Monat: April 2018

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben

Schreibende Hand

Ich besitze eine recht stattliche Anzahl von Ratgebern und Ideenbüchern zum biografischen Schreiben. Anders als wissenschaftliche Werke sind die meisten davon stark geprägt vom persönlichen Zugang des Autors oder der Autorin in das riesige und verwinkelte Haus des Schreibens. Nur wenn dieser Zugang zu dem passt, was sich auch der Leser, die Leserin bewusst oder bloß geahnt vom Schreiben erhofft, kann das Buch zu einer Hilfe werden.

Tania Konnerths Buch richtet sich an diejenigen, die das Schreiben als Weg zur Selbst-Erkenntnis, zur Identitätsfindung oder -stärkung heranziehen möchten. Es geht ihr weniger um das Schreiben über sich selbst, wie es Autoren tun, die eine Autobiografie oder ein Memoir verfassen, als um das Schreiben für sich selbst. Wer den Buchtitel ernst nimmt, ist auf der richtigen Spur.

Zu Beginn führt die Autorin, die im Herder-Verlag sonst »Wohlfühlbücher« zur Steigerung von Optimismus und Lebensfreude verfasst, sieben Bereiche an, in denen das Schreiben positiv wirken kann: (1) als Ort der Selbstbegegnung, (2) zur Verbesserung der Ausdrucksmöglichkeiten, (3) zum kreativen Selbstausdruck, (4) um Gedanken zu sortieren, (5) zum Bewahren von Erinnerungen, (6) zur Aufarbeitung von seelischen Verletzungen und (7) als Begleiter in schwierigen Zeiten. Außer wenn es ums Bewahren geht, kommt es in dieser Aufzählung nicht oder nur sehr wenig darauf an, welche Texte dabei entstehen. Es geht vor allem um den Prozess des Schreibens, nicht um das Ergebnis. Tania Konnerths Zugang zum Haus des Schreibens, das Schreibzimmer, in dem sie sich am häufigsten aufhält, könnte man »meditatives Schreiben« nennen, denn Ihre Empfehlungen lesen sich beinahe wie eine Anleitung zur Meditation:

Lassen Sie sich also genau so schreiben, wie es gerade aus Ihnen fließt, und hören Sie sich einfach nur zu. Zensieren und kritisieren Sie sich nicht, sondern nehmen Sie an, was auch immer kommt. Es muss Ihnen nicht gefallen, was Sie schreiben, es geht nur darum, dass es ehrlich und authentisch ist. Manchmal kann man erst später Zugang zu einem eigenen Text bekommen, den man zunächst ablehnte. Vielleicht ist man sich zu nah gekommen damit, vielleicht hat man einen Schreck über die eigene Ausdrucksweise bekommen oder vielleicht war es auch einfach nur sehr ungewohnt, sich selbst das schreiben zu sehen. Erlauben Sie Ihren Texten zu sein, das ist ein ganz wichtiger Schritt in die Richtung, sich selbst sein zu lassen. (S. 24)

Wie beim Meditieren die Gedanken weder festgehalten noch verbannt, sondern beobachtet und losgelassen werden sollen, wie Wolken am Himmel, soll der Schreibfluss möglichst ungehemmt und vor allem unzensiert fließen dürfen.

(Von solcher Selbst-Entdeckung im Schreiben wird übrigens auch oft von Schriftstellern erzählt. So bekundete Martin Walser kürzlich in einem Interview des bayrischen Rundfunks:

Man muss gar nicht wissen, warum man schreibt. Man muss nur schreiben. […] Es ist eine wunderbare Beschäftigung. Heute weiß ich, dass es nichts Interessanteres gibt, als zuzuschauen, was die rechte Hand auf das Papier bringt.

Klammer zu.)

Damit ist schon das meiste gesagt. Mit dem Ziel, eine »meditative« und »selbst-akzeptierende« Schreibpraxis zu fördern, stellt Konnerth Methoden und Übungen vor, die es erleichtern, in den Schreibfluss zu kommen, ohne Textarten an- oder vorzugeben. Statt an (literarischen) Texten orientiert sie sich an dem, was Psychologen womöglich »Entwicklungsaufgaben« nennen würden: »Erinnerungen annehmen«, »Mitgefühl mit sich selbst entwickeln« oder »Achtsamkeit im Alltag« lauten typische Überschriften. Für Konnerth ist das Schreiben eine Lebenskunst, doch nicht im ästhetischen Sinn wie bei Hanns-Josef Ortheil (darüber habe ich anderswo geschrieben), sondern im Sinne einer freundlichen und durchaus bodenständigen Alltagstherapie. Die Psychologie, die ihr zugrunde liegt, ist wiederum keiner Schule oder Lehre zuzuordnen (jedenfalls referiert Konnerth auf keine), sondern entspringt einer Art »psychologischem Common-Sense«. An vielen Stellen heißt es schlicht: »meiner Erfahrung nach«. Weil sie als Beispiele durchweg ihre eigenen Texte zitiert, bekommt der Leser nach und nach einen Eindruck davon, woher Ihre Einstellungen und Erfahrungen stammen und wie sie selbst zum Schreiben kam. Wer das gut nachvollziehen kann, der ist bei Konnerth an der richtigen Stelle.

Wer sich andererseits Tipps zu den literarischen Bezügen und Möglichkeiten des autobiografischen Schreibens erhofft, oder schlicht Hilfen zur Verbesserung der Lesefreundlichkeit, den wird »Von der Seele schreiben« enttäuschen. Das wohl eher pflichtschuldig angehängte Kapitel »Vom Schreiben für mich zum Schreiben für andere« hält außer der Warnung, dass es, sobald der Leser ins Spiel kommt, auch um die selbstkritische Bewertung des Geschriebenen gehen sollte, kaum etwas bereit. Vor allem fehlt eine Idee, die mir sehr wichtig ist, dass nämlich die Auseinandersetzung mit (autobiografischer) Literatur nicht allein das eigene Schreiben beinahe zwangsläufig verbessert, sondern auch das Nachdenken über das eigene Leben und die Selbst-Erkenntnis vertiefen kann. Wozu haben wir sonst die Literatur?

Tania Konnerth: Von der Seele schreiben. Auf Entdeckungsreise zu mir selbst. Herder-Verlag, Freiburg 2015, ISBN 978-3-451-31576-3, 8 €.

 

 

#22 — Persönliches Heimatmuseum

Freilichtmuseum

Neulich war ich mit Familie im Freilichtmuseum Lindlar unterwegs, wo alte Bauernhöfe und andere Gebäude (wie das obige Verteiler-Türmchen) in hübscher Landschaft zusammengestellt sind. Dort können vor allem Kinder sehen und teilweise in Aktion erleben, was Ältere und selbst »Mittelalte« noch in »freier Wildbahn« erlebten. An solche Türmchen, die zur Stromversorgung ländlicher Gebiete beitrugen, erinnere ich mich zum Beispiel selbst noch gut, ich habe ihr Verschwinden kaum bemerkt. Als Kind faszinierten sie mich mit ihren Gummi-Isolierungen und den eindringlichen Warnschildern.

Andere Gebäude jedoch sagten mir weniger, blieben »museal« für mich, oder eben fremd, weil wir nicht in der Heimat meiner Kindheit herumliefen, sondern im Bergischen Land.

So kam ich auf diese Idee: Eigentlich bräuchte jeder sein eigenes Heimatmuseum. Denn Heimat ist nicht in erster Linie etwas, was man im Atlas findet. Heimat ist etwas sehr Persönliches, jede/r hat und schafft sich seine eigene Heimat, in der Gegenwart ebenso wie in der Erinnerung.

Schreibidee #22: Zeichnen Sie auf einem großen Stück Papier das Bild oder die Karte ihres persönlichen Heimatmuseums. Welche Landschaften, Gebäude und Ausstellungsstücke müssen dort unbedingt hinein? Beschreiben Sie dann, wie Ihr Heimatmuseum aufgebaut ist und was es dort zu sehen gibt.

Hinweis 1: Diese Idee eignet sich sehr dazu, kreativ ausgeschmückt und erweitert zu werden. Als Wandbild, Projektskizze, Ausstellungskatalog, Wanderkarte und so weiter.

Hinweis 2: Gehen Sie ins Detail. Erlauben Sie sich Subjektivität und Einseitigkeit. Es geht nicht darum, alles abzudecken, was sich für gewöhnlich in einem Heimatmuseum befindet. Es ist Ihr ganz persönliches!

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

#21 — Ein Tag im Jahr

Straßenkalender

Die Schriftstellerin Christa Wolf beschrieb über 50 Jahre lang einen bestimmten Tag im Jahr besonders genau, zufälligerweise war es der 27. September. Alles, was sie an diesem Tag erlebte und empfand, von persönlichen Eindrücken und Begebenheiten bis zu politischen Diskussionen und literarischen Überlegungen, nahm sie in ihre »Tageserzählung« mit auf. Mehr dazu hier.

Schreibidee #21: Beschreiben Sie einen Tag ihres Lebens besonders ausführlich. Lassen Sie nichts aus, sondern beschreiben Sie alles, woran Sie sich noch erinnern können.

Hinweis 1: Wenn Sie nicht wissen, welchen Tag Sie wählen sollen: Heute. Oder den 27. September.

Hinweis 2: Schreiben Sie alles am gleichen Tag auf oder spätestens am nächsten. Sonst vergessen Sie die Details, die diese Schreibidee besonders reizvoll machen. Reservieren Sie sich mindestens eine Stunde an diesem Tag zum Schreiben. Wahrscheinlich wird es länger dauern. Nehmen Sie sich die Zeit.

Hinweis 3: Notieren Sie sich den gewählten Tag in den Kalender des nächsten Jahres. Lesen Sie Ihren Text ein Jahr später wieder durch und überlegen Sie, ob Sie wie Christa Wolf mit dieser Art des Tage-Buch-Schreibens fortfahren möchten.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

Christa Wolf: Ein Tag im Jahr, 1960-2000

Christa Wolf, 1989

1935 hatte Maxim Gorki die Idee, alle Schriftsteller der Welt einen bestimmten Tag beschreiben zu lassen (zufälliger Weise war es der 27. September), um so gemeinsam eine Momentaufnahme der Weltgeschichte zu leisten. Welt-Literatur kam dabei nicht heraus, auf die Schnelle fand ich im Internet auch keinen Hinweis darauf, wie viele sich seiner Idee anschlossen. 1960 jedenfalls wiederholte die Zeitschrift „Iswestija“ den Aufruf, Christa Wolf las ihn und beschrieb ihren persönlichen 27. September 1960. Fasziniert vom Format, dieser besonderen Art des Tage-Buchs, machte sich Wolf das Projekt dann zu eigen, indem Sie fortan jeden 27. September beschrieb, den sie bis zu ihrem Tod erleben sollte. Aus der Idee einer weltumspannenden Beschreibung wurde ein zeitumspannendes Werk.

2003 fasste Christa Wolf die ersten vierzig Tagesaufzeichnungen, 1960 bis 2000, zusammen und gab sie als Buch heraus, sie folgte wohl der Magie der Zahlen (der 2000, aber auch der 40, der biblischen Zahl der Vollkommenheit, die oft wichtige Zeitabschnitte umschreibt). Posthum veröffentlichte ihr Mann Gerhard Wolf die letzten Jahre.

Der erste Eintrag unterscheidet sich noch wenig von einem Tagebucheintrag, nur dass sie auf kein Gestern und Vorgestern zurückgreift, also alle Zusammenhänge eigenständig darstellt, so dass der Tag für sich stehen kann. »Im Grunde könnte man aus jedem Tag eine Erzählung machen«, sagte sie in einem Spiegel-Interview. Sie sieht sich auch zu größerer Ausführlichkeit aufgerufen, pickt nicht das vermeintlich Wichtigste heraus, wie man es in Tagebuch-Einträgen oder noch kürzeren Kalender-Einträgen tut. Gerade dieser Verzicht, auszuwählen, macht die Tages-Erzählungen reich, so dass der heutige Leser nicht den Wertigkeiten folgen muss, die 1960, 1961 und so weiter galten, sondern »hingreifen« kann, wo er möchte.

Im zweiten Jahr beschreibt Wolf, warum Sie weitermacht, und motiviert sich damit selbst. Denn natürlich ist so eine Tagesbeschreibung anstrengend, sie muss dem eilenden Leben abgerungen werden:

Gestern, als eigentlich der »Tag des Jahres« sein sollte — eine Tradition, die ich doch anfangen möchte — habe ich den ganzen Tag über nicht daran gedacht, erst heute früh, beim Erwachen, fiel es mir ein, kein lustvoller Einfall, ich spürte Unlust, mich pflichtgemäß schreibend an gestern zu erinnern. In älteren Tagebüchern blätternd, sah ich wieder, was alles man vergißt, wenn man es nicht aufschreibt: Fast alles. Besonders die wichtigen Kleinigkeiten. Also aufschreiben. Und zugleich ein Test, was ich vom gestrigen Tag noch weiß, was ich aus der schnell verblassenden Erinnerung festhalten, »retten« kann. Und die Frage wegschieben: Wozu retten? Was ist denn wichtig an einem durchschnittlichen Tag in einem durchschnittlichen Leben? Was bringt mich dazu, die früh eingeprägte Mahnung: Nimm dich doch nicht so wichtig! zu mißachten? Selbstüberhebung? Aber ist Selbstüberhebung, sich wichtig nehmen, nicht die Wurzel allen Schreibens? (S. 25)

Von Anfang geht es also um das »Retten der Erinnerung«. Fast alles vergisst man. Und weil man nicht das gesamte Leben mitschreiben kann, auch nicht in einem Tagebuch, tut es Christa Wolf exemplarisch, sie nimmt Lebens-Stichproben. Wie schwierig selbst das mitunter werden kann, zeigt sich darin, dass keineswegs alle Tages-Erzählungen am Stichtag geschrieben wurden. Vor allem zu Beginn des Projekts, so lange der Gewinn der Langzeitverpflichtung noch unklar war, versäumt sie auch Tage: 1964 schreibt sie erst am 1. Oktober, 1968 erst am 30. Oktober:

Vorher fünf Wochen in Mahlow, im Waldkrankenhaus. Eine wiederholte Erfahrung: Im Krankenhaus gelingt Tagebuchschreiben nicht, obwohl man da viel Zeit dazu haben sollte. Aber auch das Innenleben ist auf Schongang gestellt. Diesmal habe ich sogar den »Tag des Jahres« vergessen. Will statt dessen etwas über die ganze Zeit schreiben, fünf Wochen, […] (S. 111)

Später, als das Werk sichtbar wird, stabilisierte sich das Schreiben. Christa Wolf notierte, was Sie aß, tat, dachte, was sie las und diskutierte. Sie beschrieb Menschen und Umstände. Das Schlaglicht auf einem Tag beleuchtet dabei auch die Zeitsituation, nicht alles, was zu erzählen wäre. Doch der Verzicht darauf, allzu viele Zusammenhänge herzustellen und damit Erklärungen, wird auch zum Gewinn. Die Geschichte der DDR und ihrer Schriftsteller mag aus anderen Quellen bekannt sein. Manchmal ist es das Private, Kleine, das anrührt (»Als ich in der Küche den Vormittagstrunk mache, ihn dann heraufbringe, sehe ich durchs Fenster Otto Shomakers Braunen auf unserer Wiese grasen. Ein schönes Pferd mit glänzendem Fell, Ottos einzige Lebensfreude, die er aber leugnet: Er halte das Pferd eigentlich nur für Harmut, seinen Sohn.«). Dann wieder spannende Insider-Storys aus dem Leben der großen Schriftsteller, etwa wenn sie 1986 in Zürich mit Max Frisch über Uwe Johnson und andere spricht. Auf den 27. September 1998 fallen Bundestagswahlen. Auch solche Zufälle haben ihren Reiz, und natürlich die Frage, wie die »DDR-Schriftstellerin« die Wende erlebte und die Zeit danach.

Zuletzt zeigt eine kleine Statistik der Seitenlängen, dass Wolf ihre Aufgabe ernst nahm und sich, weder in der Kürze noch in der Länge, sehr von den Vorgabe entfernte: Die kürzesten Einträge sind 6 Seiten lang (drei Mal), der längste 26 (im Jahr 1984), dazwischen kommen vor:Seitenstatistik