23. April 2020: Digitalisierung

Digitale Matrix

Morgens, als Frühstück, trinke ich eine Tasse Tee und lese unser popeliges Lokalblättchen. Jetzt ist für zwei Wochen noch eine Probeabo-FR dazugekommen, aber auch auf Papier. Obwohl billiger, praktischer (weil besser verwertbar) und umweltschonender, kann ich mich nicht dazu durchringen, stattdessen auf einem Bildschirm zu lesen, wie flach oder smart er auch sein mag. Und das liegt nicht an der Gefahr, dass ich Tee drüberschütten könnte. Meine Augen ruhen auf dem Papier, während ich langsam aufwache. Und dann gucke ich noch früh genug auf den Bildschirm.

Derweil rüsten alle auf, für die große Digitalisierung. Die Professoren meiner Töchter mühen sich mit Onlinekursen. Die Server der Universitäten brechen am ersten »Handelstag« des Semesters zusammen. Zu viele wollen auf einmal an das wertvolle Gut Information. Einfache PDF-Dateien genügen nicht mehr. Riesige Mengen von Video-Material, live und aufgezeichnet, strömen durch das dünne Kabel, das unseren Router und dann alle PCs, Laptops und Tablets der Familie mit dem Weltweiten Netz verbindet. Zu Ostern gab es ein kleines Gerät, das das WLAN-Signal in der Wohnung verstärkt. Alle haben sich gefreut.

Meine Jüngste steht als Siebtklässlerin ganz hinten in der Schlange derer, die lieber in die Schule gingen. Noch nicht mal an Online-Kurse oder kurze Videos ist bei ihr zu denken. Geschweige denn an Webinare. Kein Wunder, dass ihr langsam langweilig wird. Aus Verzweiflung hat sie jetzt schon zwei Bücher gelesen, die ich ihr empfohlen habe. Das vermeidet sie sonst konsequent. Unsere Putzhilfe erzählte mir heute, dass die Schüler in Polen schon per Bildschirm unterrichtet würden. Vielleicht ist man dort weiter in Sachen Digitalisierung. So etwas las man ja immer wieder vor der Pandemie: Dass die Deutschen sich mit der Anwendung neuer Technologien eher schwer täten (nicht wenn es darum geht, das Logo von Automarken auf Gehwege zu projizieren). So richtig einleuchten wollte mir das nie. Schließlich galt SAP, ein deutscher Konzern, lange Jahre als Musterbeispiel für mühevolle Digitalisierung. Und wenn die Kinder nicht schon in der Grundschule »digital lernen«, freut mich das. Schreibschrift ist besser fürs Gehirn, egal welche.

Für meinen ausfallenden VHS-Kurs habe ich ein Internet-Forum aufgesetzt, in (? oder auf?) dem man sich Texte zeigen und darüber austauschen kann. Die Teilnehmerinnen schreiben ganz eifrig hinein, aber es bleibt ein Ersatz. Alle Rückmeldungen müssen ausformuliert werden, und so klingen sie etwas steifer und sind auch seltener als die mündlichen Reaktionen. Wenn eine Teilnehmerin einer Schreib-Veranstaltung ihren Text vorliest, spürt sie schon an der Atmosphäre, an der Art der Aufmerksamkeit, kurzen Lachern und so weiter, wie er aufgefasst wird. Das ist oft das halbe Feedback. Also Webinar? Abgesehen von den technischen Anforderungen (und den Kosten eines professionellen Anbieters) bin ich skeptisch, ob dieser Effekt befriedigend simuliert werden könnte. Außerdem las ich bei einer Teilnehmerin nun, dass ein VHS-Dozent erfolglos versucht habe, seinen Englisch-Kurs per Videostream durchzuführen. Die Kursteilnehmer wollten nicht.

Ein Freund aus dem Geschäftsleben erzählte, dass es vor gut zehn Jahren schon eine Innovations-Welle in punkto Online-Konferenzen etc. gegeben habe, weil die Unternehmen versucht hatten, Dienstreisen einzusparen. Heute sei die Technik deutlich besser ausgereift, und die Kosten für Speicherplatz und Bildschirme geringer. Vielleicht sind wir also bald auf einem Stand, der Familien- und Bildungsveranstaltungen ruckelfrei wie einen 20-Uhr-Tatort ermöglicht.

Irgendwann muss dann jeder für sich entscheiden, ob er das auch möchte (wenn er noch kann). Ich selbst sinniere schon jahrelang über die Möglichkeiten, die darin lägen, mein Geschäft stärker zu digitalisieren. Nicht so sehr, um Reisen zu vermeiden — denn die machen Spaß und sind ohnehin recht selten. Aber um spezielle Kurse mit wenigen Teilnehmern durchzuführen, die quer über Deutschland verteilt sein könnten. Gescheitert war das bisher vor allem an der Arbeitslast, die ich ohnehin schon hatte. Jetzt, wo nichts stattfindet und ich Tag für Tag an diesem (nun zum Sitz-Steh-Tisch hochgerüsteten) Schreibtisch in zwei Bildschirme gucke, frage ich mich, ob das der richtige Weg sein kann Wie viel Prozent ist Wissensvermittlung, wie viel gemeinsames Tun? Und wie gemeinsam ist online-gemeinsam?

Wir erleben, so wurde schon zu Beginn des Shutdown kommentiert, ein großes soziales Experiment. Allmählich fühle ich mich auch wie ein Versuchskaninchen.

4 Texte

  1. Erika Weber-Herkommer

    Lieber Herr Dr. Kappner,
    ich lese schon seit einigen Jahren E-Books und seit Jahresanfang auch die Zeitung digital.
    Für mich ist es eine Krücke, weil meine Augen schlechter werden und ich digital die Schriftgröße einstellen kann. Dennoch gibt es nichts Schöneres als sich mit einer Tasse Tee und der gedruckten Zeitung in den Sessel zu setzen. Gar nicht zu reden von dem sinnlichen Erlebnis, ein Buch in die Hand zu nehmen, den Einband zu fühlen, zu betrachten, das Gewicht des Buches zu spüren, zu blättern und schließlich zu lesen. Ihr Tagebuch lese ich mit großem Vergnügen.
    Schönes Wochenende ewh

    • Bettina von Galen

      Liebe ewh,
      das ist ganz wunderbar, das sinnlche Erlebnis beim In-die-Hand-Nehmen eines Buches. Immer öfter paasiert es mir, dass ich kleine Zeitungsausschnitte darin finde, die mich in eine Zeit entführen, als ich zum ersten oder zweiten Mal das Buch las. Gerade in den vergangenen Wochen geschah dies, denn ich hatte Zeit, Zeit für mich – ohne Verpflichtungen, bis auf die 15 Stunden Arbeit, die auf drei Tage verteile seitdem ich in Rente gegangen bin. Der Kontakt zu den Kindern und Enkelkindern ist fast völlig lahmgelegt, wenn überhaupt dann treffen wir uns zu einem Spaziergang am nahe gelegenen See. Und beschwingt durch die erlebte Nähe beim Sprechen oder Erzählen kehre ich in meine Schreibwerkstatt zurück.
      Wann bin ich soviel spazierengegangen, bewusst und ganz offenporig für alle Nuancen im Gespräch und für die Blicke, die beim Sprechen ausgetauscht werden. Es ist schön, dies zu erleben.
      Einen guten Samstagabend und einen frohen Sonntag, fg

  2. Christiane Tilse

    Auch meine Versuche, ebooks zu lesen sind gescheitert. Beim Zurückscrollen verheddere ich mich regelmäßig, der Seitenausschnitt ist viel zu klein und gestattet mir nicht, mal eben einen oder zwei der vorherigen Abschnitte in den Blick zu nehmen. Als bekennende ‚im Bett Leserin‘ kommt ein gravierender Nachteil hinzu: das Starren auf das beleuchtete Display führt bei mir zu akuten Einschlafproblemen. Solange die Augen mitmachen, bleibe ich also fröhliche Papierleserin genieße das Stöbern in der Buchhandlung und den kleinen Plausch mit der Buchhändlerin. Und seitdem die FR im Tabloid-Format erscheint, passt sie auch ganz wunderbar neben meine Kaffeetasse.

  3. Ein Buch ist ein Buch ist ein Buch, ein Buch ist (auch) ein sinnliches Erlebnis. Und ein Buch ist
    – manchmal – Handwerkskunst. Eins der am schönsten gemachten Bücher, die ich in letzter Zeit in Händen hatte: Kehlmann, Tyll. Welch ein Genuß, da stimmt einfach alles, das Layout nach den Regeln des Goldenen Schnitts, die passende, und lesefreundliche, Type, der Durchschuß, und nicht zu vergessen: das Lesebändchen.
    Nichts gegen E-Book-Reader, wenn man auf Reisen ist und die Lektüre aus dem leichten Fach oder dem spannenden ist. Und ein bißchen billiger sind die „Bücher“ ja auch noch.
    Eine Freundin schwört drauf, läßt nichts gelten. In einem Lesezirkel lasen wir gemeinsam Shakespeare-Sonette, in einer zweisprachigen Ausgabe. Aber die Gute hatte einen ganz anderen Text als wir alle. Des Rätsels Lösung: auf ihrem Kindle hatte sie eine alte, linzenzfreie Ausgabe vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts ( wie sich das anhört: ich lebe den Großteil meines Lebens im vergangenen Jahrhundert, und es ist nicht das 19., was ich automatisch beim vergangenen Jahrhundert assoziiere). Ihre Ausgabe war eine gereinigte Schulausgabe, alle homoerotischen Anspielungen waren „zum Schutze der Jugend“, wie es damals hieß, gestrichen. Gereinigt? Kastriert! Augen auf beim E-Book-Kauf.

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