26. März 2020: Magisches Denken

Heute muss ich mich kurz fassen, denn meine ToDo-Liste hat sich während der letzten Woche kaum verkürzt. Ich gehe jeden Tag laufen oder spazieren, und dabei fällt mir reichlich Neues ein, das mich von den älteren Einträgen auf meiner Liste wegbringt. Und jetzt wollte ich mich gerade an ein wichtiges aktuelles Projekt setzen, als mir ein Gedanke kam, den ich unbedingt hier festhalten muss. Denn er betrifft sowohl Corona als auch das (auto-)biografische Schreiben.

Es geht darum: Anfang März war nicht nur meine ToDo-Liste auf etwa dem heutigen Stand, auch der Kalender war voller Termine. Ich dachte oft: »Diesmal schaff‘ ich es nicht« und spielte mit dem Gedanken, diesen oder jenen lange angebahnten Termin abzusagen. Was ich natürlich auch nicht wollte. Ich sagte mir, dass es bisher immer irgendwie geklappt habe, das Schreiben und meine Veranstaltungen zu koordinieren. Es würde also auch diesmal klappen etc. Man kann sich das als dauerndes Hin und Her in meinem Hinterstübchen vorstellen, störendes Gemurmel, das ich abwechselnd mit Coltrane und »Ambient Music for Studying« übertönte.

Heute im Nachhinein, wo so viele Veranstaltungen, die mir am Herzen lagen, tatsächlich abgesagt wurden, drängt sich mir der Gedanke auf, dass es so kommen musste. Gleichzeitig mit den schmerzhaften Corona-Ausfällen fiel mein Stress-Level. Und jetzt, in einem anderen Flow, scheint es mir erst recht unmöglich, dass ich jemals geschafft hätte, was ich mir vorgenommen hatte. Wie bei der Strichzeichnung, die man genauso als Ente wie als Hase sehen kann, sodass die Wahrnehmung von einem zum anderen kippt, bringe ich meinen Stress und das Virus rückblickend in einen Zusammenhang. Die Krise ergibt Sinn: Meine Arbeitssituation hätte mich bald überfordert, also musste das Ganze irgendwann ein Ende haben.

Das ist magisches Denken: Die bloße Gleichzeitigkeit von Ereignissen wird als Ursache-Wirkungs-Beziehung gedacht.

Wenn ein Torwart einen wichtigen Elfmeter hält, könnte er das seinen Handschuhen zuschreiben. Dann wird er sie in Ehren halten und vielleicht wieder tragen, wenn ein entscheidendes Spiel ansteht. Maskottchen, Glücksbringer und schwarze Katzen von links …

Worauf ich hier hinaus will, ist etwas anderes: Wenn wir von unserem Leben erzählen, bringen wir häufig Ereignisse miteinander in Verbindung, die (mehr oder weniger) gleichzeitig passiert sind: Ich hatte diesen schrecklichen Chef und beschloss, mich selbstständig zu machen. Musste es nicht so kommen? Der Zusammenhang scheint klar zu sein. Aber hätte ich mich nicht ohne Chef ebenfalls selbstständig machen können? Was hatte der Mann wirklich damit zu tun?

Was folgt aus dieser luftigen Idee? Dass es die Mühe lohnt, den Zusammenhängen, die wir rückblickend feststellen, auf den Zahn zu fühlen. Dabei helfen Gedankenexperimente: Was wäre gewesen, wenn … Manchmal sagt das bloß Mögliche, das Irreale und Nicht-Geschehene mehr über uns aus als die vermeintlich eindeutigen Fakten.

Okay, jetzt aber wieder zurück zu meiner ToDo-Liste.

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