Monat: September 2018

Klingenberger/Ramsauer: Biografiearbeit als Schatzsuche

Wenn Sie „Biografiearbeiter“ werden wollen oder einfach erfahren möchten, was Sie in einer biografisch orientierten Veranstaltung erwartet, sollten Sie zu diesem neuen Buch greifen:

Hubert Klingenberger und Erika Ramsauer: Biografiearbeit als Schatzsuche. Grundlagen und Methoden. Don Bosco Medien GmbH, 1. Auflage, München 2017. ISBN 978 3 7698 2241 0, Preis: 24,95 €. Hier können Sie das Buch bestellen (Autorenwelt-Shop).

Der Aufstieg des Wortes „Biografiearbeit“

Als Hubert Klingenberger 2003 sein Werk „Lebensmutig“ veröffentlichte, war das Wort „Biografiearbeit“ noch kaum bekannt. Im Untertitel fasste er deswegen das Programm knapp zusammen: „Vergangenes erinnern, Gegenwärtiges entdecken, Künftiges entwerfen“. Auch das bereits 1986 erschienene Buch „Auf meinen Spuren“ von Herbert Gudjons, Birgit Wagener-Gudjons und Marianne Pieper trägt erst seit einer Neuauflage 2008 den Untertitel „Übungen zur Biografiearbeit“. Zuvor lautete er umständlicher: „Das Entdecken der eigenen Lebensgeschichte. Vorschläge und Übungen für pädagogische Arbeit und Selbsterfahrung“.
Heute ist unter Pädagogen und „Bildungsarbeitern“ hinreichend bekannt, was unter „Biografiearbeit“ firmiert. Entsprechende Bücher sind weniger erklärungsbedürftig. Das ist nicht zuletzt Klingenberger selbst und dem von ihm maßgeblich initiierten Verein Lebensmutig e.V., Gesellschaft für Biografiearbeit zu verdanken. Dessen Ziel ist es, das biografische Arbeiten innerhalb der Erwachsenenbildung zu fördern und den SeminarleiterInnen (TrainerInnen, DozentInnen) und Coaches, die hier arbeiten (möchten), Fortbildungen und ein Forum zu bieten.

Überblick und Buchreihe

Während sich der Begriff „Biografiearbeit“ durchsetzte, wuchs auch die Literatur zu diesem Feld der Erwachsenenbildung an. Im Vorwort des neuen Buches „Biografiearbeit als Schatzsuche. Grundlagen und Methoden“, das Hubert Klingenberger kürzlich gemeinsam mit Erika Ramsauer vorlegte, heißt es darum:

Es ist also an der Zeit, die Ausweitungen und Differenzierungen wieder einmal zu bündeln und in einer Gesamtschau darzustellen. (Seite 7)

Parallel zu dieser Gesamtschau veröffentlicht Klingenberger eine komplette Buch-Reihe unter dem Titel „Praxis Biografiearbeit“, die bereits sieben Titel zählt, jeder zu einem bestimmten Praxisfeld: „Biografiearbeit mit Männern“, „Biografiearbeit in der Pflege“ usw. (Solche Reihen scheinen in der Ratgeberliteratur zum Trend zu werden. Ich denke an Ortheils Schreib-Reihe im DUDEN-Verlag.) Im Folgenden beziehe ich mich nur auf das Überblickswerk.

Warum ist Biografiearbeit wichtig?

Zu dieser Gretchenfrage liefern Klingenberger und Ramsauer plausible Erklärungen. Die Lebenserwartung der Menschen ist gestiegen – wir können in unserem Leben auf mehr Jahre zurückblicken. Und wir haben mehr Zeit, zurückzublicken. Außerdem geben die Lebensläufe mehr zu denken, als es früher vielleicht den Anschein hatte: Die in festen Traditionen und wirtschaftlichen Zusammenhängen verankerte Normalbiografie ist auf dem Rückzug. Statt dessen gilt:

Wir werden zu Architekten und Baumeistern unseres eigenen Lebensgehäuses, zu aktiven Produzenten unserer Biografie. Jeder Mensch wird zu seinem eigenen „biografischen Planungsbüro.“ (Seite 66)

Die Lebensläufe entwickeln sich unberechenbarer, unsicherer und komplexer. Um sie gestalten zu können, ist „biografische Kompetenz“ (S. 68) gefragt. Sicherlich nimmt auch das psychologische Wissen in der Bevölkerung zu, das Bewusstsein der eigenen biografischen Gewordenheit. Und, was Klingenberger und Ramsauer nicht ausdrücklich erwähnen, was aber sicherlich im Hintergrund eine Rolle spielt: Um zu wissen, wer man ist, reicht es heute nicht mehr, auf die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen zu verweisen, auf Volks- oder Bevölkerungsgruppen, Kirchen oder politische Parteien. Die Frage nach der eigenen Identität ist schwieriger geworden – um sie zu beantworten, ist der Blick auf den eigenen Lebenslauf unumgänglich.
Die Biografiearbeit ist darum zu Recht zu einem wichtigen Baustein der Erwachsenenbildung geworden. Sie steht für ein Kernelement zeitgemäßer Bildung.

Wie ist das Buch aufgebaut?

Klingenberger und Ramsauer versprechen einen Überblick für Praktiker „in den unterschiedlichsten Bereichen der Begleitung von Menschen“ (S. 7). Dafür wählen sie eine Einteilung in fünf Kapitel und ein kurzes „Schlusswort“, das die notwendigen Kompetenzen angehender „Biografiearbeiter“ zusammenfasst.

Im ersten Kapitel fächern Sie auf, was die Biografie eines Menschen ausmachen kann. Die verschiedensten Aspekte des Lebens werden als „biografische Stränge“ angesprochen: Herkunft und wichtigste Beziehungen (soziale Biografie), Körperentwicklung und -verhältnis (Körperbiografie), Bildungs-, Glaubensbiografie usw. Die Arbeitsbiografie betonen sie als besonders entscheidend für das Selbst-Verständnis heutiger Menschen.

Im zweiten Kapitel geht es um den Begriff der Biografiearbeit und deren Bedeutung für die Bildung des Menschen:

Biografiearbeit eröffnet Menschen jeden Alters Möglichkeiten des Nachdenkens und Austausches über den persönlichen Lebenslauf. (S. 61)

Im dritten Kapitel werden fünf Theorien, man könnte auch sagen: psychologisch-weltanschauliche Schulen vorgestellt, in denen die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie eine wichtige Rolle einnimmt: Logotherapie, Philosophie der Lebenskunst im Sinne von Wilhelm Schmid, personale Systemtheorie nach Eckhard König und Gerda König-Volmer, Konstruktivismus und positive Psychologie. Auf eine kritische Wertung der einzelnen Denksysteme verzichten die Autoren, ebenso auf eine Begründung, wie es zu dieser Auswahl kam. Es geht ihnen vielmehr darum, Erkenntnisse und Theoreme dieser „Bezugstheorien“ herauszustellen, die für die praktische Biografiearbeit hilfreich sind. Da psychologische Schulen wie die Logotherapie und Vermittler philosophischer Traditionen und Einsichten auf dem „Bildungsmarkt“ präsent sind, ist es für Praktiker wichtig, Gemeinsamkeiten und Überschneidungen zu kennen.

Im vierten Kapitel geht es um das biografische Gespräch. Wer es anregen und moderieren möchte, sollte Grundkenntnisse über das episodische Gedächtnis besitzen und wissen, was unter einer Geschichte zu verstehen ist. Denn das Erzählen aus der Erinnerung ist die grundlegende Fähigkeit, auf das sich alle Verständigung über individuelle Lebensläufe stützt.

Das fünfte Kapitel widmet sich besonderen Herausforderungen, die im biografischen Gespräch zu zweit oder in Gruppen vorkommen: Scham, Schuld und der Umgang mit Krankheit und Tod.

Jedem Kapitel schließt sich eine Reihe pädagogischer Methoden an, insgesamt 52, zu denen auf den Internetseiten des Don Bosco Verlags auch Arbeitsblätter im DIN-A-4-Format gekauft und heruntergeladen werden können. So bietet das Buch nicht allein einen Überblick, sondern zugleich einen „Methodenkoffer“, der illustriert, wie Biografiearbeit in der Praxis gestaltet werden kann. Quer über das Buch verstreut finden sich außerdem Kästen mit Fragen zur Selbstreflexion, die den angehenden Biografiearbeiter dazu anhalten, sich schriftlich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen. Literaturempfehlungen für alle angeschnittenen Themen ergänzen die „Gesamtschau“, und laden dazu ein, den jeweils eigenen Fragestellungen nachzugehen.

Gesamtschau, nicht Grundlegung

Ihr Ziel, einen Überblick über das erfreulich erweiterte und facettenreiche Praxisfeld der Biografiearbeit zu geben, erreichen Klingenberger und Ramsauer. In dieser Hinsicht findet sich wohl nur ein vergleichbares aktuelles Angebot auf dem Buchmarkt, der Sammelband „Ressourcenorientierte Biografiearbeit“, 2009 herausgegeben von Christina Hölzle und Irma Jansen, der etwas theorieorientierter daherkommt und ohne Methodenteil. Für bestimmte Zielgruppen und Handlungsfelder ist man auf die Einzelbände der Buchreihe „Praxis Biografiearbeit“ verwiesen.

Vielleicht in Sorge, die Bandbreite ihrer Darstellung einzuschränken, verzichteten die Autoren auf eine ausdrückliche Grundlegung. Stattdessen heißt es:

Die Biografiearbeit ist kein eigenständiges Handlungskonzept. Sie nutzt unterschiedlichste wissenschaftliche und außerwissenschaftliche Quellen. Sie nimmt Bezug auf vielfältige Wissenschaftsdisziplinen und Handlungsansätze. (S. 99)

Ich bin mir nicht sicher, was mit einem „eigenständigen Handlungskonzept“ gemeint ist. Wo es um Bildung geht, befindet man sich doch stets in einem dichten Netz kultureller Vorprägungen und ethisch-politischer Rechtfertigungen. Warum sollte es aber nicht möglich sein, sich innerhalb des Spektrums der Schulen zu verorten, die das Nachdenken über die eigene Lebensgeschichte fördern und fordern?

An anderen Stellen des Buchs hat es durchaus den Anschein, als gäbe es diesen grundlegenden „Kern“ der Biografiearbeit, zumindest für die Autoren, eine gemeinsame Haltung, die auch die Arbeit der im Lebensmutig-Verein organisierten Mitglieder prägt. Aus diesem Kern fließen die „Prinzipien der Biografiearbeit“, die Klingenberger und Ramsauer im zweiten Kapitel vorstellen. Prinzipien wie Freiwilligkeit und Selbstbestimmung, die für alle Formen der Erwachsenenbildung gelten, oder die Ressourcenorientierung, die sich auch bei Hölzle/Jansen im Titel findet. Sie wird so beschrieben:

Biografiearbeit orientiert sich an den Erfolgen, Potenzialen und Kompetenzen der Teilnehmer/-innen und nicht an deren Problemen oder Defiziten. Natürlich finden diese Raum, sofern sie von den Teilnehmern/-innen […] angesprochen werden. Im Vordergrund der Biografiearbeit steht aber das „halbvolle Glas“. (S. 79f.)

Woher stammen aber diese Prinzipien? Im Kapitel „Menschenbild“ wird man fündig:

Die Biografiearbeit, wie wir sie hier vorstellen, orientiert sich zum einen am Menschenbild der humanistischen Psychologie. Zum anderen fließen – da dieser Ansatz der Biografiearbeit im kirchlichen Raum entwickelt wurde – Aspekte des christlichen Menschenbildes in das biografische Arbeiten ein. (S. 86)

Ganz versteckt, in Endnote 61, heißt es weiter:

Diesen [anthropologischen, S.K.] Ausführungen liegt die „Pädagogische Anthropologie“ Bruno Hamanns (2005), meines Doktorvaters und akademischen Lehrers (H.Kl.) zugrunde. (S. 197)

Mir hätte es besser gefallen, wenn Klingenberger und Ramsauer damit begonnen und die vielen „Bezugstheorien“ von Kapitel 3 entsprechend eingeordnet hätten. Warum sollte man so nicht zu einem „eigenständigen Handlungskonzept“ kommen? Doch hier beginnt und endet meine Kritik auch schon. Im Wesentlichen ist es eine Frage von Ordnung und Reihenfolge (ich kann meine philosophisch-gründelnde Ausbildung eben nicht ganz verleugnen.)

Biografiearbeit und biografisches Schreiben

Zuletzt möchte ich einen Punkt ansprechen, der mir besonders am Herzen liegt. Die Rolle des biografischen Schreibens, das im Buch von Klingenberger und Ramsauer als eine Methode unter vielen erscheint. Andererseits heißt es auf Seite 143 sehr schön:

Der Mensch ist von Natur aus ein „homo narrans“, ein erzählender Mensch, und er teilt im Erzählen etwas und vor allem auch etwas von sich selbst mit.

Wer ich bin und was ich erzählte, hängt eng zusammen. Und wir erzählen nicht nur anderen etwas: auch das Selbstgespräch, das wir ständig führen, die Gedanken, die wir wälzen, haben die Form von Geschichten. Ob wir in unserem eigenen Kopf die Rolle des Helds spielen oder die des Opfers, ob wir uns unserer Erfolge erfreuen oder mit unserem Schicksal hadern, bestimmt unser Leben in entscheidendem Maße. Darum ist das biografische Schreiben für mich die Königsdisziplin der Biografiearbeit. Im Schreiben können wir unserer Selbst-Gespräche habhaft werden, auf dem Papier treten sie uns gegenüber und lassen sich „bearbeiten“. Sehr viele Methoden der Biografiearbeit basieren auf dem Schreiben, das häufig vor allem aus praktischen Gründen zum Notieren verknappt wird.

Klingenberger/Ramsauer schreiben außerdem:

Das in der Biografiearbeit Erarbeitete soll festgehalten und gesichert werden. Es genügt nicht, „einfach so mal drüber geredet zu haben“. […] Notizen oder Erinnerungsankter helfen, die „geborgenen Lebensschätze“ nicht wieder zu verlieren. (S. 80)

Bilder, Collagen, Skizzen oder Gegenstände können die biografische Selbstreflexion stark unterstützen, den Übergang zur Kreativität erleichtern. Als Erinnerungsanker dienen sie jedoch nur für begrenzte Zeit (Forschungen dazu gibt es von Marigold Linton).
Die einzig dauerhaften Erinnerungsanker für unsere Gedanken (und zugleich Lebenszeugnis für andere) sind geschriebene Sätze und Geschichten.

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Jacob Isaackszon van Ruisdael: Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern, verfremdet

Was sich hinter dem unterkühlten Titel »Arbeit und Struktur« verbirgt, ist das Protokoll einer Krankheit bis zum Tode, aber auch mehr als das. Die Genauigkeit des autobiografischen Zeugnisses macht es zu einem Buch, mit dem wir das menschliche Los etwas besser begreifen können, das uns alle verbindet.

Nach einer ersten Operation stellten die Ärzte fest, dass es sich bei der »Raumforderung« im Kopf des Schriftstellers Wolfgang Herrndorf um ein Glioblastom handelte. »Das ist etwas Gehirneigenes, das bildet keine großen Metastasen, wächst nur sehr schnell […] und ist zu hundert Prozent tödlich« , schreibt er. Die Wucht der Diagnose in Verbindung mit den Nachwirkungen der OP ließ Herrndorf in eine Psychose schlittern (die er brillant beschreibt), sodass ihn seine Freunde in die Psychiatrie brachten. Um sie auf dem Laufenden zu halten, begann er, ein Blog (Web-Log, digitales Tagebuch) zu schreiben, dass er später öffentlich fortführte. Unter der Internetadresse www.wolfgang-herrndorf.de ist das Blog-Archiv noch immer in der ursprünglichen Fassung zu finden. Die Blog-Einträge reichten schließlich vom 8. März 2010 bis zum 20. August 2013. Am 26. August nahm sich Herrndorf das Leben, kurz bevor sein Gehirn/Bewusstsein vom Tumor ganz zerstört worden wäre.

Man darf sich das Buch jedoch nicht als bloße Aneinanderreihung von Tagebucheinträgen vorstellen, mehr oder weniger interessant, schwankend im Stil. Vielmehr überarbeitete der Autor seine Einträge zunächst selbst, dann mit Hilfe der Herausgeber Marcus Gärtner und Kathrin Passig, und sorgte dafür, dass das Buch lektoriert und redigiert wurde. Insofern ähnelt es eher einem »Schriftsteller-Tagebuch«, wie denen von Max Frisch oder Peter Rühmkorf, die bereits im Bewusstsein der geplanten Buchveröffentlichung geschrieben wurden, als einem »gewöhnlichen« Blog. Darum schrieb Herrndorf wohl auch die fünfzigseitige Rückblende, in der er die Geschichte seiner Krankheit bis zum Beginn des Blogs erzählt, und die im Oktober 2010 eingefügt ist. (Rätselhaft bleibt mir, nach welchen Kriterien Blog und Buch außerdem in 42 nummerierte Kapitel eingeteilt wurde, die im Durchschnitt etwa 10 Seiten umfassen. Ist das eine literarische Anspielung?)

Die Entstehung des Titels »Arbeit und Struktur« erklärt Herrndorf so:

Es ist vor allem dieses Gespräch mit einem Unbekannten, das mich aufrichtet. Ich erfahre: T. hat als einer der Ersten in Deutschland Temodal bekommen. Und es ist schon dreizehn Jahre her. Seitdem kein Rezidiv. Seine Ärzte rieten nach der OP, sich noch ein schönes Jahr zu machen, vielleicht eine Reise zu unternehmen, irgendwas, was er schon immer habe machen wollen, und mit niemandem zu sprechen. Er fing sofort wieder an zu arbeiten. Informierte alle Leute, dass ihm jetzt die Haare ausgingen, sich sonst aber nichts ändere und alles weiterliefe wie bisher, keine Rücksicht, bitte. Er ist Richter. Und wenn mein Entschluss, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur.

Für Herrndorf heißt arbeiten: schreiben. Produktiv wie nie vollendet er in den Monaten und Jahren nach seiner Diagnose die Romane »Tschick« und »Sand«. Der Erfolg des ersteren erlaubt es ihm, ein gutes Jahr vor seinem Tod erstmals in eine größere und freundlichere Wohnung umzuziehen. Zuvor lebte er ein spartanisches Einzimmerleben in Berlin. Doch es geht ihm nicht um den finanziellen Erfolg: Die plötzliche Gegenwart der Endlichkeit (ein Glioblastom führt oft auch in bloß einem oder zwei Jahren zum Tod), führte zu klareren Entscheidungen und einer effektiveren Arbeitsweise. Und die Arbeit hielt ihn in der Spur, gab ihm die Kraft, insgesamt vier OPs, Chemotherapien und die epileptischen An- und Ausfälle durchzuhalten, die die Beschädigungen des Gehirns mit sich brachten. Der sportliche Mann verliert zunehmend die Kontrolle über seinen Körper. Er erleidet Sprachstörungen.

Während der Lektüre musste ich fortwährend daran denken, was die Mutter eines ehemaligen Freundes einmal zu mir sagte, gut dreißig Jahre ist es her: »Die Sterblichkeit beträgt hudnert Prozent.« Was Herrndorf im Zeitraffer erleben musste, steht uns in der einen oder anderen Form allen bevor. Unsere Zeit ist begrenzt — wie gehen wir damit um? Dieser existentiellen Frage konnte sich Herrndorf nicht entziehen, wie wir uns oft entziehen, indem wir den Zeitpunkt unseres Todes gedanklich in eine ferne Zukunft verlegen, und das selbst im fortgeschrittenen Alter. Es ist unser Gewinn, dass er ihr mit soviel Ehrlichkeit, Sprachgewandtheit und — ja: — Stil begegnete. Damit nähert er sich auch dem Sinn des Autobiografischen, das immer auch ein Kampf gegen die Windmühlenflügel des Vergessens ist, das immer auch der Arbeit des Sisyphos gleicht.

In einem Fragment, das die Herausgeber keinem Datum zuordnen konnten, und das deshalb in einem Anhang steht, zieht Herrndorf eine Art negativer Lebensbilanz, in der der letzte Satz verblüffend heraussticht:

Ich kann kein Instrument spielen. Ich kann keine Fremdsprache. Ich habe den Vermeer in Wien nie gesehen. Ich habe nie einen Toten gesehen. Ich habe nie geglaubt. Ich war nie in Amerika. Ich stand auf keiner Bergspitze. Ich hatte nie einen Beruf. Ich hatte nie ein Auto. Ich bin nie fremdgegangen. Fünf von sieben Frauen, in die ich in meinem Leben verliebt war, haben es nicht erfahren. Ich war fast immer allein. Die letzten drei Jahre waren die besten.

(Das obige Bild bedient sich wie der Umschlag des Rowohlt-Taschenbuchs eines Gemäldes von Jacob Isaackszon van Ruisdael: »Ansicht von Haarlem mit Bleichfeldern«.)

#26 — Denkbild „Mein Leben“

Der Komet ISON, 2013

Besonders zu Beginn eines autobiografischen Projekts ist es gut und sinnvoll, das gelebte Leben als Ganzes ins Auge zu fassen und ein Verhältnis dazu zu suchen, eine eigene Sichtweise, die vom Schema des »Lebenslaufs« abweicht.

In seiner wunderbaren, sehr kurzen und präzisen Autobiografie »Die Erinnerungen sehen mich« schreibt Tomas Tranströmer (Literaturnobelpreis 2011):

»Mein Leben«. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet — das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe.

Walter Benjamin hat den Begriff des »Denkbildes« geprägt, der mir gut zu dieser Art der autobiografischen Betrachtung zu passen scheint.

Schreibidee #26: Woran denken Sie bei den Worten „Mein Leben“? Finden Sie für diesen Gedanken oder dieses Gefühl ein »Denkbild«. Schreiben Sie dann einen kurzen Text, der mit den Worten beginnt: »Mein Leben: Bei diesen Worten denke ich an …«

Beispiele: In einer Schreibwerkstatt kamen im Anschluss an Tranströmers Text viele ganz unterschiedliche Denkbilder/Metaphern/Themen zur Sprache. Das Leben als Luftballon, als See, als Sammlung von Tätigkeiten und Aktivitäten, als eine Schublade, als geheimnisvolle Tiefe der Erinnerung und vieles mehr.

P.S.: Das Bild zeigt den Kometen ISON, aufgenommen 2013 von der NASA.

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#25 — Klecksografie

Bevor der Schweizer Psychoanalytiker Hermann Rorschach die Klecksografie zu seinem Diagnose-Instrument machte (Rorschach-Test), war sie eine beliebte literarische Fingerübung. Denn beim Schreiben unterliefen Tintenkleckse — anstatt sie zu verfluchen, konnte man sich auch gleich davon inspirieren lassen. Der Arzt und Dichter Justinus Kerner tat das gerne und prägte den Begriff der „Klecksographie“. Nach irgendwas sieht der Klecks immer aus — und wonach, das hängt vom Auge und dem Gehirn des Betrachters/der Betracherin ab.

Klecksographie von Justinus Kerner

Klecksographie von Justinus Kerner, die Zeilen lauten: „Aus Dintenfleken ganz gering\ Entstand der schöne Schmetterling.\ Zu solcher Wandlung ich empfehle\ Gott meine flekenvolle Seele.“

Anleitung:

  1. Machen Sie mit Tinte einen Klecks oder mehrere auf ein leeres Blatt Papier. (Mit einem Kolbenfüller geht das besonders elegant. Sie können aber auch einfach eine normale Tintenpatrone neben und sie über dem Blatt ausdrücken.)
  2. Falten Sie das Blatt in der Nähe des Kleckses und streichen es aus.
  3. Öffnen Sie das Blatt, verändern Sie den Klecks, wenn Sie möchten, noch mit einem geeigneten Instrument, und lassen ihn trocknen.
  4. Notieren Sie auf dem Blatt oder anderswo Ihre Gedanken zu der Klecks-Gestalt.

Schreibidee #25: Fertigen Sie eine Klecksografie an und lassen Sie sich davon zu einem kürzeren oder längeren Text inspirieren.

Hinweis 1: Auch mit Wasserfarben kann man schöne Kleckse machen. Siehe https://hirameki.de/
Hinweis 2: Sie müssen sich nicht bemühen, im Text bestimmte biografische Inhalte unterzubringen. Ihre Reaktion auf den Klecks ist, so sehen es zumindest die Psychologen nach Rorschach, selbst ein biografisches Zeugnis.
Hinweis 3: Die Assoziationen geht, wie bei Kerner, zunächst oft in die Richtung von Käfern oder anderem Getier. Lassen Sie diese beiseite und schauen Sie, was passiert, wenn Sie die Fleckenbilder genauer ansehen.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Wenn Sie mir die Klecksografie selbst schicken würden, kommt sie selbstverständlich mit auf die Seite. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

5 Tipps für spannende(re) Reiseberichte

Wie kann man Reiseberichte oder Reisegeschichten so gestalten, dass sie die Reise nicht bloß dokumentieren, sondern auch für Leser interessant und spannend sind?
Als Teil Ihrer Biografie, nicht als Reiseführer.

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