Monat: Mai 2018

#23 — Dreiwortübung

Dreiwörtertext

Diese Schreibidee begleitet mich schon so lange, dass ich Schwierigkeiten habe, meine ursprüngliche Quelle zu benennen. Sie stammt jedenfalls aus dem Bereich des kreativen Schreibens, dessen Impulse und Ideen sich in vielen Fällen leicht aufs Biografische übertragen lassen. In diesem Fall ist es wohl eine Variante einer Übung, die Silke Heimes in Ihrem Arbeitsbuch »Kreatives und therapeutisches Schreiben« vorstellt, selbst wieder eine Abwandlung des Spiels aus dem Biedermeier, das Walter Benjamin und Asja Lacis in ihren »Denkbildern« erwähnen (hier zu finden). Dessen Spieler sollen aus vorgegeben unzusammenhängenden Wörtern einen Zusammenhang herstellen und einen Text, worin die Wörter in gegebener Reihenfolge vorkommen. Als Beispiel nennen Benjamin und Lacis die Wörter » Brezel, Feder, Pause, Klage und Firlefanz«.

Im biografischen Schreiben dürfen die Schreibanregungen nicht ganz so engen Regeln folgen, denn es soll gelingen einen weitere Verbinung herzustellen, eben die mit dem eigenen Leben. Darum stammen die Wörter hier aus keiner festgelegten Liste, sondern aus einem Gedicht oder kurzen Prosatext, der einen zusätzlichen (biografischen) Bedeutungs- und Resonanzraum eröffnet.

Schreibidee #23: Wählen Sie ein Gedicht oder kurzen Prosatext, mit dem Sie sich gegenwärtig beschäftigen oder in der Vergangenheit beschäftigt haben. Lesen Sie den Text in Ruhe durch und suchen Sie sich drei Wörter aus dem Text aus. Legen Sie den Ausgangstext dann beiseite und schreiben einen eigenen Text, in dem die drei Wörter vorkommen.

Hinweis: In einer Schreibgruppe kann der Text vorab für alle ausgewählt werden. Wenn jemand anderes als die Schreibende den Ausgangstext aussucht, kommt mehr Überraschung und Variation ins Spiel.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden (am besten verraten Sie auch, welchen Text und welche Wörter Sie ausgewählt haben). Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

 

 

G#2 — Schreiben mit Dixit-Karten

3 Dixit-Karten

Dixit ist ein Gesellschaftsspiel mit wenigen Regeln und viel Fantasie (das „Spiel des Jahres“ 2010). Die Spieler müssen raten, welche der ausgelegten Spielkarten zu einem Begriff, einem Slogan, Sprichwort oder Satz passt, der vom jeweiligen „Erzähler“ verkündet wurde. Am meisten Punkte bekommt man, wenn die Karte weder von allen erraten wurde (nämlich bei einfachen Beschreibungen oder gängigen Gedankenverbindungen) noch von niemandem (wenn der Zusammenhang nicht nachvollziehbar ist).
Zusammen mit den wunderbar gestalteten Karten, von denen oben vier abgebildet sind, ergibt das eine reizvolle Aufgabe, die zum Gespräch anregt und den Wettkampf in den Hintergrund treten lässt.

Bemerkenswert: Die Herausforderung, vor der ein Dixit-Erzähler steht, entspricht der Herausforderung beim Schreiben: Wer eine Geschichte gut erzählen möchte (oder auch ein schönes Gedicht verfassen möchte), darf nicht einfach wiederholen, was ohnehin jeder denkt, also Klischees produzieren. Der Mörder sollte nicht der Gärtner sein, die Stiefmutter nicht unbedingt böse, der Urlaub nicht nur „unvergesslich“. Doch wer beim Schreiben andererseits nur neue, gewollt originelle Gedankenverbindungen verwendet, bleibt unverständlich. Er baut keine Brücke, über die der Leser oder Hörer ins Land seiner Fantasie gelangen könnten.

Schreibgruppenidee G#2: Die Teilnehmer suchen sich aus einer Auswahl von Dixit-Karten eine aus, ohne sie den anderen zu verraten. Dann schreiben sie zehn bis fünfzehn Minuten lang eine Geschichte zu dieser Karte. Nach dem Vorlesen sollen die anderen Teilnehmer raten, welche Karte sie im Sinn hatten.

Hinweis: Es bietet sich an, eine Gesprächsrunde anzuschließen, in der es um die Unausweichlichkeit der Biografie geht. Diskutieren Sie, wie stark die biografischen Bezüge sind, die in den Texten hergestellt wurden. Waren Sie Ihnen beim Schreiben bewusst? Erkennen Sie beim Vorlesen neue Verbindungen und Motive?

Stefan Kappner: Der Gestalter Klaus Winterhager

Winterhager-Plakat

Winterhager CoverAm 7. Januar 2016 starb der renommierte Gestalter und Professor für Grafik-Design Klaus Winterhager im Alter von 86 Jahren.
Die Zeitumstände in Nazi-Deutschland und seine frühen Kriegserlebnisse am Westwall hatten sein Leben geprägt.
Als Student an den Kölner Werkschulen und in seiner Laufbahn als Grafiker strebte er nach einer ästhetischen Haltung, die den vermeintlichen Gegensatz von angewandter und freier Kunst hinter sich ließ. Er wollte nie mehr Befehlsempfänger sein und verlangte auch dort nach Freiheit und Eigenverantwortung, wo er im Auftrag von Firmen oder Institutionen arbeitete.
Sein Stil, geschöpft aus feiner Ironie und dem Wissen um die Möglichkeiten und Grenzen kommunikativer Zeichen, beeinflusste Generationen von Designern an der Universität Gesamthochschule Wuppertal.

Die Biografie zeichnet Winterhagers Werdegang schlaglichtartig nach, in „Einzelbildern“. Darstellung und Auswahl beruhen im Wesentlichen auf Gesprächen, die er im Jahre 2015, nicht lange vor seinem Tod, mit dem Autor führte.

Das Buch, mit Abbildungen von Winterhagers Arbeiten, ist am 14. Mai 2018 bei biografika erschienen.

Hardcover, 168 Seiten, ISBN 978-3-947694-00-6, 30 €

Leseprobe Dieses Buch kaufen (über den Buchvertrieb tredition)

G#1 — Kollektives Erinnern

Schreibgruppe

Zum Standardrepertoire von Büchern übers biografische Schreiben zählt mittlerweile der Hinweis auf Joe Brainards Buch »Ich erinnere mich« (»I remember«, 1970, deutsch im Walde+Graf-Verlag, Zürich 2011), worin der amerikanische Künstler einen Satz nach dem anderen aufs Papier bringt, der mit »Ich erinnere mich« beginnt, ohne dass sie einen größeren Zusammenhang für sich in Anspruch nehmen als eben jenes Erinnern. Wenn Zusammenhänge erkennbar werden, dann scheinen sie sich im Erinnern selbst ergeben zu haben. Es gibt also keine Geschichte, keine These, keine Botschaft. Und trotzdem liest man weiter, denn immer wieder stößt man auf Erinnerungen, die so knapp sie sind, selbst Erinnerungen auslösen, eine interessante Geschichte andeuten oder ein spezielles Detail enthalten. Gerade solche, die in einem fortlaufenden Text womöglich keinen Platz hätten, etwa diese (die für mich funktionieren):

Ich erinnere mich an dieses kurze Zusammenzucken, das man kurz vor dem Einschlafen hat. Als würde man fallen. (Seite 72)

Ich erinnere mich, dass ich in einer im Park nachgestellten Krippe (nichts rührte sich) den Joseph darstellte. Man musste einfach eine halbe Stunde lang nur dastehen, dann kam ein anderer Joseph, und man trank eine Tasse heiße Schokolade, bis man wieder an der Reihe war. (S. 75)

Mir zeigen diese Erinnerungssplitter vor allem, dass unsere Erfahrungen als Menschen oft erstaunlich nahe beieinander liegen, wir also gar nicht so verschieden sind, wie wir denken. So kam ich auf die folgende Schreibgruppen-Idee:

Schreibgruppenidee G#1: Die Teilnehmer setzen sich im Kreis und schreiben jeweils auf ein DIN-A-4-Blatt einen Satz, der mit »Ich erinnere mich« beginnt. Dann geben sie ihr Blatt im Uhrzeigersinn weiter, lesen den Text ihres Nachbarn und schreiben einen neuen Satz »Ich erinnere mich …« darunter. So schreibt die Gruppe weiter, bis die Blätter wieder bei ihren ersten Schreibern ankommen. Dann werden die Texte reihum vorgelesen.

Hinweis 1: Die Sätze können lang oder kurz sein, müssen aber alle mit »Ich erinnere mich« beginnen. Machen Sie als Gruppenleiter keine inhaltlichen Vorgaben. Es sind also sowohl direkt anschließende Erinnerungen erlaubt als auch völlige Themenbrüche (die dann aber vielleicht doch einen »geheimen« Zusammenhang erahnen lassen.)

Hier ein Beispiel von meinem letzten Schreib-Wochenende:

Ich erinnere mich

[Ich fände es toll, wenn die eine oder andere Schreibgruppe mir ein solches »Erinnerungsblatt« schicken würde. Damit gäben Sie mir zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten.]