21. März 2020: Zeit und Raum

Die Familie rückt zusammen. Heute kommt unsere älteste Tochter von ihrem Studienort zurück, dann sind wir wieder zu fünft. Mindestens bis nach Ostern, denn das Sommersemester wurde verschoben, und wer weiß, ob und wann es überhaupt stattfinden wird. Es ist ein gutes Gefühl, wieder alle unter einem Dach zu haben. Gut ist aber auch, dass wir nicht näher zusammenrücken müssen, als wir möchten. Denn wir haben Platz genug.

Für jeden ein Zimmer, dazu Küche, Wohn und Esszimmer. Und zur Not oder zur Abwechslung könnten wir auch das Bad im Keller reaktivieren, das wir benutzten, als die Kinder noch klein waren und gebadet wurden. Schwieriger ist es sicherlich für Familien, die sich — bei Bedarf — weniger aus dem Weg gehen können, und vor allem solche mit kleinen Kindern (vor allem Jungs, stelle ich mir vor), deren Bewegungsdrang noch nicht durch Sporteinheiten angeregt werden muss.

Ich denke an die Schülerinnen, die meine Frau in Uganda besuchte. Dort wurde der Bau eines Mädchenschlafsaals gefeiert, der es dutzenden Schülerinnen ermöglichte, eine Schule zu besuchen, ohne sich den Gefahren des täglichen Schulwegs auszusetzen. Die Privatsphäre eines Mädchen in diesem Schlafsaal beschränkt sich auf eine Kiste. Doch das wird nicht als Not wahrgenommen. Von unserem nord-westlichen Individualismus ist man in Uganda noch ein ganzes Stück entfernt.

Was Covid-19 für Afrika bedeutet, mag man sich nicht ausmalen.

Vor wenigen Wochen stand, was uns betrifft, noch dieser soziologische Befund felsenfest: Nicht der Raum, sondern die Zeit war eine knappe Ressource. Die Familie hätte sich, wenn wir nicht schon etwas Flugscham entwickelt hätten, überall auf der Welt treffen können. Schwierig war es, gemeinsame Termine zu finden: Semester- und Schulferien passen nicht zusammen. Das eine oder andere Wochenende, das mit Freunden geplant ist, kann auf keinen Fall verschoben werden, sonst müsste es ganz ausfallen. Denn jede/r hat jede Menge Termine.

Den Raum zu überbrücken, war dagegen kein Problem. Meine Frau legte sich im Januar eine Partner-Bahncard zu. Auch ohne zu fliegen ist jeder Ort in Deutschland und ein erheblicher Teil Europas innerhalb eines Tages erreichbar. Selbstverständlich — aber in diesem Zusammenhang interessant — ist es, dass man auf der Internetseite der Bahn nur nach Preisen suchen kann, wenn man sich zuvor auf einen Tag festgelegt hat. Es reicht nicht, nur eine Woche oder einen Monat anzugeben. Die Bahn geht also (zu Recht) davon aus, dass wir genau wissen, wann wir verreisen möchten und können. Die Zeit ist knapp, der Raum kann immer dazugebucht werden. Wie bei geschäftlichen Meetings.

Eigentlich wollten wir nach Ostern zu dritt ein paar Tage durch den Thüringer Wald wandern. (Das war schon Plan B, nachdem der Schweizaustausch der Schule abgesagt worden war.) Von Unterkunft zu Unterkunft. Fremdenzimmer dafür hätte es genug gegeben. Jetzt sind sie geschlossen. Plötzlich werden die Räume knapp, in denen man sich aufhalten kann. Glücklich diejenigen, die eine Ferienwohnung besitzen. Oh: Aber nur, wenn sie nicht jenseits der Grenzen liegt.

Jetzt hätten wir also reichlich Zeit, aber der Raum fehlt. Vor Corona galt das Dogma, das wir, komme was wolle, unseren Lebensstil niemals aufgeben könnten. Höchstens krasse private Fernreisen — für eine Woche nach Neuseeland — wurden in Frage gestellt. Jetzt scheint es, als könnten wir für Zeit (und das heißt: Lebenszeit für viele Menschen) doch ein wenig Raum eintauschen.

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