25. März 2020: Manches bleibt, wie es war

Kurz nach sieben Uhr heute Morgen rief mich meine Frau an, die schon auf dem Weg zur Arbeit war, während ich noch die Snooze-Taste bediente. Sogleich aber nicht mehr. Ob ich schon wach sei? Bei dieser Frage war ich es sofort.

Es stellte sich heraus, dass jemand in der Nacht die Scheibe der Beifahrertür eingeschlagen hatte. Unser Auto steht meistens etwas entfernt vom Haus, weil wir in der verkehrsberuhigten Altstadt wohnen und keinen eigenen Parkplatz besitzen. Die heutige Nacht verbrachte es am Friedhof. Dort ist es ziemlich dunkel und wir dachten sofort daran, dass wegen der Kontakt-Beschränkungen wohl auch weniger Leute als sonst unterwegs gewesen seien. Die Scheiben-Einschlager müssen sich also sicher gefühlt haben.

Was tun? Nachdem das Aufwachen jetzt schon erledigt war, beschloss ich, mich zu rasieren und zu duschen, um bei der Polizei einen seriösen Eindruck zu hinterlassen. Die wollte ich gleich anrufen, um nach Instruktionen zu fragen. Sollte ich die Scherben entfernen oder die Spurensicherung abwarten? (Im Kopf die Tatort-Melodie.) Es kam anders: Zu Fuß unterwegs entdeckte die Liebste weitere Zeichen von Vandalismus und beschloss, alles auf einmal zu melden. Also wartete ich einfach ab, machte Tee, bis mich überraschend schnell ein Anruf dabei störte. Ich solle zum Friedhof kommen. Wo war ein Eimer? Ein Karton tat es auch. Handbesen und Kehrschaufel, um die Scherben zu beseitigen. Dass ich die Unterlagen für das Prepaid-Telefon, das aus dem Handschuhfach verschwunden war, so rasch finden würde, glaubte ich kaum. Also los.

Als ich ankam, hatten zwei Beamte den Schaden bereits in Augenschein genommen. Sie hätten einen spitzen Gegenstand gefunden, mit dem die Scheibe wohl eingeschlagen worden sei. »Wie sah der denn aus?« fragte ich. Im braunen A-5-Briefumschlag zeigten sie mir die Rundfeile, die ich immer dabei habe, falls die Kontakte an der Elektrobuchse (für den Anhänger) gereinigt werden müssen. »Schade, da hätten wir wenigstens einen Anhaltspunkt gehabt«, sagte der Polizist. »Okay, also die Scherben sollten sie ein bisschen aufkehren, bevor sie losfahren. Sie bekommen dann noch ein Formblatt für die Anzeige, falls Sie die für die Versicherung brauchen.« »Mache ich, danke.«

Als sie fort waren, fragte ich mich, weshalb man eine Scheibe mit diesem doch eher zarten Werkzeug einschlagen sollte? Ein simpler Stein wäre dazu besser geeignet. Vielleicht probierten es manche auch mit der bloßen Faust, als eine Art Mutprobe? Ich kehrte die Scherben auf — Tatort war zu Ende — als mich eine Dame ansprach, die ihr Auto neben unserem geparkt hatte. Bei ihrem Wagen sei die Scheibe erst letzte Woche eingeschlagen worden. Und bei einigen anderen Autos, die in derselben Reihe standen. Reiner Vandalismus! Die Polizei käme bei sowas ja nicht. Ich erklärte, dass sie schon da gewesen sei. »Wenn mir das nochmal passieren sollte, weiß ich, was ich tue. Ein paar Leute kenne ich hier ja auch.« »Aha.« Hatte ich die Patin eines Mafiarings vor mir? Sie erklärte sich nicht weiter.

Ein Paar, das beim Hundausführen vorbeikam, berichtete von weiteren Autoeinbrüchen und zeigte auf die zweite Parkreihe um die Ecke. »Haben sie was geklaut?« »Nur ein altes Prepaid-Handy. Und die Rettungswesten im Handschuhfach.« »Dafür ein Auto aufknacken?« »Um Effizient und Logik ging es wohl nicht«, erwiderte ich. Und mit der Gelegenheit, von wegen Corona, hatte es auch nichts zu tun, dachte ich mir. Die macht ja Diebe, keine Vandalen. Zum Glück hatten mir jene auch meine teuren, spezialangefertigten Ohrstöpsel gelassen. Die Brille, die ich seit einiger Zeit vermisste, fand ich bei der Schadens-Inventur in einer Türablage. Kurze Zeit später kamen die Hundehalter noch einmal zurück und hatten die signalgelben und -orangefarbenen Westen dabei: »Lagen vor dem weißen Volvo da vorne.« Der Mann im grauen Mantel wollte sie mir in die Hand drücken, doch ich wich geistesgegenwärtig zurück und bat ihn, sie auf den Beifahrersitz zu legen. Eigentlich eine unfreundliche Geste.

Ohne Staubsauger würde ich die Scherben nicht aus den Schienen bekommen, auf denen die Sitze befestigt sind. Es sind kleine hellgrüne Stücke, wie Mosaiksteine, und sie verhalten sich ganz anders als gewöhnliche Glasscherben. Ich kehrte auf, was ging (und bis ich keine Lust mehr hatte, schließlich stand mein Teekännchen noch auf der Arbeitsplatte zu Hause und der Tee war inzwischen bestimmt bitter und völlig ungenießbar geworden). Dann rief ich bei unserem Lieblings-Autoschrauber an. »Jemand hat uns die Scheibe eingeschlagen.«
»Habt ihr Euren Mundschutz im Auto liegen lassen?«
»Nein, noch nicht mal Klopapier.«
»Welche Scheibe ist es?«
»Von der Beifahrertür.«
»Alles klar, die bestelle ich. Könnt ihr das Auto so lange unterstellen?«
»Ich würd’s gern gleich vorbeibringen. Bei Euch vor der Tür kommt doch nix weg.«
»Gut bis gleich.«
»Soll ich den Schlüssel einwerfen?«
»Das Büro ist offen, man muss halt Abstand halten.«

Ein Blick auf die DB-App sagte mir, dass ich besser gleich losfahren sollte. Um 8:46 Uhr fuhr ein Bus zurück und dann lange Zeit keiner mehr. Ich deponierte die Kehrschaufel wieder zu Hause, das Brillenetui und etwas von dem Müll, der sich regelmäßig im Fahrzeuginnenraum ansammelt, schnappte mir Handschuhe und fuhr los. Wie sich herausstellte, wurde es beim Fahren nicht besonders kalt, die Windschutzscheibe schützte ausreichend vor Wind. Leider führte das regelmäßige Abreißen der Luftströmung an irgendeiner Kante dazu, das mein Trommelfell unangenehm vibrierte — ein Nachteil unseres schnittigen und sparsamen Modells. Sonst hätte ich die Fahrt beinahe genossen.

Die Corona-Schutzmaßnahmen unserer fabelhaften Werkstatt bestanden aus zwei DIN-A-4-Blättern, auf denen mit rotem Edding »Bitte Abstand halten!« geschrieben stand. Sie klebten am Fenster zum Büro, durch dessen dunkle Scheibe ich nach grober Schätzung sechs Menschen erkennen konnte. Gerade kam noch jemand. Als er an mir vorbei war, öffnete ich auch ich die Tür, zögerlich und froh um die unförmigen Handschuhe, die vor knapp zwei Jahren mal zum Schlittenfahren benutzt hatte. Um ins Büro der Werkstatt zu gelangen, das etwa die Größe eines durchschnittlichen deutschen Wohnzimmers misst, muss man durch zwei Türen, die wie eine Luftschleuse direkt hintereinander platziert sind. Jetzt stand ich etwas unentschlossen vor der inneren, als sie auch schon aufging und der Hausherr im grauem Bart und Arbeitskittel mit den Worten »Ich guck’s mir mal an« an mir vorbei nach draußen lief. Ich hätte es mir denken können: Diesen Fachmann, der dem größten Schrotthaufen vorurteilslos begegnete, der mir geplante Reparaturen auf Nachfrage geduldig erläuterte als seien wir (a) schon jahrzehntelang befreundet und (b) als verstünde ich auch nur das Geringste von Autos, diesen Zen-Meister in Sachen KFZ, der gelegentlich sogar etwas reparierte anstatt es wie alle anderen nur auszutauschen, konnte ein simpler Corona-Virus nicht aus der Ruhe bringen.

Ich stand dann schon zehn Minuten zu früh an der Bushaltestelle, die exakt an der unansehnlichsten Stelle jenes Dorfes platziert ist, das durchaus reizvolle Ansichten zu bieten hat. Würde der Bus kommen? Oder fiel jeder zweite aus? Ich glaubte natürlich nicht, dass das irgendwo vermerkt sein könnte. Außerdem hatte ich vor kurzem die RMV-App gelöscht, weil mir jemand sagte, das Angebot der Deutschen Bahn reiche in jeden Winkel (und weil ich Speicherplatz benötigte). Zehn Minuten Verspätung wollte ich tolerieren, dann ein Taxi rufen. Das, habe ich kürzlich gehört, sei die »Methode der vorgewählten Verhaltensweise«. Man überlegt sich also vorher, was man tut, im Falle dass die eine oder andere Situation eintritt, und wartet nicht erst, bis es so weit ist. Dadurch gewinnt man vorab ein Stück Sicherheit, indem man die Anzahl der möglichen Handlungsverläufe eindämmt. Eine Art mentale Ausgangssperre. So würde es zum Beispiel nicht passieren können, dass ich eine volle Stunde an dieser Bushaltestelle stünde, bevor ich mich entschließen könnte, das Taxi zu bestellen, und so ein halber Arbeitstag ungenutzt verrönne.

So war es dann auch nicht, denn der Bus kam pünktlich. Ich musste hinten einsteigen und konnte keine Fahrkarte erwerben. (Mit der richtigen App hätte ich sie virtuell lösen können.) Aus Höflichkeit rief ich dem Fahrer zu: »Bei Ihnen kann ich keine Karte kaufen, oder?« »Das steht doch überall.« Tatsächlich war dieser Hinweis an den weißroten Absperrbändern angebracht, die den Fahrer von den Sitzen der Fahrgäste trennten. Übrigens war ich der einzige Gast. »Aber schön, dass Sie trotzdem fahren«, machte ich auf gut Wetter. »Ja, Sie finden das schön!« Ich glaube, das hat er gesagt. Besonders gut verstand ich ihn nicht, sein Tonfall machte mir jedoch klar — und das hatte etwas Beruhigendes –, dass auch in der Corona-Krise manches bleibt, wie es stets gewesen war: Die Busfahrer sind unfreundlich wie immer.

2 Kommentare

  1. Anneliese

    Es ist schon interessant, wie sich der Blick unter Corona verschiebt. Vor ein paar Jahren ist uns auch einmal die Scheibe am Auto auf dem Parkplatz am Bahnhof eingeschlagen worden, offensichtlich gleich in der ersten Nacht. Als wir nach einer Woche wiederkamen, lagen die Splitter auf dem Beifahrersitz. Alles war vom Regen durchweicht. Wir dachten die blöden Idioten, die das getan haben. Und wir ärgerten uns, dass die Polizei, die von einem aufmerksamen Menschen informiert worden war, nicht einfach irgendeinen Schutz gebracht hatten. In diesen Tagen denkt man: Jetzt leben wir schon mit Corona und dann muss uns noch einer die Scheibe einschlagen.

    Ich war heute Einkaufen. Zunächst im Schreibwarengeschäft, um ein Geburtstagspäckchen aufzugeben. D. h. Ich war nicht im Geschäft. In der Tür des Geschäftes stand ein Tisch mit Plexiglasscheibe. Da wurden alle Geschäfte getätigt. Drei Menschen standen außer mir weit voneinander entfernt im Freien und warteten. Auffallend – fast alle Kunden*innen verabschiedeten sich mit: Bleiben sie gesund. Dann zu EDEKA. Eigentlich benötigte ich nur Suppengrün. Vor dem Eingang langweilten sich zwei Security – Leute. Ich fragte, ob ich ins Geschäft kann. Ja, aber nur mit Einkaufswagen. Einkaufswagen für ein Suppengrün? Klar, damit hat man automatisch schon Abstand nach Vorne. Etwas schwierig wird es, wenn man in dem kleinen engen Geschäft aneinander vorbei will. An der Kasse: Bleiben sie gesund. Dann ging es zum Metzger. An der Tür ein Zettel: Bitte nicht mehr wie zwei Personen gleichzeitig im Geschäft. Zwei waren schon drin, also wartete ich wieder auf der Straße. Als einer dann raus kam, ging ich hinein. Mit „bleiben sie gesund“ verließ ich das Geschäft.
    Gott sei Dank, es ist schönes Wetter. Die Sonne scheint und ich kann sie genießen.

  2. Peter Hecker

    Stabilitas in locu – verschärfte Version
    Ich bin kein Mönch, aber statt ins Kloster zwingt die Seuche mich ganz weltlichen Menschen ins Haus. Zeit für dicke Bücher, die schon lange gelesen sein wollten, manchmal ein Blick ins Grüne, um die Augen zu schonen. Ist nicht so schlimm.
    Aber: mein Auto mußte für vier Tage in die Werkstatt. Natürlich fährt meine Frau mich, gar keine Frage. Und dennoch ein Gefühl – nur ein Gefühl – von Abhängigkeit, gefühlt ein Verlust von Selbständigkeit, die doch so viel ausmacht.
    Wie geht es Menschen, denke ich, die aus vielerlei Gründen und gar nicht freiwillig ans Haus gefesselt sind. Meist nur ein theoretischer Gedanke, auf einmal ganz real.

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