27. März 2020: Im Tunnel

Die Liebste musste sich heute einem medizinischen Routine-Eingriff unterziehen, fuhr aber trotzdem mit dem ÖPNV. Unser Auto steht noch in der Werkstatt. Sie berichtete von einer gespenstisch leeren Wiesbadener Innenstadt. Immerhin konnte sie ein gutes Croissant erwerben — das ist selbst in coronafreien Zeiten keine Selbstverständlichkeit. Ich tippte zu Hause in die Tasten, las — und sah ein kleines Licht am Ende des Tunnels.

Im Tunnel ließ ich mir die Kosten für eine Eintrittskarte zurückerstatten, schrieb in ein Internetforum, das ich als Ersatz für meinen VHS-Schreibworkshop ins Leben gerufen habe, sagte eine weitere Veranstaltung ab, und sah mir ein facebook-Konzert der fantastischen Dota Kehr an, die gerade auch nicht auf Tour gehen kann (hier ein kleiner Ausschnitt).

Im Tunnel suchte ich mir die Mittagszeit für meinen Waldlauf aus, weil da weniger Menschen unterwegs sind.

Im Tunnel freute ich mich sehr über Post: (1) Eine edle Lederhülle für variable Notizbücher (mit Monogramm wie auf der Bettwäsche von Oma Erna). (2) Das Buch eines Lektorats-Kunden, das nach Jahren endlich fertig und ganz prächtig geworden ist.

Dann las ich von dem Strategie-Papier, die für das Innenministerium erarbeitet wurde. In einem Artikel der Süddeutschen heißt es:

Die bei Weitem wichtigste Maßnahme gegen das Virus ist den Experten zufolge „das Testen und Isolieren der infizierten Personen“. Getestet werden sollten „sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen“. Die Fachleute hoffen, dass die Testkapazität in Deutschland „sehr schnell“ hochgefahren werden könne.

https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-tests-strategie-1.4858950, 27. März, 6:01 Uhr

In Südkorea habe man damit Erfolg, hieß es. Ich sah nach: Tatsächlich scheint Südkorea die Lage derzeit recht gut im Griff zu haben. Die Zahl der Infizierten steigt nicht mehr exponentiell, konnte wohl sogar (schon) konstant gehalten werden. Mit vielen Tests, so die Hoffnung, könnte man also das Virus gleichsam einkreisen und isolieren.

Bisher hatte ich Folgendes für das wahrscheinlichste Szenario gehalten: Man hält die Kontaktsperren aufrecht, bis die Exponentialkurve der Infizierten sich abflacht; dann lockert man sie für eine Weile, um das Leben (Schule!) und die Wirtschaft kurzzeitig mit Treibstoff zu versorgen. Und schließlich, rechtzeitig bevor die Krankenhauskapazitäten an ihre Grenzen kommen, geht man wieder für eine Weile auf Distanz. Off and on, bis endlich ein Impfstoff entwickelt wäre.

Die Südkorea-Strategie macht mir Hoffnung, dass es auch schneller gehen könnte. Und ohne dass das Ganze in absehbarer Zeit wieder von vorne losgeht. Die Testkapazitäten kräftig hochzufahren, das sollte doch in unserem High-Tech-Land gelingen. (Es geht ja nicht um Windräder.) Nur die Nutzung von Mobiltelefonen zur Ortung und Kontrolle der Bevölkerung, ein Teil der Praxis in Südkorea, wirft datenschutzrechtliche Probleme auf. Das ist meiner Hoffnung aber jetzt mal egal. Licht am Ende des Tunnels. Lieber Gott, lass es nicht, wie es in diesem alten BAP-Lied heißt, eine Panoramatapete sein.

3 Kommentare

  1. Hansjörg

    Lieber Herr Kappner,
    Ich beneide Sie sehr darum, dass Sie diese Bewegungsmöglichkeit haben; Sie können einen Waldlauf mache, etwas sehr Tolles und Gesundes, um u.a. das Immunsystem zu kräftigen.
    In Südtirol sind wir – wie im restlichen Italien – zu „Hausarrest“ verdonnert, müssen die Dringlichkeit nachweisen, wenn wir kontrolliert werden, und dürfen höchstens 200 bis 300 Meter um das Haus herumstrolchen. Ansonsten drohen Strafprozess und Geldbuße. Dabei wäre gerade der Aufenthalt bei guter Luft jetzt das Beste für den Körper.
    Der Wald wäre für mich in kurzer Zeit zu erreichen; doch das ist nicht zulässig. So bleibt mir halt Indoor: Qi Gong, Feldenkrais und Muskeltraining, und der Tag auf Balkonien. Freude, wenn wie heute die Sonne scheint.
    In Ihrem Tunnel gibt es viele Lichtblicke, unser Tunnel wird bald verlängert werden, und das Licht am Ende des Tunnels wird sich immer mehr entfernen.
    Freuen Sie sich Ihrer wertvollen Restfreiheit und genießen Sie diese.

    • Stefan Kappner

      Lieber Hansjörg,
      vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Erinnerung. Ich bin auch wirklich dankbar für die Bewegungsfreiheit, die wir noch (?) haben. Und doch fühlt es sich ein wenig an, wie in einem Tunnel, auch bei strahlendem Himmel, weil es weder rechts noch links gibt, keinen Abzweig und keine Abkürzung, nur ein Geradeaus. Bevor wir nicht raus sind, müssen wir die meisten Pläne hintanstellen.

  2. Anneliese

    Tunnel. Ein gutes Bild. Gestern Abend schaute ich einen Film im Fernsehen. In einer Szene standen mehrere Menschen beieinander und sprachen. Plötzlich zuckte es kurz in meinem Kopf: Die stehen ja viel zu dicht beieinander!?

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