24. Mai: Verschnaufpause

Mein Fahrrad

Die Schulen und Universitäten laufen noch immer im Notbetrieb, in den Altenheimen sind nur wenige Besuche erlaubt, viele schlagen sich täglich mit Mundnasenschutz und verschärften Hygienemaßnahmen herum, die ihren vielleicht ohnehin schon schwierigen Job noch schwieriger machen. Aber heute habe ich das für Stunden fast vergessen.

Es begann schon gestern abend, als wir uns zum ersten Mal seit März wieder mit Freunden in einem Restaurant trafen. Dabei ging’s mir ganz ähnlich, wie Anneliese in ihrem Text zum 17. Mai beschreibt. Einfach dazusitzen, sich zu unterhalten und das Essen zu genießen, fühlte sich wie Freiheit an. Dass es beim Griechen für einen Samstagabend ungewöhnlich leer war, fiel uns erst beim Rausgehen auf. Vielleicht halten sich doch noch einige zurück, überlegten wir.

Heute schoben wir die Räder in den Regionalzug Richtung Frankfurt und stiegen in Höchst aus, um am Main entlang zu radeln. Das hatten wir schon lange vor. Quer durch Frankfurt, am Museumsufer vorbei, bis hinter Offenbach, wo wir hinter einer Schleife mit Blick auf die Straßenbahn auf der Fechenheimer Seite unser Picknick auspackten. Die Frankfurter Stadtlandschaft würde reichen, mich einen ganzen Urlaub lang zu beschäftigen. Wie schnell wir die Innenstadt/Sachsenhausen hinter uns ließen! Auch die Bebauung des Offenbacher Hafens, die den Frankfurter Westhafen imitiert. Wo ein Hafenbecken ist, ist auch ein Weg, denkt sich der Investor. Neues neben Industriebrachen, Grünanlagen und jede Menge Gelegenheit, sich mit Getränken in der Hand am Wasser zu postieren. Ruderer, Kanuten, Stehpaddler, Tennisspieler, erstaunlich viele Inlineskater und natürlich wir Radfahrer, von E bis sportlich. Hunderennsport an der Mainschleife. Ab und zu sah man jemanden mit Mundschutz, die Tische standen etwas weniger eng — das war’s an Einschränkungen.

Gestern im Restaurant vertrat ich (probeweise, wie ich das manchmal tu) die Meinung, dass diese kollektive Erfahrung schon zu lange andauert, um keine Spuren zu hinterlassen. Vielleicht mache der USA-China-Konflikt oder eine andere geopolitische Verwerfung, die wie ein Schicksal hereinbricht, alles wieder zunichte. Aber ein gewisser Lerneffekt sei nicht zu übersehen, ein größerer Wille zu spüren, sich den wirklichen Problemen zuzuwenden, als es vor der Krise der Fall war.

Aber stimmt das? Mit der Nase im Fahrtwind roch ich heute keine Probleme mehr. Wie wird es sein, wenn alle wieder in Fahrt kommen? Werden »wir« (falls es dieses »wir« gibt) nicht schnell wieder alles vergessen? Andererseits brauchen wir Verschnaufpausen. Es war so angenehm, sich frei zu bewegen (gut auch, dass das Wetter hielt) und herumzugucken, was es alles gibt. Auf dem Rückweg durchs spektakuläre Gutleutviertel und Griesheim: Einfriedungen, Ecken und Sichtachsen, beschildertes Abstandsgrün — »Insektenwiese«. Die Fahrradabteile voll aber nicht überfüllt.

Heute ist Sonntag. Morgen früh müssen sich viele Menschen wieder mit der Krise und ihren Folgen auseinandersetzen. Meine tüchtige Frau muss die Rest-Schule verwalten, die möglich und erlaubt ist. Meine Tochter muss sich damit abfinden, wieder nur zu Hause lernen zu dürfen. Ja, ich glaube tatsächlich: So schnell werden wir das nicht vergessen.

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