Monat: Februar 2018

#17 — Ein Porträt

Porträt

Ein literarisches Porträt ist eine kürzere, meist pointierte Beschreibung eines Menschen. In autobiografischen Texten geht es dabei oft um die Einführung eines wichtigen Wegbegleiters des Autors oder der Autorin. Die Mutter, eine Schwester oder eine Freundin wird dem Leser vorgestellt, bevor sie in die Handlung eingreift oder in einer Geschichte vorkommt. Ein Lehrer wird porträtiert, der bleibenden Eindruck hinterließ. Manchmal sind es auch beiläufige Bekanntschaften, kuriose Charaktere, Originale, die in einem Porträt für wenige Zeilen ins Licht gerückt werden, obwohl sie im Zusammenhang des Lebenslaufs nicht weiter von Interesse zu sein scheinen. Aus ganz unterschiedlichen Gründen möchte man ihnen ein kleines Denkmal setzen.

Herrliche Beispiele für Porträts finden sich in Hildegard Knefs berühmter Autobiografie »Der geschenkte Gaul«, die mit Berliner Lakonie und sprachlicher Eigenständigkeit auch in anderer Hinsicht überzeugt. Eines gleich am Anfang, im ersten Kapitel, das als einziges nicht nummeriert ist, sondern den Titel »Liebeserklärung an einen Großvater« trägt. Im allerersten Abschnitt porträtiert die Knef ihren Großvater so:

Meiner hieß Karl, er war mittelgroß und genauso kräftig, wie er aussah. Er trug den Kopf sehr gerade, die Wirbelsäule auch, und er hatten einen großen Mund mit vielen Zähnen; er hatte sie noch alles 32, als er mit 81 Jahren Selbstmord machte. Sein Jähzorn war das Schönste an ihm, erstens weil er sich nie gegen mich richtete und weil er so wild und rasch kam, wie er verging, und wenn vergangen, wurde sein Gesicht warm wie ein Dorfteich in der Sommersonne und seine Bewegungen verlegen und einem fischenden Bären gleich.

Was macht dieses Porträt so überzeugend? Einige Aspekte:

  • Die äußerliche Beschreibung hat durchweg einen symbolischen Unterton. Das Äußere wird nicht einfach abgeschildert, sondern bedeutet etwas.
  • Die exakte Wortwahl. Er „beging“ nicht Selbstmord, er „machte“ ihn. Das ist kein Ausrutscher ins Umgangssprachliche, sondern drückt eine Haltung aus.
  • Die Charakterisierung steckt voller Konflikte. Kraft und Zärtlichkeit scheinen miteinander zu streiten.
  • Die stimmungs- und humorvollen Metaphern.

Schreibidee #17: Schreiben Sie das Kurzporträt eines Menschen aus ihrem Leben.

1. Hinweis: Wählen Sie fürs Erste niemanden aus, der Ihnen sehr nahe steht. Die Kunst des literarischen Porträt lässt sich besser an Menschen üben, die zwar eine Rolle spielten und von denen man ein klares Bild erinnert, von denen man jedoch nicht allzu viel weiß. So fällt die Auswahl leichter und man sieht eher das Charakteristische.

2. Hinweis: Schreiben Sie zunächst eine DIN-A-4-Seite über die ausgewählte Person und kürzen Sie Ihr Porträt anschließend mindestens auf die Hälfte. So beschränkt sich Ihre Schilderung auf das Wesentliche — und die geschilderte Person tritt für die Leser stärker hervor, als es bei sehr langen Beschreibungen der Fall wäre.

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#16 — Eine Wunschliste

Pusteblume

Die einzigen Liste, die vielleicht noch mehr über uns aussagt, als eine Liste von Lieblingsdingen, ist eine Wunschliste. Was verrät mehr über unsere Identität als unsere Wünsche? Schon die Art von Wünschen, die wir hegen, ist charakteristisch. Kinder, so scheint es, wünschen sich vor allem Dinge — so üben wir es mit ihnen, wenn sie einen Weihnachtswunschzettel schreiben sollen. Aber es geht auch anders. Auf der Rückseite der Kinderzeitung meiner Tochter werden die »Steckbriefe« von jungen Leserinnen veröffentlicht. »Mein größter Wunsch« lautet eine der Rubriken. Hier geht es ganz selten um Dinge, sondern meistens um das große Ganze, um das sich die Kinder zu Recht sorgen: Frieden wünschen sich viele, und dass die Natur besser geschützt werde. Die meisten, so glaube ich, würden dafür auf die Erfüllung ihrer Weihnachts-Wünsche verzichten.

Viele Kinder wissen nämlich genau, worauf es ankommt. Einige haben vielleicht darüber nachgedacht, als sie das Märchen »Die drei Wünsche« von Bechstein gehört haben oder ein anderes der zahlreichen Märchen, die vom Wünschen handeln. Oder Paul Maars Geschichte vom Sams mit seinen Wunschpunkten.

In unseren erlebnishungrigen Zeiten liest man von Wunschlisten oft als Listen von Dingen, die man noch tun oder erleben möchte, bis man ein bestimmtes Alter erreicht hat, oder bis zum Lebensende. Ein Lebensprogramm in Listenform. Im Klappentext von Robin Golds Roman »Die Liste der vergessenen Wünsche« (der nicht auf meiner Wunschliste steht), heißt es:

Früher war alles einfacher. Abschiede zum Beispiel. Als die sechsjährige Clara Black ihren Kater »Schweinebraten« beerdigte, ahnte sie nicht, dass das Leben noch einen viel größeren Verlust für sie bereithalten würde: Viele Jahre später stirbt ihr Verlobter kurz vor der Hochzeit. Es bricht Claras Herz. Doch dann findet sie eine alte Liste mit ihren Kindheitswünschen, die vor ihrem 35. Geburtstag in Erfüllung gehen sollten. Ganz unverhofft wird die Liste zu Claras Rettungsanker – und zum Weg zurück ins Glück …

Wie sieht Ihre Wunschliste aus: Glück und Frieden, eine Ballonfahrt über den Vesuv oder doch lieber das neueste iPad?

Schreibidee #16: Schreiben Sie eine Wunschliste mit genau zehn Einträgen.

1. Hinweis: Die Beschränkung auf zehn Einträge zwingt Sie, das eine gegen das andere abzuwägen. Wie mit den drei Wünschen im Märchen.
2. Hinweis: In einem zweiten Schritt können Sie, ausgehend von Ihrer Liste, einen kurzen Text schreiben, worin Sie auf einen der Listeneinträge genauer eingehen und sich ausmalen, wie es sein könnte, wenn Ihnen dieser Wunsch erfüllt würde.

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Hanns-Josef Ortheil: Schreiben über mich selbst

Notizbücher

Das Kompendium »Schreiben über mich selbst« ist Teil der von Ortheil selbst herausgegebenen Reihe »Kreatives Schreiben« im Dudenverlag (2014, ISBN 978-3-411-75437-3, 14,95 €). Die »Spielformen autobiografischen Schreibens« (so der Untertitel), die es vorstellt, sind jeweils von bestimmten Werken und Beispielen abgeleitet, was die Lektüre kurzweilig und spannend macht und — wie so oft, wenn es ums Schreiben geht — auch vom Hundertsten ins Tausendste führt. Ausgehend von mündlichen Formen des Auskunftgebens und Dokumentierens, über die schriftlichen Ego-Dokumente, Selbstporträts und die Behandlung einzelner Lebensabschnitte, löst sich Ortheil von den allzu einfachen Einteilungen des Autobiografischen, mit denen wir es sonst meist zu tun haben. Im Abschnitt »Nach vorn und zurück blicken« geht es zum Beispiel nicht einfach ums Tagebuch-Schreiben, sondern um eine bestimmte Form von resümierenden Einträgen. Ortheil, der sein eigenes Leben in mannigfaltiger Weise dokumentiert und literarisch verarbeitet, eröffnet uns eine reich schattierte Farbenpalette des Autobiografischen, und zeigt zugleich: Patentrezepte gibt es nicht.

So erleichternd und anregend die Lektüre deshalb wird, so abschreckend wirken leider manche der »Text- und Schreibaufgaben«, die jedes der 25 Kapitel abschließen. Oft schlägt Ortheil vor allem vor, es den jeweils vorgestellten Autoren nachzutun, z.B. wo es um die Erkundung der eigenen Kindheit geht:

Konzentrieren Sie sich auf kurze Kindheitssequenzen in der Sartre’schen Manier. Erzählen Sie, wann und wo Sie einmal unbedingt Mittelpunkt einer Gesellschaft waren oder sein wollten, wie Sie den Erwachsenen und sich selbst etwas vormachten, wie Sie manchmal Triumphgefühle der Überlegenheit empfanden, […] (S. 102)

Solche Vorbild-Übungen sind sicherlich sehr hilfreich, können aber auch weniger passen und stellen in der Summe wohl für die meisten autobiografisch Schreibenden eine Überforderung dar:

— Konzipieren Sie einen literarischen Blog, in dem Sie von Ihren Lektüren erläuternd und kommentierend in regelmäßiger Folge berichten.
— Dokumentieren Sie Ihre Neuanschaffungen von Büchern und ordnen Sie diese Neuanschaffungen älteren Titeln zu.
— Erstellen Sie nach und nach […] (S. 90)

Statt der Rezension eines Lieblingsbuchs schlägt Ortheil also gleich einen ganzen Literaturblog vor. An dieser und anderen Stelle wünschte man sich, dass er etwas mehr die Technik der didaktischen Reduktion verwendet hätte, um aus dem Ganzen etwas Kleineres und doch Lehrreiches zu destillieren.

Auch in seiner »Nachbetrachtung« legt der Gründungsprofessor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim weniger Wert auf Reduktion. Für ihn geht es beim biografischen Schreiben ums Ganze:

Autobiografisches Schreiben kostet Zeit, und genau das ist ein Problem. Wer nicht kontinuierlich und regelmäßig schreibt, kann es gleich bleiben lassen. Denn autobiografische Texte sterben ab und trocknen aus, wenn sie nicht unablässig ergänzt und weiterführt werden. (S. 146)
[…]
Wer ohne fixierte Erinnerungen lebt, formt und gestaltet sein Leben nicht.
Das »Schreiben über mich selbst« ist daher nicht nur eine beliebige, literarische Praxis unter vielen anderen, sondern Teil einer umfassenden »Lebenskunst«. [… dabei] geht es […] darum, die eigene Existenz zu beobachten, zu reflektieren und zu durchdringen.(S. 147)

Die Idee, das Schreiben sei Lebenskunst, indem es die eigene Identität stärkt und schärft, beflügelt den »Schreibfanatiker« Ortheil. Sie erklärt in gewisser Weise die Faszination, die im biografischen Schreiben liegt. Doch gerade, weil sie so groß ist, diese Idee, lohnt es sich, den Lernwilligen auch in kleineren Schritten an sie heranzuführen.