30. März 2020: Do-It-Yourself

Wollte die Hausfrau der 50er-Jahre ein neues Kleid, musste sie es sich nähen oder eine Schneiderin damit beauftragen. Die meisten Menschen auf dem Land und viele in der Stadt besaßen einen Garten, aus dem sie sich selbst mit Obst und Gemüse belieferten. Und es einkochten. Die Vorteile dieser Art von Selbstversorgung liegen auf der Hand — und die Nachteile auch.

Was ich schade finde, ist weniger, dass es keine Hausfrauen (wie meine Mutter, ich verkneif‘ mir das Smiley) mehr gibt, als dass wir mit diesen Notwendigkeiten auch das Wissen verloren haben, wie es geht. Und die Fertigkeiten, es zur rechen Zeit zu tun. Ich staune und freue mich jetzt schon das zweite Jahr, wie unser russischsprachiger Mitbürger den Schrebergarten neben unseren Grundstück bewirtschaftet und auf Vordermann bringt. Jetzt wächst was immer man sich denken mag vor dem frisch gestrichenen Häuschen, und die Hühner gackern und verirren sich schon mal zu uns. Das ist etwas anderes als die Steinvorgärten und pseudoenglischen Rasenflächen, die mehr Kulisse sind als Lebensraum, oder höchstens Abstandhalter.

Leider kann ich mit meinem kümmerlichen Kräutergärtlein auch nicht prahlen. Mein Gärtnerstolz versteckt sich unter den Blättern der Stockrosen, die in diesem Winter nicht erfroren sind, und die ich — jetzt fällt es mir ein — bald einmal gießen sollte.

Vom Nähen habe ich auch keine Ahnung, aber zum Glück bin ich nicht allein in der Familie. Und bin froh, dass meine sämtlichen Töchter nähen können. D.h. die Nähmaschine bedienen. Meine Mutter besaß nicht nur den grünen Daumen, der aus Liebe und täglicher Aufmerksamkeit besteht, sondern war auch Näherin von Beruf und brachte es meiner Schwester bei, die es bei manchen Besuchen ganz selbstverständlich auch den Kindern schmackhaft machte. Und gerade jetzt im Januar haben wir uns eine neue Nähmaschine gekauft.

Zum Glück ist dieses Wissen also nicht verloren gegangen. So konnte sich eine Tochter gestern die Langeweile vertreiben, indem sie Atemschutzmasken für das hiesige Altenheim nähte. Auch meine Schwester nähte mit, sobald sie per Kurznachricht informiert worden war. Plötzlich tauchte in manchen Bereichen ein Mangel auf, der sich nur mit Wissen und Können schließen lässt — und nicht wie üblich mit dem ach so bequemen Zücken des Portemonnaies. (Meine Frau kaufte eine Atemmaske in der Apotheke, die sie unserer Putzhilfe anbieten will, für sage und schreibe 15 €. In der Tagesschau von gestern hieß es, der Einkaufspreis für hochwertige Schutzmasken habe Mitte Februar noch bei 45 Cent gelegen, sei vierzehn Tage später aber schon auf 13,52 € geklettert. Ist das noch Markt oder schon Wucher?)

Ich wünsche mir, dass die Erdbeeren in den Supermärkten knapp werden (aber bitte nicht wegen einer neuen Krankheit). Dann lernen wir vielleicht wieder, wie man sie anpflanzt und pflegt. Und wie sie dann schmecken. Im ersten Jahr ginge es wohl noch daneben, aber wir wären motiviert.

P.S.: Die Zeitschrift »Das Gedicht« bzw. ihr Online-Forum bringt einen Blog mit (selbstgemachter) tagesaktueller sogenannter »Lockdown-Lyrik«. Ein spannendes Experiment, wird Lyrik doch sonst eher mit zögerlichen, sprachlich sensiblen Minimaläußerungen in Verbindung gebracht als mit dem Gewusel des Tages.

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