23. März 2020: Spaziergang

Dass wir bei diesem Wetter rausgehen würden, stand fest. Familienausflug zu fünft! Schade nur, dass es ein wenig zu kalt dafür war, unseren geliebten Picknickkoffer zu befüllen und das Mittagessen auf irgendeiner Waldlichtung einzunehmen. Stattdessen packten wir frischgebackene Scones ein und fuhren zu einer der vielen schönen Ausblicke in der Umgebung.

Die berühmteren Stellen mieden wir absichtsvoll. Vor einer Woche waren meine Frau und ich beim Königsteiner Fuchstanz noch auf eine überraschend große Menschenansammlung getroffen. Zwei Waldgaststätten und zwei Kioske zugleich taten so, als wäre nichts. Und die Leute machten mit. Als ich zwanzig Minuten in der Schlange für Käsekuchen gestanden hatte, wurde mir dann doch etwas mulmig und ich begnügte mich etwas heißem Apfelwein aus einem Pappbecher. Dann zogen wir kopfschüttelnd von dannen und suchten noch ein bisschen nach der Waldeinsamkeit.

Gestern wäre es bestimmt auch beim Fuchstanz ruhiger gewesen. Am Nachmittag sollte sich Angela Merkel im virtuellen Raum mit den Ministerpräsidenten treffen und beschließen, dass sich ab heute nur noch Menschenpaare in der Öffentlichkeit zeigen dürfen. Drei sind ab sofort schon eine Menge, Familien ausgenommen. Die Stimmung draußen hatte sich, so schien es mir auf meinen Streifzügen in der Außenwelt, schon vor den Ankündigungen der Bundeskanzlerin verändert.

Schöne Aussichten gehen oft mit Wind einher, darum duckten wir uns hinter die Mauern eines Kriegerdenkmals, um das köstliche Gebäck einzunehmen. Die Treusorgende schmierte Clotted Cream sowie abwechselnd Himbeer- und Erdbeermarmelade auf die Scones und verteilte reihum. Zwei für jede/n. Ein kleines Fest, das uns an Urlaube in England und Irland erinnerte, gemütliche Teestuben bei Regen, Schlösser und versteckte Landgasthöfe in der Sonne, ah …

Nach einer kurzen Spazierrunde auf dem Franziskuspfad — wir befinden uns in Reinborn, falls jemand die Ecke kennt oder nachwandern möchte — konnten sich die Töchter nicht entschließen, mit uns zurück nach Hause zu laufen. Das Telefon prognostizierte drei Stunden. Also setzten sie sich zu dritt ins Auto und taten, was sich für mich noch ziemlich seltsam anfühlte: Sie fuhren alleine mit dem Auto nach Hause. Ja, eine der dreien besitzt schon seit Monaten den Führerschein. Wenn ich mit ihr fahre, muss das Radio stumm bleiben, damit ich mich mit aller Kraft darauf konzentrieren kann, nicht nervös zu werden. Ich bin sicherlich nicht der schlechteste Beifahrer der Welt, aber beinahe. Gestern, als ich ihnen hinterher sah, wie sie in unserem schicken alten Kleinwagen den Berg hinabrollten, beruhigte ich mich damit, dass auf den Straßen so wenig los war wie schon lange nicht mehr. Ideale Übungsbedingungen.

Ich checkte die Himmelsrichtung. Das Tal durch das wir gekommen waren, schnitt links von uns in die offene, sonnendurchtränkte Landschaft. Von hier aus würde ich auch ganz ohne Navi nach Hause finden, prahlte ich, und schaltete es ein. Die Wanderkarte lag zu Hause auf dem Esstisch, ein Klassiker. Doch tatsächlich war es leicht, den Weg zu finden. Nur einmal mussten wir im Gänsemarsch an der Straße entlang, sodass wir erneut froh darüber sein konnten, wie wenig Autos unterwegs waren. Gaststätten und sämtliche Freizeitvergnügungen hatten ja geschlossen, Besuche unterließen die meisten. So müssen die Straßen in meiner Kindheit gewesen sein, dachte ich, als nach dem Kirchgang nur alle paar Sonntage ein Vergnügungsausflug unternommen wurde. Richtig erinnern konnte ich mich nicht. Weil mein Elternhaus direkt am Ortseingang stand, wo die Fahrer*innen von der Bundesstraße kommend nur zögerlich abbremsten, erschienen mir Autos von jeher als bedrohlich — und zahlenmäßig überlegen.

Auf dem Rest des Weges wurde uns nicht langweilig. Zwar ging uns nach einer guten Stunde ein wenig der Corona-Gesprächsstoff aus, ohne dass wir aufhören konnten, an die Krise und ihre Auswirkungen zu denken. Auf einem halben Kilometer sinnierte ich stumm über einen möglichen Titel für ein Buchprojekt, dann gab ich auch das auf. Erinnerungen an frühere Laufrunden halfen bei der Orientierung. Einige Bäume waren zu übersteigen, die während der letzten Stürme umgefallen waren, oder an diesem Tag im Februar, als ein paar Stunden lang reichlich Schnee gefallen war. Doch währenddessen lag ständig halb bewusst, dann wieder deutlich und eindringlich ein Himmel über uns, der auf spektakuläre Weise blau war. So etwas gab es nicht mehr zu sehen, seit vor beinahe zehn Jahren der Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach und isländische Asche den Flugverkehr über Nord- und Mitteleuropa zum Erliegen gebracht hatte. Die Himmelsautobahnen waren noch leerer als die Straßen und keine Kondensstreifen markierten ihren gewöhnlichen Verlauf. Die Schönheit einer Abwesenheit.

3 Kommentare

  1. Katrin

    Lieber Stefan,

    vielen Dank für deinen Tipp zum Franzsikuspfad.
    Ich bin heute Mittag – inspiriert und motiviert durch deinen Tagebucheintrag – mit den drei Kindern und einem gut gefüllten Rucksack losgezogen. Die kurze Spazierrunde war für uns eine Wanderung von 2,5 Stunden. Wir haben das rätselhafte Montags-Ding gespielt, sind wie Pferde durch die Natur galoppiert, haben gesummte Lieder erraten und mussten auf Wunsch des ältesten Sohnes Kopfrechnen. So langsam freuen sich die Kinder sogar auf die nachmittaglichen Wanderungen – sogar der Pubertist!

  2. Anneliese

    Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte …
    Moment mal: blaues Band? Mir begegnen im Moment überwiegend rot-weiße Bänder: A B S P E R R B Ä N D E R. Sie markieren auf dem Fußboden, wo ich stehen bleiben soll. Sie zeigen mir, auf welchen Stühlen ich nicht sitzen kann. Und sie kleben gekreuzt auf Tischen: Tisch freihalten signalisieren sie mir. Abstand halten.
    Natürlich kannte ich diese Absperrbänder auch schon vor Corona. Aber noch vor wenigen Wochen war rot-weiß gestreift für mich verbunden mit dem Kölner Karneval. „Rut und wiess, wie lieb ich dich …“. Laut haben wir es im Vereinsheim gesungen, Freunde*innen und Bekannte untergehakt, geschunkelt und gelacht. Dicht und knubbelig voll war es wie immer.
    Und jetzt steht rot-weiß für das Gegenteil: Bedeutungswechsel. Wie schnell das gehen kann.

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