverbundene Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem (die) Erde eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt der Erde in Verbindung zu bringen.

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#3 — Wasser

Wasserfläche

Zweites Thema in der »Elemente«-Reihe. Siehe »Feuer«.

Gab es in Ihrem Leben Ereignisse, in denen das Wasser eine zentrale Rolle spielte? Hatten Sie Angst vor dem Ertrinken, oder waren Sie schon immer eine »Wasser-Ratte«? Haben Sie eine Überschwemmung erlebt? Wann sahen Sie zum ersten Mal das Meer? Kannten Sie quälenden Durst?

Was bedeutet Wasser für Sie als Symbol? Löst schon das Bild vom Wasser eine Reaktion bei Ihnen aus? Alles Leben, so sagt man, stamme aus dem Wasser. Christen lassen sich taufen. Rituelle Waschungen versprechen auch seelische Sauberkeit. Welche Bedeutung ist für Sie untrennbar mit dem Wasser verbunden — und wann in ihrem Leben ergab sich diese Verbindung?

Schreibidee #3: Schreiben Sie eine Wasser-Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem das Wasser eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt des Wassers in Verbindung zu bringen.

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Max Frisch: Montauk

Long Island Beach

Der Schweizer Autor Max Frisch (1911-1991) war ein Meister des Rollenspiels. Der erste Satz seines Romans Stiller lautet: »Ich bin nicht Stiller!«. Erst ein Gerichtsverfahren bringt die Hauptfigur dazu, die alte Identität wieder anzuerkennen. In seinem Stück „Biografie: Ein Spiel“ darf der Verhaltensforscher Kürmann seine Biografie nachträglich verändern — was ihm jedoch kaum gelingt.

Die Erzählung Montauk von 1975 bildet einen weiteren Höhepunkt von Frischs Auseinandersetzung mit dem Problem der Identität, das heißt mit dem Problem unseres Verhältnisses zum eigenen Leben, unseres erzählerischen (autobiografischen) Zugriffs darauf und der Rolle der Erinnerung.

Jeder, der sich mit dem autobiografischen Schreiben beschäftigt, sollte Montauk lesen.

Der äußere Anlass scheint gering: Frisch entschließt sich dazu, ein Wochenende zu beschreiben, dass er im Mai 1974 zusammen mit »Lynn« auf Long Island bei New York verbrachte. »Montauk« ist der Name eines Dorfes an der Ostspitze der Insel. »Max Frisch erzählt die Geschichte einer kurzen Affäre und zugleich eines ganzen Lebens» steht richtig im Klappentext. Das ganze Leben kommt in Einschüben vor, die Themen des Wochenendes aufnehmen und biografisch erweitern.

Es stört ihn, daß immer Erinnerungen da sind. (Seite 9)

So heißt es gleich zu Beginn — doch sie sind unausweichlich. Auf dieser Unausweichlichkeit gründet die Struktur der Erzählung. Die Erinnerungen, die sich während des Wochenendes ergeben, werden in Ich-Perspektive ausgeführt, während die Erlebnisse des Wochenendes selbst als die einer Hauptfigur in dritten Person erzählt werden. So ergibt sich ein teilweise komplexes Zusammenwirken von Ich- und Er-Perspektive, eine Ich-Er-Form:

Sein Englisch ist bescheiden; ich weiß natürlich, was er sagen möchte. Kommt es vor, daß er nicht übersetzt, sondern in Englisch aussagt, was man so nicht sagen könnte in Schriftdeutsch oder Mundart, überrascht es mich, was und wie er denkt. Das genieße ich; dann ertappt ihn die Fremdsprache bei seiner wirklichen Meinung. […] Zum Beispiel sagt er, daß ich in meinem Leben nie in einem Bordell gewesen bin; er fügt hinzu: Deshalb bin ich auch kein politischer Mensch, weil ich alles verinnerliche. (Seite 107)

Das Englisch der Hauptfigur meiner Erzählung ist bescheiden, könnte man das paraphrasieren, aber da ich es bin, habe ich zugleich Zugriff auf sein Inneres. Es überrascht Frisch nicht, was er selbst denkt, aber was diese Figur denkt, das heißt, wenn er als Schreibender darüber nach-denkt.

Frisch verwendet die Er-Form nicht, um erfinden zu können. Über seine autobiografische Absicht lässt er sich und den Leser nicht im unklaren:

AMAGANNSETT
heißt also der kleine Ort, wo er gestern beschlosen hat, dieses Wochenende zu erzählen: autobiographisch, ja, autobiographisch. Ohne Personnagen zu erfinden; ohne Ereignisse zu erfinden, die exemplarischer sind als seine Wirklichkeit; ohne auszuweichen in Erfindungen. Ohne seine Schriftstellerei zu rechtfertigen durch Verantwortung gegenüber der Gesellschaft; ohne Botschaft. Er hat keine und lebt trotzdem. Er möchte bloß erzählen (nicht ohne alle Rücksicht auf die Menschen, die er beim Namen nennt): sein Leben. (155f.)

Die Er-Form dient also nicht der Erfindung, sondern einer möglichst großen Authentizität. Sie trennt die „Geschichte“ des Wochenendes von der restlichen Biografie, verhindert die Vermischung. In seinem Buch Autobiografisches als literarisches Schreiben (Schneider Verlag, Hohengehren 2000) interpretiert Günter Waldmann das so: Frisch wolle Distanz, Fremdheit ausdrücken: »Der Grund ist, dass in dieser Beziehung so viel Fremdheit besteht: er ist fremd gegenüber sich selbst wie gegenüber Lynn, aber auch er ist Lynn fremd, dass er für seine Erinnerung nicht als Ich, als Subjekt des Geschehens erscheint: Er ist dreiundsechzig, und Lynn, vom selben Jahrgang wie seine Tochter, ist dreißig.

Fremdheit herrscht allerdings auch in anderen Beziehungen, die Frisch in diesem Buch schildert oder anklingen lässt, in der zu Ingeborg Bachmann oder seiner damaligen Frau Marianne Oellers — die übrigens ebenfalls 28 jünger ist als er. Viel eher scheint es mir also das Verhältnis von Gegenwart und Erinnerung zu sein, dem er in der Wahl der grammatischen Person Ausdruck verleiht — und dem Willen, eben gerade jene Episode herausstellen und zu schildern. Vielleicht — aber das schreibt er nicht — wegen ihrer Abgeschlossenheit, die bereits die Form einer Erzählung trägt.

Neben dieser grundlegenden und bedenkenswerten Struktur und der vielen Einsichten zum Selbst-Verhältnis des Autors (des modernen Menschen), die die Lektüre lohnenswert machen, finden sich in dem rund 200 Seiten langen Prosatext noch einige ganz besondere Schätze. Mir gefiel besonders die lange Passage (S. 29-50) zum früheren Freunde und Förderer »W.« und der kurze Essay zum Thema Geld (170-182), der von einer kurzen Supermarkt-Episode mit Lynn angeregt wird und mit einer bewundernden Beschreibung Ingeborg Bachmanns endet:

Ich weiß nicht, wie sie das macht. Ich erinnere mich nicht, daß je eine Ausgabe sie reut, eine hohe Miete, eine Handtasche aus Paris, die am Strand kaputtgeht. Geld verläßt uns so oder so. Wenn jemand, den sie liebt, an sich selber spart, so verletzt es ihre Liebe. Eigentlich stünde es uns beiden zu, ein kleines Schloß oder ein großes, aber sie ist nicht empört, daß andere es haben. Sie zu beschenken ist eine Freude; sie strahlt. Sie verlangt den Luxus nicht; wenn er da ist, so ist sie ihm gewachsen. Ihre Herkunft kleinbürgerlich wie die meine; nur ist sie frei davon. Ohne Ideologie; kraft ihres Temperamentes. Wenn sie rechnet, dann rechnet sie mit Wundern. (182)

Erich Loest: Durch die Erde ein Riß

Erich Loest, 1955 und 2006

Der Sachse Erich Loest (1926-2013) hat sich im kollektiven Gedächtnis der Deutschen wohl am nachhaltigsten durch seine späten Leipzig-Werke verankert, Völkerschlachtdenkmal (1984) und Nikolaikirche (1995, zuerst Drehbuch, dann Roman). Insgesamt schrieb er mehr als fünfzig Romane, darunter einige Kriminalromane unter Pseudonym – und das, obwohl er beinahe sieben Jahre als politischer Häftling in Bautzen verbringen musste. Loest ist eine Art ostdeutscher Grass, ein Mann, an dessen »Lebenslauf« (so der Untertitel des Buchs) sich die Geschichte im Osten des Landes ablesen lässt, von der HJ über den späten (freiwilligen) Kriegseinsatz, den kommunistischen Aufbruch, SED, die Entstalinisierung, Entillusionierung, bis zur Wende und den Entwicklungen im wiedervereinten Deutschland.

»Durch die Erde ein Riß« allerdings entstand bereits 1981, nachdem Loest seine Heimat gerade verlassen hatte (1990 kehrte er nach Leipzig zurück). Loest ist also Mitte fünfzig als er das Buch schreibt, vergleichsweise jung für die Lebenserinnerungen eines Schriftstellers. Einen Grund für das frühe Datum nennt er nicht. Es mag mit dem biografischen Bruch zu tun haben, dem Wunsch, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Oder er wollte endlich das schreiben und veröffentlichen, was ihm in der DDR vielleicht eine zweite Gefängnisstrafe eingebracht hätte. Die Form, in der er das tun, ist nicht die eines Bekenntnisses oder der inneren Einkehr. Er schreib nicht in der für Autobiografien typischen 1. Person, sondern in der 3. Person oder Er-Form. Das erste Kapitel beginn so:

Im April 1936 füllte ein Zehnjähriger den Aufnahmeantrag für das Deutsche Jungvolk aus. Füllte er aus? Tat es die Mutter für ihn? Das geschah auf dem abschüssigen Markt von Mittweida, seiner Geburtsstadt, zwanzig Kilometer nördlich von Chemnitz (Durch die Erde ein Riß. Ein Lebenslauf. Ausgabe: Mitteldeutscher Verlag, Halle 2016, Seite 11)

Auch für die Wahl der 3. Person führt Loest keinen Grund auf, man muss ihn aus der Wirkung erschließen: Wenn er den HJ-Fähnleinführer beschreibt, der er war, lenkt die 3. Person eher auf die historische Einordnung. Die 1. Person verlangte stärker nach psychologischer Selbstanalyse. Und auch später, als sich Loest nach einer kurzen politischen Abstinenz recht bald zur SED und ihrer »Friedenspolitik« bekennt, fällt die Er-Perspektive leichter:

Ein Jahr hatte ihn zum zweitenmal umgekrempelt. […] Februar 1945: Wir werden siegen, weil wir den Führer haben! Februar 1946: Nie wieder Politik! Februar 1947: Brüder, in eins nun die Hände! Verwirrend genug. (Seite 130)

Vom »Er«, den er »L.« nennt, berichtet der Autor Loest als »Chronist«, der sich ebenfalls nicht als »Ich« vorstellt, sondern in seiner beruflichen Rolle. Die Doppelrolle als L., von dem erzählt wird, und Chronist, der erzählt, ermöglicht ihm, Vorgänge des autobiografischen Schreibens flüssig und schlüssig abzubilden:

Während der Chronist diesen Abschnitt entwirft, liegt ein Exemplar von »Die Westmark fällt weiter!« [dem 2. Roman von 1952, S.K.] neben der Schreibmaschine. Es bereitet kein Vergnügen, zu lesen, was L. damals erdachte. Der Spurensicherer könnte sich ironisch erheben, aber es wäre ungerecht und ahistorisch sowieso. Wie er die Geschichte nicht belehren kann, so sollte er auch nicht am E.L. von damals herumerziehen und quengeln und deuteln, nur eines bleibt: So genau wie möglich hinabhorchen, hinunterspüren. Der Chronist kann Zwischentöne vermissen in der Schreibart, Differenziertheit; […] L. sah nun einmal keinen dritten Weg. (Seite 169)

Diese Stelle kommt einer Begründung am nächsten: Loest ging es nicht um Analyse, Reue oder Rechtfertigung, sondern um historisches Verständnis. An diesem Anspruch gemessen leistet »Durch die Erde ein Riß« einiges. Am meisten beeindruckte mich das Zeitbild der jungen DDR, deren gebrochenen Idealismus ich vor allem durch Christa Wolf kennengelernt habe, dann durch Uwe Johnson und die Generation um Wolf Biermann und Jürgen Fuchs – Loest bietet einen nüchternen, bodenständigen Blick auf die Anfänge eines Sozialismus, der in der Theorie einiges für sich hatte, aber eines niemals war: demokratisch. L. machte mit und dem Chronisten gelingt es, die Dialektik des Gewissens darzustellen, die sicher nicht nur ihn betraf:

Ein Satz war verbiestert zitiert worden, eine Betonformel: Lieber hundertmal mit der Partei irren, als sich einmal gegen sie stellen; er wurde Lenin zugeschrieben. Louis Fürnbergers Lied war gesunden worden: »Die Partei, die Partei, die hat immer Recht.« Einen Widerspruch, der Unzähligen zu schaffen machte und macht, der berufliche und politische Entwicklungen zerstörte und Charaktere bracht, der den Charakterfesten am stärksten und den Denkfaulen und Gewissenlosen am wenigsten zum Problem und manchem zum Lebensproblem wurde, den kein Ideologe zu Ende dachte, den Widerspruch nämlich zwischen Gewissen und Parteidisziplin, wollte er für seine Person entscheiden. Er riß sich aus der Unschuld, die mit dem Gewissen die Verantwortung von sich schiebt, und wollte das dafür Prompt gelieferte Ruhekissen nicht mehr. Den Widerspruch, aus dem alle Entwicklung wächst, wollte er auch in sich, und mit der Mitverantwortung akzeptierte er die Mitschuld. (260).

Auf biografika geht es um die Möglichkeiten und die Vielfalt biografischen Schreibens. Darum zuletzt noch einige Passagen, die zeigen, wie die doppelte Er-Perspektive (Günter Waldmann nennt sie »Er-Er-Form«) funktioniert:

»Im Laufe unseres Lebens kommen wir mehrmals auf uns selbst zurück«, sagt der Schriftsteller Martin Kessel. Im Zurückkommen auf den Scholar L. schlug der Chronist ein Dritteljahrhundert später in Zeitungen nach, wie denn diese Zeit sich dort spiegelt. (108)

Der »Chronist« kennzeichnet fremde Quellen, die er dem Gedächtnis als Hauptquelle zur Seite stellt.

Beim Suchen der Spuren im alten Sand erinnert sich Annelies [Loests Ehefrau, S.K.] und sagt es dem Chronisten in einer Mischung von Vorwurf und Anerkennung: Wurdest ganz schön selbstbewußt, hast dich verblüffend rasch verändert. Die große Klappe hattest du immer, aber jetzt nahm deine Selbstironie ab. (177)

L.s wohnten unterdessen in der Oststraße nahe dem Zentrum, sie hatten eine geräumige Wohnung eingetauscht, […] Einer der ersten Fernsehapparate weit und breit stand hier, an manchem Abend versammelte sich ein Dutzend Freunde um ihn. […] Einer, der wenig trank einer nicht gänzlich auskurierten Tbc wegen war Zwerenz. In seinem Buch, »Der Widerspruch« (S. Fischer Verlag, 1974), liet sich das so: (268f.)

Es folgt eine Passage aus dem Buch von Gerhard Zwerenz, die Loest unkommentiert stehen lässt. Fremde Quellen, sofern vertrauenswürdig, behandelt der Chronist gleichberechtigt zu den eigenen Erinnerungen.

Der Chronist ist sich nicht sicher, ob schon Janzen dieses Wort […] gebrauchte. (278)

Von welchem Freund? Ihn zu nennen wirkte vielleicht auch nach so vielen Jahren noch als Denunziation. […] Über das Verhalten von diesem und jenem war sich L. damals schon nicht in jeder Phase klar; darüber zu schreiben, brächte manchen womöglich in falsches Licht. Nicht alle, die redeten und dachten wie L., sahen sich später auf der Anklagebank wieder – warum waren sie davon gekommen? […] Lassen wir ein paar Namen, eine Paar Schicksale weg. Daß L. sich weiterhin dem Chronisten zu stellen hat, bleibt von dieser Überlegung unberührt. (282)

Wenig bewahrte das Gedächtnis über diesen Sommer. Fuhr er mit dem Rad zum Baden? Ging er mit den beiden größeren Kindern spazieren, Robbi im Wagen? Wie kam Annelies mit den dreien zurecht? Wie wenig oder wie viel half er ihr? Er schrieb, nun ja, das hatte er immer getan. (317)

Das Gedächtnis selbst, die wichtigste Quelle des »Chronisten«, erscheint als Archiv, das weder zu L. noch zu ihm gehört. Diese Unkörperlichkeit des Gedächtnisses ist eine Folge der Er-Er-Perspektive. Sie hat auch mit dem Gefühl der Distanz zu tun, das mich als Leser von Loests Autobiografie begleitet. Das Leben stach ihn, aber als Autor war Erich Loest die Nadel wichtiger als der Schmerz.

#2 — Feuer

Nachtfeuer

Das Thema „Feuer“, so elementar, roh und archaisch wie es ist, spielt in jedem Leben eine Rolle. In seiner untergründigen Gegenwart widersetzt es sich der Einordnung in einen Lebenslauf, es ist kein Gliederungspunkt unter vielen. Statt dessen bildet es eine Art Kraftfeld, eine elementare Gegebenheit der Existenz, zu der man so oder so stehen kann. Das gilt auch für die nächsten drei Ideen. Zusammen bildet sie eine „Elemente-Reihe“.

Feuer begegnet Ihnen episodisch und symbolisch. Mit „Episoden“ sind Erlebnisse und Ereignisse aus Ihrem Leben gemeint, in denen das Feuer eine zentrale Rolle spielte: ein Martinsfeuer, eine Brandwunde, ein Hausbrand, Krieg? „Mit dem Feuer spielen“, „feurige Liebe“, „Gebranntes Kind scheut das Feuer“ – symbolisch oder metaphorisch ist das Thema „Feuer“ leicht zugänglich und äußerst ergiebig. Ist das Feuer Ihnen ur-sympathisch, jagt es Ihnen einen Schrecken ein? Gilt das ganz konkret, oder meinen Sie eher die symbolische Ebene, Feuer als Metapher?

Autobiografische Texte werden besonders intensiv, wenn es gelingt, die konkrete Erzählung des Lebenslaufs, eine Erinnerung, symbolisch „aufzuladen“, das heißt in einen Zusammenhang zu stellen, den ein Symbol, eine Metapher eröffnet. So erzählen sie eine Geschichte, und vermitteln zugleich Ihr „Lebensgefühl“, ihren früheren oder heutigen Charakter oder den eines Mitmenschen. Die Metapher vermittelt Ihnen beim Schreiben neue Perspektiven auf Ihr Leben. Ihre Leser spüren eine tiefere Dimension.

Schreibidee #2: Schreiben Sie eine Feuer-Geschichte. Beginnen Sie mit einem konkreten Erlebnis, bei dem das Feuer eine Rolle spielt. Versuchen Sie in einem zweiten Schritt, das Erlebnis mit dem symbolischen Gehalt des Feuers in Verbindung zu bringen.

Wenn Sie eine Feuer-Geschichte geschrieben haben, fände ich es toll, wenn Sie sie unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.