26. April 2020: Zeitkrümmung

Zeitkrümmung

Heute nach dem Frühstück packte meine Älteste ihre Sachen. Sie hat beschlossen, ihr Studentinnenleben trotz aller Einschränkungen wieder aufzunehmen. Ohne richtige Veranstaltungen zwar, aber wenigstens mit gelegentlichen Treffen von Kommilitonen und einen Gefühl von Unabhängigkeit, das ihr in den letzten Wochen im Kinderzimmer doch etwas abhanden gekommen war.

Ich habe kein wirklich gutes Gedächtnis, aber an den Verlust von innerer Autonomie, den ich empfand, wenn ich meine Eltern für mehr als zwei Tage besuchte, kann ich mich noch gut erinnern. Vielleicht, weil diese Empfindung sich mit großer Regelmäßigkeit einstellte. Als Vater bildet man sich ein, das man seinen Kindern weniger lästig ist, als man es eine Generation zuvor erlebte, aber man sollte sich nicht zu viel einbilden.

Meine beinahe erwachsene Kinder halten mir ab und zu den Spiegel vor. Nicht nur, wenn sie über pseudo-jugendliche Ausdrücke lächeln oder mich korrigieren. Prinzipiell werde ich ganz gerne korrigiert, in der Regel reagiere ich auch gutmütig, wenn ich auf Geschmacksschwächen oder fehlgeleitete Eitelkeiten hingewiesen werde — je nach Laune aber nicht immer. Und in letzter Zeit war die Dosis etwas höher als sonst. Zum Beispiel hat es mich peinlich berührt, als mir nach mehreren meiner Äußerungen mitgeteilt wurde, dass ich dasselbe schon einmal gesagt hätte. Im selben Zusammenhang. Und wortgleich. Dass ich etwa immer, wenn eine meiner Töchter einen bestimmten Freund oder eine Freundin erwähnte, eine gleichlautende Nachfrage an sie richtete. Offenbar hatte ich vergessen, was sie mir schon erzählt hatten. Für einen Moment hatte ich selbst das Gefühl, wie in einem Theaterstück auf Stichworte mit dem formulierten Texten reagiert zu haben. Das wirkt schon substantieller, als wenn sie wie häufig, einen Lehrer als alt oder schon ganz alt bezeichneten, mit dem Zusatz: »Etwa so alt wie du.«

Als ich die Große nach dem Frühstück verabschieden musste, war mir nicht wohl. Meine Frau fuhr sie und nahm auch unsere Jüngste mit, weil sie vorhatten, anschließend ihre Eltern bzw. Großeltern zu besuchen. Zum Abschiedsschmerz kam also meine übliche Autobahn-Angst. Vor allem wurde mir aber klar, dass jetzt eine Phase endete, die sich in den letzten Wochen, trotz dieser Tagebuch-Einträge, nur sehr wenig nach Zeit angefühlt hatte. War es nicht, als würde die Zeit stillstehen? Nicht einmal am Wetter konnte man eine Veränderung ablesen. Die Gespräche bei Tisch drehten sich mehr oder weniger um dieselben Themen. Nach Ostern zog kein Ereignis die Aufmerksamkeit mehr auf sich. Statt Zukunftspläne zu machen, wie ich es gewohnt bin, begnügte ich mich damit, Schreibtisch und Projekte aufzuräumen, zu konsolidieren, Versäumtes nachzuholen. Nach und nach lösten sich Zahnräder voneinander, und das eine oder andere blieb stehen. Meine Frau litt unter den Kalamitäten der Schulverwaltung, was ich aber nicht richtig zur Kenntnis nehmen wollte. Erst die Entschlusskraft meiner Tochter bog meinen inneren Zeitstrahl nun wieder gerade, der sich zu einer scheinbaren Wiederkehr des Gleichen in sich gekrümmt hatte. Dieses Geradebiegen ist ein schmerzlicher Vorgang. Ich erlebte es regelmäßig (nur in letzter Zeit weniger), wenn ich, in ein Schreibprojekt versunken, sich nahende Termine erst im letzten Moment zur Kenntnis nehmen kann.

Am Dienstag werde ich mit meiner zweiten Tochter und einem vollbeladenen PKW nach Braunschweig fahren, am Mittwoch dann zurück — erleichtert und beschwert zugleich. Und anschließend sind wir wieder zu dritt. Der altersgemäße Normalzustand unserer langsam schrumpfenden Familie wird wieder erreicht sein.

Apropos Normalzustand: Ich muss, damit sich mein Zeitstrahl nicht gleich wieder aufrollt, wohl damit abfinden, dass der Ausnahmezustand bis auf weiteres zum Normalzustand wird. Und die Zeit trotzdem weiterläuft.

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