3. April 2020: Im Bauch des Wals

Jona im Bauch des WalsJona im Chludow-Psalter, einer byzantinischen Handschrift aus dem 9. Jhd.

Vom Hölzchen aufs Stöckchen kommen ist das Funktionsprinzip des Internets. Fachmännisch ausgedrückt: Hyperlinks. Müde von meinem Tagewerk klickte ich mich durch — und fand etwas Schönes.

Austin Kleon ist ein amerikanischer Kreativitäts-Spezialist. Er hat die Newspaper-Blackout-Gedichte erfunden, schreibt knackige Ratgeber für alle, die Künstler werden wollen (auch Lebenskünstler), und kennt viele interessante Tipps zur amerikanischen Literatur und (Pop-)Kultur. Wöchentlich freitags schreibt er einen Newsletter mit 10 (mehr oder weniger) interessanten Einträgen, den ich seit Jahren lese. Heute hieß dieser Newsletter „Things to do in the belly of the whale“, und ich fühlte mich sofort angesprochen.

Im Bauch eines Wals unterwegs zu sein scheint mir eine gute Metapher für unsere gegenwärtige Situation zu sein. Wie sich herausstellte, stammt sie nicht von Kleon selbst, der sie mit seinem guten Gespür in eine Text-Bild-Collage umsetzte, sondern vom amerikanischen Lyriker Dan Albergotti. Es ist der Titel eines Gedichts aus dem Jahr 2015, das ich — weiterklickend — auf The Writer’s Almanac lesen und hören konnte.

Ich erlaube mir, es hier wiederzugeben, und auch gleich zu übersetzen (denn ich habe keine deutsche Übersetzung gefunden).

Things to Do in the Belly of the Whale
Measure the walls. Count the ribs. Notch the long days.
Look up for blue sky through the spout. Make small fires
with the broken hulls of fishing boats. Practice smoke signals.
Call old friends, and listen for echoes of distant voices.
Organize your calendar. Dream of the beach. Look each way
for the dim glow of light. Work on your reports. Review
each of your life’s ten million choices. Endure moments
of self-loathing. Find the evidence of those before you.
Destroy it. Try to be very quiet, and listen for the sound
of gears and moving water. Listen for the sound of your heart.
Be thankful that you are here, swallowed with all hope,
where you can rest and wait. Be nostalgic. Think of all
the things you did and could have done. Remember
treading water in the center of the still night sea, your toes
pointing again and again down, down into the black depths.

“Things to Do in the Belly of the Whale” von Dan Albergotti, in: The Boatloads. © BOA Editions, Ltd., 2008.

Was man im Walbauch tun kann
Vermesse die Wände. Zähle die Rippen. Kerbe die langen Tage.
Lug durchs Atemloch nach blauem Himmel. Entzünde kleine Feuer
mit den Resten von Fischerbooten. Übe Rauchsignale.
Rufe alte Freunde und lausche nach Echos entfernter Stimmen.
Ordne deinen Kalender. Träume vom Strand. Suche in jeder Richtung
nach einem schwachem Lichtschein. Arbeite an deinen Berichten. Überprüfe
jede der zehn Millionen Entscheidungen deines Lebens. Ertrage Augenblicke
des Ekels vor dir selbst. Suche den Beweis deiner Vorgänger.
Zerstöre ihn. Versuche, ganz still zu werden und lausche auf das Geräusch
des Getriebes und der Wasser. Hör auf den Klang deines Herzens.
Sei dankbar hier zu sein, geschluckt mit allen Hoffnungen,
wo du ruhen kannst und warten. Sei wehmütig. Denke an
alles, was du getan hast und was du hättest tun können. Erinnere dich
ans Wassertreten inmitten der unbewegten See bei Nacht, deine Zehen
zeigten wieder und wieder hinab, hinab in die schwarzen Tiefen.

(Wenn man dem biblischen Bezug folgt, kann man noch weiter denken: Wie stürzten wir ins Meer — und wohin sollen wir, wenn uns der Wal wieder ausspuckt?)

2 Texte

  1. Frank Nussbücker

    Stark. Hast mir den Morgen gerettet. Kann jetzt aufstehen und mein Tagwerk beginnen. Eisern Dein Kollege Nussi

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