Monat: März 2018

#20 — Postkartengeschichten

Postkarten

Postkarten sind eine gute Inspirationsquelle — ob es die eigenen sind, die man bekommen oder nicht abgeschickt hat, ob sie beschrieben wurden oder nur gesammelt. Oder ob sie, wie in diesem Fall, aus fremden Quellen stammen und aus Nachlässen, Flohmärkten, aus dem Altpapier gerettet wurden. Wenn Sie keinen Stapel alter Postkarten zu Hause haben, können Sie hier welche herunterladen und entpacken.

Schreibidee #20: Wählen Sie aus einem Stapel fremder Postkarten diejenige aus, deren Motiv Sie am stärksten anspricht. Lassen Sie sich von Ihren spontanen Einfällen leiten und schreiben Sie einen Text, dessen erste Sätze so beginnen:
»Ich war einmal …«
»Dort habe ich …«

Hinweis 1: Sie müssen nicht über den Ort schreiben, der auf der Karte zu sehen ist. Es geht um Ihre Assoziationen. Es könnte sich auch um eine Orts-Metapher handeln, einen inneren »Ort« oder den Ort einer Begegnung.

Hinweis 2: Auch wenn der zweite Satz mit »habe« beginnt, sollten Sie nicht den gesamten Text in der zusammengesetzten Vergangenheit (Perfekt) schreiben. Das Präteritum ist meistens die schönere Erzählzeit.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden.  Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

# 19 — Ringe

Ring, Kopie

In dem erstaunlich interessanten Schmöker »Frauen und Kleider« der kanadischen und amerikanischen Autorinnen Leanne Shapton, Sheila Heti und Heidi Julavits geht es nicht um Mode im engeren Sinn oder deren Geschichte, sondern um die Rolle, die Kleider, Schmuck, das Anziehen und »Herausputzen« in den Biografien der 561 Frauen spiel(t)en, die zu Wort und Bild kommen. Eine von vielen darin dokumentierten Projekten zum Thema heißt »Ring-Zyklus«: »Fünfzehn Frauen aus einer Zeitungsredaktion fotokopieren ihre Hände und erzählen die Geschichte ihrer Ringe.«
Hier ein Beitrag (alle sind kurz, in einer Redaktion ist wenig Zeit):

ROBERTA ZEFF Diesen Ring hat mir mein Mann zum Hochzeitstag geschenkt, ich weiß nicht mehr zu welchem. Der kleine war ursprünglich der Ehering meiner Großmutter im Jahr 1963, als meine Großeltern noch nicht viel Geld hatten. Es ist ein ganz kleiner, unscheinbarer Ring. Später hatte sie viele spektakuläre Ringe, aber mit diesem hat sie angefangen, deswegen habe ich ihn immer geliebt. Er hat eine Inschrift. Es sind die Initialen meiner Großeltern und das Datum ihrer Hochzeit: H.P. und C.L., 2-1-36.

Schreibidee #19: Fotokopieren Sie Ihre Hand und schreiben Sie die Geschichte Ihres Rings/Ihrer Ringe auf die Kopie.

Hinweis: Ringe sind höchst symbolische Gegenstände. Betonen Sie die Symbolik nicht. Bleiben Sie konkret und lassen Sie die Bedeutung »durchscheinen«.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Oder noch besser: Sie scannen die beschriebene Kopie ein und schicken sie an mail@biographie-service.de. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

Deutsche Geschichte in 10 Autobiografien

Seintänzerin über Köln, 1946

Auf diese Idee kam ich beim Vorgespräch zu einer Radiosendung des Deutschlandfunks, zu der ich eingeladen wurde. Wir sprachen von Autobiografien und Zeitgeschichte.

Jede Lebensgeschichte bewegt sich in den Grenzen der eigenen Zeit, die aus der je eigenen Perspektive wahrgenommen und erzählt wird. Das gilt nicht nur in Bezug auf harte Einschnitte, wie sie der Krieg mit sich brachte, oder ganze Gesellschaftssysteme. Auch Veränderungen, die die eigenen Lebensgrundlagen unbedroht lassen, prägen uns und ziehen uns mit: politische und kulturelle Strömungen ebenso wie technische Neuerungen. 1968 ist 50 Jahre her: Sicherlich werden in diesem Jahr einige (auto)biografische Bücher erscheinen, in denen »die 68er« im Zentrum stehen.

Hier also meine Liste von Autobiografien, mit denen sich besonders viel über die jüngere deutsche Geschichte lernen lässt.  Einerseits, weil sie Zeitgeschichte thematisieren. Andererseits, weil sie mit dem Anklang, den sie fanden, Reflexionsstufen markieren und historische Motive, die für ihre Leser beziehungsweise »die Öffentlichkeit« wichtig wurden und zum Teil noch sind. (Ich beschränke mich auf Titel, die nicht in anderen biografika-Beiträgen vorkommen.)

  1. Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers (1942, posthum) — Die Kultur des in zwei Weltkriegen untergegangenen „alten Europas“, mit Schwerpunkt Wien.
  2. Klaus Mann: Der Wendepunkt (1952, posthum) — „Mythen der Kindheit“, Deutschland und Europa in den 20er Jahren, Emigration und Exil.
  3. Otto Hahn: Mein Leben (1968) — Erinnerungen des Chemie-Nobelpreisträgers. Zur wissenschaftlichen Revolution im 20sten Jahrhundert (Lise Meitner schrieb leider keine Autobiografie).
  4. HIldegard Knef: Der geschenkte Gaul (1971) — Kindheit und Kriegsjahre, künstlerische Höhen und Tiefen des ersten deutschen Nachkriegs-Stars. Knefs Autobiografie war in Deutschland wie in den USA enorm erfolgreich.
  5. Walter Kempowski: Tadellöser & Wolf (1971) — Geschichte der Rostocker Reederfamilie des Autors von 1938 bis 1945. Unter besonderer Berücksichtigung der Umgangssprache. Teil der „Deutschen Chronik“, die Kempowski  1972 mit Uns geht’s ja noch Gold fortsetzte.
  6. Bernward Vesper: Die Reise (1977, posthum) — Vorgeschichte und Ursachen des RAF-Terrorismus, Vesper war der Sohn eines NS-Schriftstellers und Lebensgefährte der späteren RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.
  7. Ruth Klüger: weiter leben (1992): Die 1931 in Wien geborene Germanistin schreibt über die Deportation ihrer jüdischen Familie und ihre Erinnerungen an die Konzentrationslager Theresienstadt, Ausschwitz-Birkenau und Christianstadt. Und vom „Weiterleben“ nach 1945.
  8. Christa Wolf: Ein Tag im Jahr (1960–2000) (veröffentlicht: 2003) — Die Autorin beschreibt jeweils den 27. September jedes Jahres und dokumentiert damit neben ihrer privaten Autobiografie die Geschichte zweier lange getrennter, dann wiedervereinter deutscher Staaten.
  9. Uwe Timm (2003): Am Beispiel meines Bruders — Umgang einer deutschen Familie mit der Erinnerung an den gefallenen Sohn, einem Angehörigen der Waffen-SS (hier eine Internet-Rezension).
  10. Gerhard Henschel: Kindheitsroman (2004) — Minutiöse Chronik einer bundesdeutschen Kindheit in den 60er und frühen 80er Jahren (Rezensionsnotizen). Teil einer Buchreihe, die mit Jugendroman, Liebesroman, Abenteuerroman, Bildungsroman, Künstlerroman und Arbeiterroman ebenso minutiös fortgesetzt wurde. In der Tradition Walter Kempowskis.

Vielleicht haben Sie Lust, in den Kommentaren Ihre eigenen Ideen mitzuteilen? Welche Autobiografien kennen Sie, in denen die jüngere deutsche Geschichte besonders eindrucksvoll dargestellt wird? Immer, natürlich, aus der Perspektive des einzelnen, und ohne den historischen Anspruch, Allgemeingültiges zu formulieren.

[P.S.: Das Bild zeigt eine Seiltänzerin über dem zerstörten Köln, 1946, Fotograf unbekannt, aus dem Buch Köln und der Krieg. Leben, Kultur, Stadt. 1940 -1950 (Greven Verlag 2016). Quelle: www.express.de/25086238]

 

 

#18 — Sprechende Grabsteine

Sprechende Grabsteine auf Föhr/Amrum

(Diese Idee stammt von Anneliese Wohn. Ich danke für die Gelegenheit, sie hier zu veröffentlichen.)

Auf den Friedhöfen der deutschen Nordseeinseln Amrum und Föhr stehen »sprechende Grabsteine«. Diese »Denkmäler« (so sind sie teilweise beschriftet) erzählen vom Leben der Verstorbenen, zählen also außer dem Namen nicht allein Geburts- und Sterbedatum auf. Waren es Männer, findet sich auf den Steinen häufig ein Berufs-Symbol, wie oben im Bild ein Schiff für Kapitän Wilhelm Tönissen. Bei Frauen findet man Blumen, die für das Paar und die Kinder stehen, die Blüten von Töchtern unterscheiden sich von denen für Söhne. Ist eine Blüte abgeknickt, verstarb das Kind vor den Eltern.

Die Biografien der Verstorbenen geben Auskunft über Ehe und Kinder, Berufe und erzählen ab und an von besonderen Lebensumständen. Hier ein recht ausführliches Beispiel von der Insel Amrum, für das der Bildhauer auch die Rückseite des Grabsteins benötigte:

Neben diesem Stein modern die Gebeine des wohledlen seel: Hr Capitains HARCK NICKELSEN.
er war gebohren d. 12 Oct. 1706 zu eben der Zeit wie sein Vater auf dem Meer verunglückte. Im 12then Jahr seines Alters fing er an sein Brodt bey der Schiffahrt zu suchen. Ao. 1724 erlitte er die Wiederwärtigkeit, von den türckischen Seeräubern gefangen und an den Bay von Algier verkauft zu werden, welche er 3 Jahr dienete nach welcher Zeit er ihm aus Güte seine Freiheit durch die Purtogiesen erkauffen liess, suchte nachgehends in Holland und Copenhagen sein Glück am letzten Ort gelang es ihm, als Capitain ein Schiff auf Westindien und der Küste von Guinea zu führen.
Ao. 1737 trat er in der Ehe mit der tugendhaften Frauen, MATIJE HARCKEN, eine Tochter des hierneben rugenden seligen Schiffers OLUF JENSEN. Gott segnete seinen Beruf so erwünscht, daß er in seinen besten Alter schon hinlänglichen Vorraht vor die Zukunft hatte, welche er in einer vergnügte Ehe, mit einem christlichen und stillen Wandel, sich mit den seinigen zu Nutze machte, bis Ao. 1770 24. May er mit seinen Vätern, in einem Alter von 63 Jahre, 78 Monath und 12 Tage entschlummerte.

 

Schreibidee #18: Schreiben Sie die nach dem Vorbild der sprechenden Grabsteine eine Grabinschrift für eine verstorbene Person, die Ihnen wichtig war.

Hinweis: Mehr über die Tradition der sprechenden Grabsteine finden Sie auf Wikipedia, hier und hier.

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