Monat: Juni 2018

Der rote Faden — was ist das eigentlich?

In diesem Video geht es um den berühmten roten Faden. Warum muss der eigentlich rot sein? Was hat er mit dem Minotaurus aus der griechischen Mythologie zu tun? Und wieso hatte auch hier wieder Goethe seine Finger im Spiel?

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#24 — Wortwechsel

Streitgespräch

Ein Dialog in wörtlicher Rede charakterisiert eine Situation oft besser, als eine aufwändige Beschreibung es könnte. Außer dem, was tatsächlich gesagt wird, transportiert Rede und Gegenrede die Stimmungen der Beteiligten, ihre soziale und vielleicht regionale Herkunft, Charakter und die Beziehung der Gesprächspartner zueinander. Vieles bleibt auch ungesagt, »zwischen den Zeilen«, und wird von den Lesern, die allesamt in solchen Situationen geübt sind, trotzdem verstanden. Allzu große Ausführlichkeit und Eindeutigkeit wirkt ermüdend, das Ungesagte zu »entschlüsseln« macht Spaß. Besonders geeignet sind Dialoge zur Darstellung von Konfliktsituationen, Missverständnissen und von Komik.

Hier ein Beispiel aus »Die Asche meiner Mutter« von Frank McCourt (Luchterhand Verlag, MÜnchen 1996):

Was ist das denn? sagt Mr. McCaffrey. Nehmen wir es hier vielleicht mit der Wahrheit nicht so ganz genau?
Ich weiß nicht, Mr. McCaffrey.
Little Barrington Street. Das ist eine Gasse. Warum nennst du sie eine Straße? Du wohnst in einer Gasse, nicht in einer Straße.
Sie wird aber allgemein Straße genannt, Mr. McCaffrey.
Erhebe dich nicht über deinen Stand, Junge.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.
Du wohnst in einer Gasse, und das bedeutet, daß du nirgendwohin kannst, außer nach oben. Verstehst du das, McCourt?
Ja, Sir.
Du bist Fleisch vom Fleische der Gassenjungen, McCourt.
Ja, Mr. McCaffrey.
Dir atmet die Gasse aus jeder Pore. Vom Scheitel deines Schädels bis zur Kappe deines Schuhs. Versuche nicht, die breite Öffentlichkeit irrezuführen, McCourt. Da müßtest du schon reichlich früh aufstehen, um Menschen meines Schlages hinters Licht zu führen.
Das würde ich nie tun, Mr. McCaffrey.

Kaum jemand kann sich an den genauen Wortlaut von Gesprächen erinnern, höchstens an einzelne Wörter oder Redewendungen. Im biografischen Schreiben ist es deshalb »erlaubt«, das heißt es widerspricht nicht der Forderung nach Wahrhaftigkeit, den Wortlaut zu »erfinden«, solange der Verlauf des Gesprächs, Inhalt und Stimmungen, so wiedergegeben werden, wie es der Perspektive der Schreibenden entspricht. Denn jeder Leser weiß: Wirkliche mündliche Dialoge sind meistens sehr lang, voller »Ähs«, »Ohs« und Wiederholungen. Darauf verzichtet er gerne und lässt den Schreibenden die Quintessenz aus dem Gesagten ziehen.

Schreibidee #24: Schreiben Sie einen kurzen Dialog zwischen Ihnen und einem Dialogpartner, nach dem Muster
Ich:
X:
Ich:
und so weiter, ohne weitere »Regieanweisungen«.

Hinweis: Verzichten Sie zur Übung auch auf Einleitungssätze oder abschließende Bemerkungen außerhalb des Dialogs. Der Wortwechsel sollte so gestaltet sein, dass der Leser die Situation auch ohne weitere Erklärungen erfasst. Vielleicht sind Sie erstaunt, wie gut das möglich ist.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes

Kartengespräch

Geschichten ereignen sich nicht, Geschichten werden erzählt.

So schreibt Christoph Ransmayr im Geleitwort zu den siebzig (70!) Geschichten, die er in diesem Buch versammelt. Damit sagt er: Erst durch die Aktivität des Schreibens und Erzählens werden die Geschehnisse des Lebens zu Geschichten geformt und als solche bewahrt.

Dass es sich bei Ransmayrs Episoden von Orten und den Menschen, denen er dort begegnete, (auch) um autobiografische Texte handelt, daran dachte ich bei der Lektüre zunächst nicht. Ransmayrs »Ich« tritt leise auf, als Beobachter. Jedes einzelne Kapiteln beginnt mit den Worten »Ich sah«. Die Strenge dieser Form ist gepaart mit Ransmayrs charakteristisch gepflegtem Stil und seinen eindringlichen Beschreibungen der oft exotischen Situationen, an denen er seine Leser teilhaben lässt. Wer die Lektüre nicht unterbricht, um sich jeweils im Inhaltsverzeichnis über das nächste Land zu informieren, weiß zunächst nicht, wo sich das Auge befindet, das beobachtet. Das Bild entsteht im Verlauf der ersten Sätze wie der Abzug einer analogen Fotografie im chemischen Entwicklerbad — ein siebzigmal faszinierender Effekt:

Ich sah eine samtschwarze, von unzähligen Lichtpunkten tätowierte Finsternis über mit, ein scheinbar grenzenloses, bis an die fernsten Abgründe des Alls ausgespanntes Firmament, während ich auf dem flachen Boden eines Kahns lag, der unter den Ruderschlägen eines Fährmanns aus dem Volk der Maori durch die Nacht glitt.

So heißt es etwa zu Beginn des Kapitels »Im Weltraum«, das in Neuseeland spielt.

Das »Ich« erscheint, um im Bild zu bleiben, wie als Negativ dieser Entwicklung. Es ist das Ich eines Reisenden, der nicht erklärt, aus welchen Gründen er wo Halt machte, der jedoch, das spürt man, nicht ohne Grund unterwegs ist. Indem er davon absieht, sein Ich während der Reisen und Beschreibungen in den Vordergrund zu rücken, betont er einen Aspekt des Lebens, der uns allen gemeinsam ist und uns zugleich trennt, dass wir nämlich Bezugspunkt aller unserer Wahrnehmungen sind, die zu uns gehören und aus denen sich das Leben zum großen Teil zusammensetzt. Damit markiert Ransmayr eine Art Grenze des autobiografischen Schreibens, das immer auch von unseren Beobachtungen handelt, vom Raum, durch den wir schreiten dürfen. (Oft legen wir jedoch mehr Wert auf die Gefühle, die in uns aufsteigen.) Im Geleitwort behauptet er, dass »(fast) jede Episode dieses Buches auch von einem anderen Menschen, der sich ins Freie, in die Weite oder auch nur in die engste Nachbarschaft und dort in die Nähe des Fremden gewagt hat, erzählt worden sein könnte.« Verschwindet deshalb der autobiografische Anteil? Ich glaube nicht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt sind die Begegnungen, die Ransmayr schildert. In den meisten Episoden konzentriert sich seine Wahrnehmung auf einen einzelnen Menschen. Auf einen »dünnen Mann« an Bord eines Schiffes zu den Osterinseln, auf Herzfeld, einem Kaufmann in Brasilien, auf eine junge Frau in der Psychiatrie, ein Kommunionskind. Von einem Mann, dem der Autor an einem kalten Tag auf der Chinesischen Mauer begegnet, heißt es:

Mr. Fox aus der walisischen Grafschaft Swansea war ein Birdwatcher, ein Vogelfreund, und seit dem frühen Morgen auf der Mauerkrone unterwegs, um Singvögel zu beobachten, zu fotografieren und ihre Gesänge, Warnrufe oder Haßlaute mit einem winzigen Digitalrekorder aufzuzeichnen. Es war der einundvierzigste Mauerabschnitt, den er auf diese Weise entlangwanderte.

Der Autor unterhält sich mit Mr. Fox, notiert Geschichte und Motive des Vogelfreunds und schließt:

Der Drosselgesang klang uns noch eine Weile nach, als wir uns auf dieser unvorstellbar langen Mauer wieder voneinander entfernten und jeder seinem Ziel entgegenging, er nach Simatai, ich nach Jinshanling, jeder in der Spur des anderen.

So eben gehen wir, in den Spuren der anderen.

 

Zuletzt eine Preisfrage: Warum kennzeichnet sich Ransmayr, der sich doch »in die Nähe des Fremden gewagt hat«, im Titel als »ängstlich«? Das wüsste ich gern. (Wer es weiß: Bitte in die Kommentare schreiben!)

Atlas-Cover

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes.
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012. ISBN 978-3-596-19563-3