Der Komet ISON, 2013

#26 — Denkbild „Mein Leben“

Besonders zu Beginn eines autobiografischen Projekts ist es gut und sinnvoll, das gelebte Leben als Ganzes ins Auge zu fassen und ein Verhältnis dazu zu suchen, eine eigene Sichtweise, die vom Schema des »Lebenslaufs« abweicht.

In seiner wunderbaren, sehr kurzen und präzisen Autobiografie »Die Erinnerungen sehen mich« schreibt Tomas Tranströmer (Literaturnobelpreis 2011):

»Mein Leben«. Wenn ich diese Worte denke, sehe ich einen Lichtstreifen vor mir. Bei näherer Betrachtung hat der Lichtstreifen die Form eines Kometen, mit Kopf und Schweif. Das lichtstärkste Ende, der Kopf, sind die Kindheit und das Heranwachsen. Der Kern, sein dichtester Teil, ist die sehr frühe Kindheit, wo die wichtigsten Züge in unserem Leben festgelegt werden. Ich versuche, mich zu erinnern, versuche, dahin vorzudringen. Aber es ist schwer, sich in diesen verdichteten Bezirken zu bewegen, es ist gefährlich, ein Gefühl, als käme ich dem Tode nahe. Weiter hinten verdünnt sich der Komet — das ist der längere Teil, der Schweif. Er wird immer spärlicher, aber auch breiter. Ich bin jetzt weit im Kometenschweif drinnen, ich bin sechzig Jahre alt, da ich dies schreibe.

Walter Benjamin hat den Begriff des »Denkbildes« geprägt, der mir gut zu dieser Art der autobiografischen Betrachtung zu passen scheint.

Schreibidee #26: Woran denken Sie bei den Worten „Mein Leben“? Finden Sie für diesen Gedanken oder dieses Gefühl ein »Denkbild«. Schreiben Sie dann einen kurzen Text, der mit den Worten beginnt: »Mein Leben: Bei diesen Worten denke ich an …«

Beispiele: In einer Schreibwerkstatt kamen im Anschluss an Tranströmers Text viele ganz unterschiedliche Denkbilder/Metaphern/Themen zur Sprache. Das Leben als Luftballon, als See, als Sammlung von Tätigkeiten und Aktivitäten, als eine Schublade, als geheimnisvolle Tiefe der Erinnerung und vieles mehr.

P.S.: Das Bild zeigt den Kometen ISON, aufgenommen 2013 von der NASA.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

3 Kommentare zu “#26 — Denkbild „Mein Leben“

  1. Irene Bleimann

    „Mein Leben“: Wenn ich daran denke, kommt mir ein großer Luftballon in den Sinn.
    Erst lag da ein zerknittertes Etwas , das langsam aufgeblasen wurde, bis es allmählich eine enorme, runde Form annahm. Anfangs war ich ein winziges, hilfloses Wesen, das mit der Muttermilch ganz gut gedieh. Und im Laufe der Jahrzehnte wurde mein Leben immer praller – durch lebenslange Freundschaften, Berufsleben, Gründen einer eigenen Familie und Hobbys.
    Jetzt als Pensionärin hoffe ich, dass der so gut gefüllte Ballon nicht in naher Zukunft plötzlich platzt!

  2. Anneliese Wohn

    Kennen Sie den Film „Ein Haus aus kleinen Klötzchen“? Ein alter Mann wohnt alleine in seinem Haus. Viele Stockwerke dieses Hauses stehen schon unter Wasser. Wenn das Wasser steigt, stockt er das Haus auf und räumt die Möbel nach oben. Wichtiger Begleiter ist ihm seine Pfeife, die er nur zum Schlafen aus dem Mund nimmt. Eines Tages, beim Räumen, fällt ihm die Pfeife durch den Schacht in die Wohnung darunter. Er beschließt ihr nachzutauchen. Und so taucht er von Stockwerk zu Stockwerk. Und jedes der Stockwerke ist mit einer Lebenserinnerung verbunden. Immer weiter zurück führen sie ihn. Ganz am Grund, hier begegnet er dem Mädchen, das einmal seine Frau wird, findet er seine Pfeife. Er schaut sein gesamtes Haus an, bevor er wieder auftaucht. Der Film endet mit der gleichen Szene wie am Anfang, aber aber der Mann ist verändert.
    Ich habe den Film gerne zum Thema Biografiearbeit eingesetzt. Aber ein solches Haus ist auch ein gutes Bild für das eigene Leben: das Lebenshaus. Ob es meines ist, weiß ich (noch) nicht.

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Wohn,
      herzlichen Dank für diesen tollen Hinweis.
      Ich habe ein bisschen recherchiert: Der Film, der auf englisch „The House of Small Cubes“ heißt, ist ein japanischer Trickfilm von Kunio Katō aus dem Jahr 2008. Zart, und ein wenig traurig, auch wegen der Klaviermusik, die den Tauchgang begleitet.
      Auf Youtube (hier klicken) kann man sich den Kurzfilm ansehen.

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