24. März 2020: Kollektives Gedächtnis

Man sagt, die Deutschen hingen darum so sehr an der schwarzen Null (und einer konservativen Geldpolitik), weil das Land im 20. Jahrhundert gleich zwei Währungsreformen ausgesetzt war. »Inflation« steht hierzuland zugleich für ein völlig normales Phänomen, das in unserem Wirtschaftssystem eingepreist ist, und für die desaströse Hyperinflation der 1920er-Jahre. Die ist inzwischen hundert Jahre her, und noch immer bestimmt sie einen Teil unserer politischen Koordinaten.

Ich erinnere mich, wie mein Großvater eine alte Blechdose hervorholte, um mir Geldscheine aus dieser Zeit zu zeigen. Grünlich und ein wenig schmutzig, mit ganz vielen Nullen. »Fünfzigtausend, hunderttausend, eine Million Mark« stand auf ihnen, ich entzifferte die verschnörkelten Buchstaben, sobald ich lesen konnte, und Opa erklärte, weshalb ein Millionär immer noch arm sein kann. Wenn er für sein Geld nämlich nichts bekommt. »Die Inflation«, sagte er, »das war schlimm.« »Schwarz weiß rot, der Bäcker hat kein Brot.« Mein Großvater war Jahrgang 1900, ihn traf die massenweise Geldentwertung in einem Alter, an das man sich später besonders gut erinnert. Und ich hörte gerne zu, wenn er davon erzählte. So wie ich mir das Bajonett ansah, das im Keller verrostete.

Kollektives Gedächtnis kann auch Spaß machen. Als zum Beispiel alle noch das gleiche guckten und man sich morgens in der Schule darüber unterhalten konnte. Wer am Wochenende nicht »Wetten dass« gesehen hatte, heuchelte wenigstens Interesse und ließ sich erzählen, dass so ein Kerl, unglaublich muskelbepackt, es tatsächlich schaffte, eine Wärmflasche aufzublasen und platzen zu lassen. Oder diese Zahlen: 1954, 1974, 1990, 2014 — was verbindet sie? Ist Fußball nicht vor allem deshalb so erfolgreich, weil es uns gelegentlich auf einen ganz kleinen aber immerhin gemeinsamen Nenner bringt?

Wo haben Sie den 11. September 2001 verbracht? Meine mittlere Tochter war gerade einmal vier Wochen alt, ich stieg nachmittags aus dem Bus in dem kleinen Kaff, in dem wir wohnten, lief über die Straße auf das Haus zu, das wir gemietet hatten …

Wie tief die Narbe sein wird, die das Corona-Virus in unserem kollektiven Gedächtnis hinterlassen wird, kann ich mir nicht vorstellen. Was diese Gegenwarts-Ereignisse mit uns anrichten, ist beinahe unmöglich, vorauszusehen, denn wenn wir zurückblicken werden, werden wir andere geworden sein. Dass wir, das heißt die deutsche Öffentlichkeit, so großflächig damit einverstanden ist, die Geldschleusen zu öffnen, ohne dass sich die alte Inflationsangst bemerkbar macht, lässt auf tiefgreifende Veränderungen schließen.

Werden wir in Zukunft, statt vor Schulden zu zittern, alles dafür tun, funktionierende Gesundheits- und Sozialsysteme vorzuhalten? Dafür vielleicht sogar Alten- und Krankenpfleger*innen besser bezahlen? Werden wir auf Massentierhaltung verzichten, nicht aus Tierliebe, sondern aus reiner Vorsicht — denn könnte es nicht sein, dass die Entstehung neuer Viren auch damit zusammenhängt? Werden wir überlegen, ob der heute größte Fortschritt vielleicht darin bestehen könnte, zu erhalten was wir lieben?

1 Kommentare

  1. Erika Weber-Herkommer

    Wie sehr die Corona-Krise die Welt verändern wird, wird von der Dauer abhängen. Würde ein Osterwunder geschehen und die Krise wäre danach weitgehend vorbei, würden sich die meisten schütteln wie ein nasser Hund nach dem Bad im Bach und weitermachen wie bisher. Das ist nicht zu erwarten, im Gegenteil, die Bremsspur, die unser Leben fast zum Stillstand gebracht hat, wird lang sein. Es gäbe viele Chancen in und aus der Krise zu lernen. Ein Umdenken im Umweltschutz, ein Wechsel in den Prioritäten, Begreifen, dass weniger mehr sein kann.

    Es ist verblüffend, wie in dieser Krise die hochbezahlten Akteure der Finanzwelt, die sich bis vor kurzem für die Herren der Welt hielten, abgetaucht sind. Cayman oder Virgin Islands?

    Im ganz Persönlichen wäre eine Chance, der Mitmenschlichkeit mehr Raum zu geben und das beizubehalten. Weniger „wichtige Temine“ und Events, mehr Kontakt zu Freunden und Angehörigen. Wenn die Kontaktsperre aufgehoben wird, werden wir uns freuen wie nie, uns wieder zu sehen. Ein Osterwunder ist unwahrscheinlich, aber es kommt ja noch Pfingsten. Der Heilige Geist möge uns Alle zur Vernunft bringen.

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