29. April 2020: Undertourism

Rathaus von Bad Karlshafen

Ich war unterwegs. Meiner Tochter hatte ich den alten Eichenholz-Schreibtisch geschenkt, den ich durch einen höhenverstellbaren ersetzt hatte. Nun musste er auch nach Braunschweig kommen, wo sie ab heute wieder studieren (und vor allem: leben) möchte. Zusammen mit einigen Kleidern und Utensilien ergab das eine Wagenladung.

Gestern um 14 Uhr fuhren wir los, erst durch den Taunus bis Ober-Mörlen, dann auf die A5 und aufs Gas. Wenn wir früher nach Kassel oder Erfurt unterwegs waren, schafften wir es nur ganz selten ohne Stau. Diesmal war die Autobahn dem Verkehr angepasst. Trotz enorm vieler Baustellen. Die Raststätten, schon immer unwirtliche Plätze, sind nun wortwörtlich unwirtlich, das heißt ohne Wirt. Im Knüllwald sah ich von außen Stühle auf den Tischen. Nur die Tankstellen mit ihrem kargen Angebot an Chips und Getränken waren geöffnet, die „Sanifair“-Toiletten machten zum ersten Mal ihrem Namen Ehre: Dass das Drehkreuz geöffnet ist und die Benutzung kostenlos, soll der Gesundheit dienen. Irgendetwas, was an der Wand hing, war mit blauer Folie überklebt. Der elektrische Händetrockner?

Nach gerade einmal vier Stunden kamen wir in Braunschweig an. Ein Jammer, dass die Restaurants geschlossen hatten. Sonst hätten wir uns, nachdem wir den Schreibtisch nach oben getragen hatten, einen netten Abend in der Stadt machen können. Auf jeden Fall mit Pommes! So waren wir auf die nächstgelegene Pizzeria verwiesen, die auch auslieferte — und zum Glück ganz vorzügliche Pizza backt. Danach guckten wir »Ocean’s 8« (nicht zu empfehlen) und ich machte es mir auf der Schlafcouch gemütlich, nun ja, ich versuchte es.

Am nächsten Morgen, schiefgelegen, schritt ich zu jenem Supermarkt, von dem mir meine Tochter schon viel erzählt hatte. Ihr »erster Supermarkt«, auf den sie ziemlich stolz ist. Der »echte« Mundschutz, den ich trug, ließ meine Brille beschlagen, weshalb ich mich zunächst nur schwer zurechtfand. Ich modifizierte meine Atemtechnik, dann ging es ganz gut. Es handelte sich ja nur um ein paar Frühstückssachen. Später merkte ich, dass ich die Maske offenbar falsch herum getragen hatte. Nein, nicht auf links, sondern so, dass die verstärkte Seite, die das Andrücken an den Nasenrücken ermöglicht, nach unten zeigte, mir also nichts half. Ich verwendete die automatischen Kassen, wovon es einige gab. Einerseits praktisch, gerade in diesen Zeiten, andererseits ein weiterer Schritt in die Anonymität. Immer mehr Gesprächsanlässe werden wegautomatisiert. Und mehr »unqualifizierte« Arbeitsplätze. Ehrlich gesagt, ist es mir ein Rätsel, warum es trotzdem noch so viele davon gibt.

Nach dem Frühstück verabschiedete ich mich. Zwei Seufzer, einer der Wehmut, einer der Erleichterung, dann war ich weg. Zusammen mit dem Akkuschrauber, den ich im November vergessen hatte. Ich tankte und wieder ging’s auf die Autobahn. Der Diesel kostete übrigens knapp einen Euro. Der niedrigste Preis, den ich im Laufe des Tages sah, lag bei 94 Cent! Angebot, Nachfrage und die chaotische Politik der Ölerzeugerstaaten machen es möglich. Eigentlich müsste man die Mineralölsteuern jetzt anheben, als Corona-Soli — autsch, ich höre schon die Proteste der Auto-Lobby.

Nun war ich frei und hatte den Tag vor mir. Ich war schon so lange nicht mehr unterwegs gewesen, dass ich auf der Rückfahrt nicht ohne Zwischenstopp auskam. Ich beschloss, ein Städtchen zu besuchen, über dass ich vor längerer Zeit ein kurzes Radiofeature gehört hatte: Bad Karlshafen an der Weser. Zwischen Göttingen und Paderborn liegt es doch in Hessen. Es ist tatsächlich die nördlichste Gemeinde unseres Bundeslandes. Auf Deutschlandfunk war, während ich sie über Adelepsen (Niedersachsen) und Gieselwerder (Hessen) anfuhr, von Ferienhäusern und -wohnungen in Mecklenburg-Vorpommern die Rede, die zunächst, nach einem Beschluss der Ministerpräsidenten, nur von Bewohnern des eigenen Bundeslandes angemietet werden könnten. Wenn wir also nicht nur in Deutschland, sondern sogar in Hessen Urlaub machen müssten, dachte ich mir, wäre Bad Karlshafen der Ort, der so weit von zu Hause entfernt wäre wie gerade noch zulässig.

Grund für meine Neugierde war, dass Bad Karlshafen einst über einen kleinen Hafen in Stadtmitte verfügte, der nun wiederbelebt werden soll. Er befindet sich, wenn die vom Bund geförderte Städtebaumaßnahme gefruchtet haben wird, genau dort, wo in anderen Bädern der Kurpark liegt. Umrahmt von Kurhotels, Restaurants und Cafés, die einem einheitlichen Bauprinzip folgen. »Die Stadtanlage im Stil des Weserbarock mit symmetrisch angelegten Straßenzügen ist in weiten Teilen eindrucksvoll erhalten«, heißt es auf Wikipedia. Mehr oder weniger gut erhalten, würde ich schreiben, und auf eine Art eindrucksvoll, als stünde ein römischer Tempel mit fast allen Säulen plötzlich auf einer Waldlichtung im Taunus. Man wird, ohne etwas zu wissen, sogleich zum Historiker.

Im Radiobeitrag ging es um den möglichen wirtschaftlichen Aufschwung in der hessischen Enklave, der durch Schiffstourismus angeregt werden solle. Ich stelle es mir wirklich nett vor, auf der Weser herumzufahren, um nach etwas zu viel Sonne und einer kurzen Abkühlung im Wasser in den kleinen Kanal einzubiegen, der nach geschätzt weniger als hundert Metern direkt in den Kurbereich des Solebads mündet, zwischen Rathaus, Hugenottenmuseum und dem Restaurant-Hotel »Zum Schwan«. Mondän genug für die, die es sich locker leisten können und locker sitzen haben? Da bin ich kein Experte. Etwas aus der Zeit gefallen war nicht nur das Städtchen, sondern auch meine Parkmethode, an der Bundesstraße direkt vorm Eissalon Cortina. Ich schaute und vergewisserte mich: kein Schild verbot es.

Weil es zu nieseln aufgehört hatte, spazierte ich zwei Runden ums leere Hafenbecken. Eine Gaststätte pries Hamburger an. Ich hatte reichlich Appetit (zu viel und zu süß gefrühstückt), so dass ich sogar einen unvegetarischen probiert hätte. Nein, erst nach 18 Uhr, beschied man mir. Auch das benachbarte Restaurant bot seine Schnitzel erst für den Abend an (so weit wäre ich ohnehin nicht gegangen.) Was blieb, war nur die Bäckerei. Ich kaufte ein belegtes Brötchen und einen Berliner mit roter Marmelade, lief zum Weserufer und setzte mich auf die Stufen eines weiteren geschlossenen Restaurants. Genauer: Auf die Stufen des mit weiß-rotem Flatterband abgesperrten Biergartens.

Im Radio war viel vom Tourismus die Rede gewesen, auch von den Problemen, die allzu beliebte Reise-»Destinationen« in den letzten Jahren damit gehabt hatten, sich des Ansturms zu erwehren. Jetzt den Fremdenverkehrsbeauftragten von Meck-Pomm zu fragen, ob er sich in die Zeiten des »Overtourism« zurücksehne, fand ich etwas billig. Mir rief die Frage in Erinnerung, wie verrückt die Welt in den letzten Jahren unterwegs gewesen war. Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter: Immer war Saison. Und für jede Altersgruppe fand sich das passende Fortbewegungsmittel. Kurztrip nach New York, Kreuzfahrt nach Dubrovnik. Zu Hause wird der Vorgarten mit Steinen beschwert, so sieht er auch nach drei Wochen Balearen wie vor der Reise aus. In Deutschland quadratisch-praktisch-gut, damit die zum Zweck der Fotosafari ausgestellte Landschaft umso »unvergesslicher« ins Album scheint. Warum fährt man so viel herum und muss so viel gesehen haben? Die meisten Urlaube sind doch weder Bildungs- noch Erholungsreisen. Ist es so, dass man in Bewegung die eigene Bewegungslosigkeit besser vergessen kann? Bräuchte man wirklich »Destinationen« im Leben, wenn man ein Ziel hätte?

Einen Bruchteil der Touristen möchte auch der Bad Karlshafener Fremdenverkehr für sich gewinnen. Während ich an seinem geschlossenen Büro mit »Soleprodukten« im Schaufenster vorbei gehe, denke ich im aufblitzenden Sonnenschein über Venedig, Florenz und Neapel nach, die jede*r gerne sähe, bevor er*sie stirbt, über den Louvre und die Neue Frankfurter Altstadt. Und über Weimar, das ich im Frühjahr 1990 zum ersten Mal besuchte. Damals gab mir unsere Gastgeberin ein belegtes Brötchen mit, im Fall dass keine Gaststätte zu finden sei. Widerwillig nahm ich es an. Wir streiften durch die verwunschene Altstadt, vorbei an Goethes Frauenplan, zum Schloss und durch den Park an der Ilm — und tatsächlich schien den ganzen Tag über Mittagspause zu sein. In dieser Erinnerung ist Weimar menschenleer (einige müssen dagewesen sein), bis auf diesen Kellner beim »Gastmahl des Meeres«, der ab 17 Uhr vielleicht noch einen Tisch für uns gehabt hätte. Also setzten wir uns auf eine Bank und aßen dankbar unsere Brötchen. Ach, leere Städte, in denen niemand außer Einwohnern wohnte. Städte, die sich widerwillig entdecken ließen. Ohne Tourismuskonzept und komplizierte Systeme von Sammeleintrittskarten für 7 der 11 vorhandenen Museen (Sonderausstellungen ausgenommen). Ohne QR-Codes an jedem Baudenkmal.

Vorschlag zur Güte: In Zukunft fahren wir nur alle zwei Jahre in Urlaub. In den geraden Jahren die mit den Nachnamen von A-M, in den ungeraden die von N-Z. Die anderen dürfen jeweils nur in ihrem eigenen Bundesland übernachten. Das machen wir so lange, bis Venedig seine Schäden repariert hat. Oder bis sie ein zweites Venedig gebaut haben. Oder am besten: eine zweite Erde. Als ich ins Auto stieg, begann es gerade wieder zu regnen.

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