Monat: Dezember 2017

Peter Härtling: Zwettl

Peter Härtling im Gespräch (2003)

Ein vielbändiges Werk

Peter Härtling starb am 10. Juli dieses Jahres (2017). Ich kannte ihn vor allem wegen seiner wunderbar ehrlichen Kinderbücher (vor allem »Ben liebt Anna« (1979); »Sophie macht Geschichten« (1980), die ich gerne meinen Töchtern vorlas) und als Autor eines Hölderlin-Romans. Außerdem wusste ich, dass er viel über Musiker geschrieben hatte. Daher war ich ein wenig erstaunt (und betroffen), als in einem Nachruf des Radiosenders hr2 besonders des autobiografischen Werks von Härtling gedacht wurde. (Sein Schaffen geht über diese drei Schwerpunkte noch hinaus: Er hat auch viele Gedichtbände publiziert und »nichtbiografische« Romane.)

Nun musste ich schnellstens daran gehen, das im Nachruf sehr gelobte autobiografische Werk Härtlings zu erkunden. Es besteht aus diesen Büchern:

  • Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung (1973)
  • Nachgetragene Liebe (1980)
  • Der Wanderer (1988)
  • Herzwand (1990)
  • Leben lernen (2003)

Es wäre reizvoll, die den unterschiedlichen Themen und Zeitabschnitten angepassten Herangehensweisen in diesen Büchern zu vergleichen. Doch vorerst reichte die Zeit nur für die Lektüre des schmalen, nur etwa 150 Seiten dicken »Zwettl«. Doch diese Seiten haben es in sich — die Lektüre sei jedem wärmstens empfohlen, der sich für das Genre interessiert.

Zwettl

Das Buch handelt von der Zeit, die Peter Härtling in dem Ort Zwettl in Niederösterreich verbrachte. Etwa ein Jahr, am Ende des Krieges. Peter war noch keine zwölf Jahre alt, als die Familie Härtling fliehen musste. Zwettl, vom Vater ausgesucht, wurde zu einer Zwischenstation. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, die Mutter wurde vergewaltigt und beging kurze Zeit später Selbstmord. Der in zu kurzer Zeit aus seiner Kindheit entlassene Härtling versucht, sich irgendwie zu orientieren. Er beobachtet, hält aus, kämpft, lebt weiter.

Für Härtling war es bestimmt auch nach den gut zwanzig Jahren, die Anfang der Siebzigerjahre vergangen waren, nicht leicht, über diese Erfahrungen zu schreiben. Er bewältigt die Aufgabe, indem er alle Urteile beiseite lässt und tut, was der Untertitel verrät. Er überprüft seine Erinnerung, besucht Zwettl, stellt Fragen. Die bloß gespielte Gewissheit lückenlos erzählter Vergangenheit ersetzt er durch die Klarheit, die sich einstellt, wenn alle Verluste auch also solche benannt werden. Zu den realen Verlusten treten Erinnerungsverluste, und das, so lese ich manche Passagen, kann auch gut und heilsam sein.

Die Klarheit und Ehrlichkeit von Härtlings Selbst-Überprüfung drückt sich auch sprachlich aus. Etwa wenn er sich korrigiert und gerade in der Doppelung präziser wird als er es durch einfaches Benennen sein könnte:

die Stube ist, ich konnte es ausrechnen, als ich durch das Fenster schaute, auf meinem unsicheren Streichgang über die Pawlatschen im Jahre 1971, etwa dreimal vier Meter groß, zwölf qm,
sie richteten sie ein,
sie haben sie nie eingerichtet, es sich einige Dinge hinzugekommen, zufällig

Härtling nimmt uns als Leser mit, während er über seine Zeit in Zwettl nachdenkt. Er schreibt nur »ich«, wenn er das Subjekt der Erinnerung ist. Schließt er nur auf das Leben, das er als Junge geführt haben muss, schreibt er in der dritten Person:

diese Gegenstände sehe ich noch deutlich vor mir: sie müssen ihn vergnügt, er muß oft mit ihnen gespielt haben

Korrekturen

Ein Kapitel heißt »Die Körstube (IV): Korrekturen «, denn der Autor lässt sich von seiner »Tante K.« korrigieren und nimmt doch nicht ganz zurück, was er geschrieben hat. Er lässt es stehen:

Sie hätten, berichtigte Tante K., nicht die ganze Zeit auf Schreibtischen geschlafen, es sei arg genug gewesen, und L. habe nie im Stockbett geschlafen; das ist ein Irrtum, das kann ich genau sagen […]
ich habe alles falsch erinnert, ich habe meinen Kinderschlaf falsch geschlafen, meine Träume an einen falschen Ort verlegt; ja, jetzt weiß ich es, […]

Dieses Nachforschen und Korrigieren wird dem Leser nicht zu viel, weil er Anteil nimmt an beiden Hauptfiguren, dem »ich«, das erinnert, aber auch dem Jungen, an den erinnert werden soll. Und weil sich in der Nachprüfung Einsichten ergeben, die die psychologische Kraft des Erzählens demonstrieren:

das Haus war nicht übel, erzähl Tante K., wir schliefen in einem Bett, ich habe uns sogar Tee kochen können, und an der Decke des Zimmers, in dem wir schliefen, war ein breiter Sprung, darum hatten wir ein wenig Angst,
ich habe dieses Haus, auch dieses Zimmer vergessen gehabt, aber jetzt weiß ich, weshalb ich manchmal träume, ich läge in einem Bett unter einer gesprungenen Decke, der Sprung wird weiter, klafft und die Decke stürzt auf mich herab;

»Wenn man tief genug in sich selbst, in seine Eigenarten eindringt, taucht man unvermeidlich in anderen Menschen wieder auf«, schrieb der Bürgerrechtler und Theologe Howard Thurman. An diesen Satz musste ich bei der Lektüre von Zwettl häufiger denken. Nie wirkt es selbst-verliebt, was Härtling schreibt. Die Menschenfreundlichkeit, die ich aus seinen Kinderbüchern kannte, wendet er auch auf sich selbst an — und das war wohl eines der Rezepte, nach denen er zu »Leben lernte«. Bestimmt werde ich weiter Härtling lesen, um das noch besser zu verstehen.

P.S.

In einem Youtube-Video beschreibt Härtling Bilder seiner Kindheit vor und nach Zwettl. Mit einer angenehmen, sanften Stimme, die er auch als Moderator einer Literatursendung einsetzte.

#15 — Eine Liste von Lieblingsdingen

Lieblingsfahrrad

Listen dienen nicht nur wunderbar dem Zeitmanagement oder der Arbeitsorganisation, sie können uns auch biografisch auf die Sprünge helfen. Eine Liste von Dingen, die Sie gerne mögen, ist eine einfache Art von Selbst-Porträt. Einfach, weil Sie weder entscheiden müssen, was vorne steht (es geht nicht um eine Rangfolge) noch wie das eine mit dem anderen zusammenhängt.

Der Journalist Stefan Mesch hat eine solche Liste zusammengestellt. Bertolt Brecht verwendete das Listen-Prinzip für ein Gedicht, »Vergnügungen«, das ausgesprochen häufig für Schreibimpulse verwendet wird (hier zum Beispiel von Gudrun Schulz).

Eine Liste von Dingen, die Sie hassen, ist wohl ebenso charakteristisch für Sie, macht aber vermutlich weniger Spaß. Doch wenn Sie gerade in der Stimmung sein sollten …

Schreibidee #15: Schreiben Sie eine Liste Ihrer Lieblingsdinge mit mindestens 25 Einträgen.

1. Hinweis: Mit »Dingen« sind nicht nur Gegenstände oder Sachen gemeint, sondern ganz allgemein alles, was einem im Leben begegnen kann.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einige der Listeneinträge genauer eingehen und sich damit porträtieren. Titel: »Was ich liebe«.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

Feridun Zaimoglu: Weiter im Text

Zaimoglu_besonderes Tagebuch

Ein Ego-Dokument

Die Aufzeichnungen des Kieler Autors, die den Untertitel »Ein Tagebuch mit Bildern« tragen, eignen sich wunderbar als Beispiel für ein »Ego-Dokument«, also für einen im Vergleich zur Autobiografie oder zur ausgearbeiteten, thematisch orientierten Erinnerung eher »kleineren« autobiografischen Text, der sehr viele unterschiedliche Formen annehmen kann. In diesem Fall sind es tagebuchartige Aufzeichnungen, die jedoch auf die übliche Gliederung mit Datumsangaben verzichten. Doch der Anfang und das Ende der Aufzeichnungen sind mit »Ende März 2011« und »Pfingstmontag« klar bezeichnet.

»Weiter im Text« ist ein Neben-Werk Zaimoglus, das nicht einmal in der Wikipedia-Liste seiner Bücher auftaucht. Es besteht aus der Reproduktion von einseitig getippten und mit gelegentlichen handschriftlichen Korrekturen versehenen Schreibmaschinenseiten (Zaimoglu schreibt seine Bücher auf einer elektrischen Schreibmaschine, auf einem der Fotos von seinem Arbeitszimmer ist sie zu sehen). Dazwischen Zeichnungen des Autors, vor Porträts typisierter Zeitgenossen.

Die Prosa folgt den vor allem mit Lesungen, Arbeitstreffen, Bahnfahrten und Schreib-Perioden prall gefüllten Tagen, knapp und pointiert, umgangssprachlich-direkt, karikierend wie die Zeichnungen. Eine Kostprobe (mit Original-Zeilenumbruch):

Diabeteskongreß in Hamburg. Soll Vortrag halten.
Sieben Uhr früh, nicht wach. Steh im markierten
Feld, rauche. Frau raucht Pfeife. Auf dem Aufnäher
auf ihrer Bomberjacke steht: Lesbian by nature.
Rotes Garn. Sie sagt: Was glotzt du? Noch nie
ne Lesbe gesehen? Ich: Hab ich oft, es ist
wegen der Pfeife. Sie erzählt vom Pfeifenraucherglück.
(S. 19)

Wer solche Beschreibungen mag, sich interessiert für den (wenig glamourösen) Alltag eines professionellen Schriftstellers und harte Themen-Schnitte toleriert, findet vielleicht (wie ich) an dem Heft der Edition Eichthal Gefallen.

Porträt Zaimoglu (im Hintergrund eines seiner Bilder)

Feridun Zaimoglu, 2013, vor einem seiner Bilder.

Ehrlich, aber nicht unverschleiert

Bietet »Weiter im Text«, als Ego-Dokument, völlig unverstellte Einblicke in Zaimoglus Leben und Denken? Er selbst ist ehrlich genug, um uns als seine Leser vorzuwarnen:

Ist dies Tagebuch ein Lügenplakat?
Eine plakatierte Lüge?
Natürlich.
Nur Idioten sind durchlässig, nur Idioten sind Unverschleierte:
Affekte und Effekte brechen durch. Keine Hemmung und Zurückhaltung.
Ich gebe nicht alles preis, halte den Mindestsatz an
selbstbeschwerenden
selbstgewichtenden Erlebnissen zurück. Sonst wäre ich Luft,
zerstäubter Duft. Ich will, wenn ich allein bin, mich riechen
können. Doch alles Niedergeschriebene auf diesen Seiten ist
wahr. Und doch zu wenig.
(S. 71)

# 14 — Wahre Weihnachtsgeschichte

Engelsflügel auf dem Weihnachtsmarkt

Ich kenne eine Weihnachtsgeschichte, in der ein Vater einer Mutter einen Bildband von Norwegen schenkt.

Wir betrachteten gemeinsam die Bilder. Da waren hohe Berge, Meer und Wasserfälle zu sehen und hübsche kleine rote Häuschen. Papa sagte: »Wenn der verdammte Krieg vorbei ist, dann zeige ich euch beiden dieses wundervolle Land.«

Für den Vater sollte der Krieg nie vorbei gehen. Er starb »keine zwei Jahre nach diesem Weihnachtsfest«.

Die Geschichte stammt aus dem Buch »So feierten wir damals. Erlebte Geschichten durch das Jahr«.

Weihnachtsgeschichten müssen nicht aus märchenhaften, wunderbaren Geschehnissen zusammengesetzt werden. Das Weihnachtsfest ist selbst symbolisch genug, wir kennen seinen hohen Gefühlswert, sodass in dieser Bilderwelt noch die kleinste Beobachtung rührend wirken kann. In einer Weihnachtsgeschichte kann eine halbe Kindheit erzählt werden, oder mehr als die halbe Geschichte einer Familie.

Schreibidee #14: Schreiben Sie eine wahre Weihnachtsgeschichte aus Ihrem Leben

Hinweis: Die »Wahrheit« der Geschichte muss nicht in der Genauigkeit der Details liegen, sondern in dem, was sie über die beteiligten Menschen erzählt. Sie kann humorvoll, traurig, bissig-satirisch sein oder jedes andere Gefühl zum Ausdruck bringen, das Sie dem Weihnachtsfest gegenüber hatten oder haben.

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