3. Juni: N.N.

Black Lives Matter

Seit Tagen habe ich keine Lust, darüber zu schreiben, was wir gerade in der Coronakrise erleben. Das bloße Wort »Corona« kann ich nicht mehr hören, es hört sich mittlerweile an wie »Opel-Rettung« oder »PKW-Maut« — zu oft wiederholt, ohne dass sich an seinem Informationsgehalt etwas geändert hätte.

Dabei sieht es gar nicht schlecht aus. Die Reproduktionszahl R bleibt unter 1, jeden Tag erholen sich in Deutschland mehr Menschen vom Virus als sich neu anstecken. Die Fallzahlen sind so niedrig, dass ich mich ab und zu dabei ertappe, wieder einmal alles für übertrieben zu halten. Ein neuer Wert betrat die Bühne, der Dispersionsparameter k, der die Streuung der Reproduktionszahl R misst. k scheint beim Corona-Virus recht klein zu sein, damit die Streuung groß. Und das wiederum heißt, dass nur wenige Infizierte hohe Reproduktionszahlen zeigen, oder anders: nur wenige Infizierte stecken viele andere an. Genauer kann man sich das von Christian Drosden erklären lassen.

Charmant an dieser Hypothese ist, dass sie gut zu dem Eindruck passt, den die häufige Nennung weniger Hotspots in den Medien hinterlässt. Ich denke an Ischgl, Heinsberg und die Frankfurter Baptistengemeinde. Wenn nur wenige sogenannte Superspreading-Events für viele Infektionen zuständig sind, reicht es vielleicht, größere Veranstaltungen auszusetzen, wohingegen man im Alltag etwas entspannter sein kann. Mit Mundschutz natürlich. Und wenn doch ein »Ausbruch« vorkommt, müssen die Behörden schnell reagieren.

Problem ist nur: Schulen und Universitäten sind Großveranstaltungen. Und 4/5 meiner Familie haben damit zu tun.

Vielleicht deshalb, oder vielleicht einfach, weil Corona schon so lange nervt, möchte ich mich am liebsten gar nicht mehr damit befassen. Denn es droht N.N., die »neue Normalität«. Mundnasenschutz überall. Unentspannte Veranstaltungen in der VHS, bei denen man in den Pausen sitzen bleibt und keinen Kaffee aufbrühen kann. Keine Konzerte, nur wenige Bandproben, zu merkwürdige Gottesdienste (die selbst Jesus keinen Spaß machen würden), keine Umarmungen, wenn man sich trifft, und das am besten in Zweierteams und draußen. Ich zähle das alles noch einmal auf, obwohl es schon jeder weiß. Inzwischen fühlt es sich an, als ginge man mit Gummibändern an den Beinen umher oder bewege sich in einer zähen Flüssigkeit. Alles ist ein bisschen anstrengender und macht ein bisschen weniger Spaß.

Und dann die Ungewissheit. Als Macron Lockerungen verkündete, haben wir den Meck-Pomm-Reiseführer wieder weggeräumt und »Cool Camping France« rausgeholt. Nun wieder Bretagne, hoffentlich bleibt es dabei. Ob wir die Fähre für einen kurzen Irland-Abstecher benutzen können, wissen wir noch nicht. Und eben auch nicht, wie es mit Schule und Unis weitergehen wird.

Als die letzten Lockerungen beschlossen wurden, startete unsere Zeitung eine Umfrage auf Instagram: »Was werdet ihr am Lockdown vermissen?« Einige der Antworten konnte ich nachvollziehen: Ruhe in den Städten, die klare Luft, Knoblauch (obwohl das mehr für meine feinschmeckerische Frau zutrifft), weniger Alltagsstress/Auf-die-Uhr-schauen-müssen. Doch vor allem wurde mir klar, dass man den Wechsel braucht, um etwas wertschätzen zu können. Den perfekten Zustand gibt es nicht, jedenfalls nicht für mich. Das Glück ist kein Zustand, sondern eine Welle, Harmonie im auf und ab. Ying und Yang, wenn man so will. Dabei muss man sich das bekannte Zeichen mit einer leichten Rotation vorstellen. Und die Drehrichtung sollte sich manchmal ändern, am besten unregelmäßig.

Diese N.N. kommt mir nicht wie ein Wechsel vor. Man versucht, zu lockern und die Bewegung zugleich zu kontrollieren, wie bei einer verkrampften Turnübung. Dass dabei viel Energie verlorengeht, merkt man an der Kurzatmigkeit, mit der in Berlin nun über ein Konjunkturpaket geredet wird. Die Luft hinterm Mundschutz ist knapp, also fallen den müden Hirnen nur die alten Rezepte ein. Ökologischer Umbau Fehlanzeige. Statt dessen wieder Autos und Konsum. Dem Staatsballon geht die Puste aus, also wirft er das Geld schnell ab, anstatt sich über eine sinnvolle Verwendung Gedanken zu machen. Entweder nach links in die privaten Haushalte oder nach rechts hinter die Zäune der Unternehmen.

Im Radio hörte ich von den wiedereröffneten Museen. Der Reporter stand allein im Schloss Wilhelmshöhe und genoss es ein bisschen, fünf Minuten ungestört vor einem Rembrandt stehen zu können. Auf der Kasseler Fußgängerzone fragte er die Leute, ob sie Angst davor hätten, sich im Museum anzustecken. Nein, Angst hatte keine*r. Trotzdem steigen die Besucherzahlen nur langsam. Ich nehme an, weil viele auch im Museum diese zähe Flüssigkeit spüren. Weil die Gesichter der Menschen verdeckt sind, und viele beobachten lieber Gesichter als Rembrandts Pinselstriche. Weil sie, wie ich, möglichst nicht ständig erinnert werden möchten an diese N.N.

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