#28 — Ein Buch, das ich noch habe

Im Laufe der Zeit kam vieles weg. Wer zwei oder drei Umzüge lang Bücher schleppt, ist bereit, selbst lange gehegte Schätze aus Kindheit und Jugend abzugeben. Manche landen bei Kindern und Enkeln, andere auf dem Grabbeltisch beim Wohltätigkeitsbasar oder in den anonymen Bücherschränken der Stadt. Doch eines oder zwei der ganz alten, ganz lieben Bücher ist bestimmt auch übrig geblieben.

Ein Kuriosum aus der Kindheit, ein faszinierendes Stück Karton? Ein Jugendbuch mit Figuren, wie wir gerne gewesen wären. Oder ein als Reclam- oder Suhrkamp-Band verkleidete Weltmaschine, die uns die Augen öffnete. Ein Buch, das Ihr ganzes Leben veränderte?

Schreibidee #28: Schreiben Sie von einem Buch, das Sie bis heute behalten haben, weil es für Ihr Leben wichtig war.

Hinweis 1: Stellen Sie nicht nur den Inhalt des Buches dar, sondern schreiben Sie auch von der Lebenssituation, in der Sie es gelesen (oder vorgelesen bekommen) haben. Und welche Bedeutung es für sie hat.

Hinweis 2: Sie können auch von einem Buch schreiben, das abhanden gekommen ist. Es muss nur wichtig gewesen sein.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

2 Texte

  1. Waltraud

    Kopfkino zur Schreibidee „Ein Buch das ich noch habe“:

    Im weiten bunten Märchenland
    „Oma, wer ist diese Frau?“, fragt mich meine Enkelin Sarah. Ich sitze mit ihr auf der Couch und will ihr das Märchen von Hänsel und Gretel vorlesen. Als wir zusammen das Buch aufschlagen, entdeckt sie die handschriftliche Widmung. „Der lieben Waltraud zu Weihnachten 1961 von Ihrer Frau Kaiser.“

    Bevor wir mit dem Märchen beginnen, sprechen wir jetzt erst einmal über mein altes Märchenbuch.
    Ich erkläre meiner Enkelin, dass Frau Kaiser im selben Haus wohnte wie wir. Sie hatte ein Zimmer neben uns und teilte sich die Toilette mit uns. Das ereignete sich in den fünfziger Jahren, wo Wohnungen noch äußerst knapp waren in unserer Stadt. Die achtzigjährige Frau Kaiser war fast wie eine Oma für mich. Trotzdem legte sie Wert darauf, dass ich sie siezte.

    Das Buch ist 60 Jahre alt. Der Buchdeckel ist gelb und zeigt einige bunte Bilder von Märchengestalten. Eine davon ist Dornröschen. Das Buch beherbergt sowohl Märchen als auch Fabeln. Im vorderen Teil sind die bekannten Märchen der Gebrüder Grimm und Hans Christian Andersen untergebracht und weiter hinten haben weniger bekannte Geschichten ihren Platz gefunden, zum Beispiel „Wie die Vögel einen König wählen“, ein malaiisches Märchen. Zu jeder Geschichte gibt es ein buntes Bild. Einige sind kleiner, andere füllen fast eine ganze Seite aus.

    Sarah liebt dieses Buch, genau wie ich es schon als Kind geliebt habe. Der Buchrücken aus Halbleinen hielt den Jahren nicht stand. Er wurde inzwischen mit grauem Klebeband überzogen, so dass das Buch nicht auseinander fällt. Es ist zusätzlich noch in eine durchsichtige Schutzfolie eingepackt. Trotzdem schauen einige Seiten heraus. Das sind die Blätter, die schon lose sind. Wenn man das Buch aufschlägt, sieht man, dass manche Seiten einen Riss haben. Es sind die Seiten mit den Bildern, die am meisten gelitten haben durch das viele Anschauen. An dem Papier nagt der Zahn der Zeit. Ganz deutlich kann man erkennen, dass das Märchenbuch schon von vielen Kindern geliebt wurde.

    Mein Bruder ist viele Jahre jünger als ich. Als er sich für Märchen interessierte, habe ich sie ihm daraus vorgelesen. Danach bekam das Buch eine Ruhezeit. Als unsere Kinder ins „Märchenalter“ kamen, begann für das Buch eine neue Blütezeit. Es wurde fast täglich zur Hand genommen.

    Als unsere Tochter auszog von zu Hause und ihre Sachen packte, wollte sie auch dieses Buch einpacken. Ich war nicht bereit, es herzugeben. Zwischen den Seiten kann ich so viele Erinnerungen aus meiner Kindheit finden. Da gibt es noch die Postkarte von meinem Vater, die mich im Landschulheim erreichte, auf der geschrieben steht: „Dein Bruder vermisst seine Märchentante und freut sich, dass Du bald wieder nach Hause kommst.“ Mein Vater nahm nur ganz selten einen Stift zur Hand und diese Karte ist eine kostbare Erinnerung an ihn.

    Für meine Tochter fand ich auch eine Lösung. Ich begann im Internet nach dem Buch zu suchen und konnte hier und da etwas darüber finden. Ich setzte es auf die Suchliste bei Antiquariaten und hatte tatsächlich nach einigen Monaten Erfolg damit. Zur Hochzeit meiner Tochter konnte ich ihr dieses Buch schenken. Es war weit besser in der Qualität als mein eigenes.

    Meine Enkelin kuschelt sich näher heran an mich und ich beginne endlich, die Geschichte von Hänsel und Gretel vorzulesen.

    • Stefan Kappner

      Liebe Waltraud,
      vielen Dank für Ihre Reminiszenz an ein Märchenbuch. Für so viele Leser und Schreibende hat alles mit einem Märchen angefangen.
      Man spürt, wie viel Ihnen das Buch bedeutet, und auch die Idee, etwas von der Faszination weiterzugeben, die zwischen abgenutzten Buchdeckeln steckt. Ein Hoch auf alle „Märchentanten“. Und „Märchenonkel“ natürlich.

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