#32 — Und dann war Schluss!

Manchmal ist eine Grenze überschritten, hinter der es nicht mehr weitergeht.
Die Belastung ist zu groß, die Langeweile unerträglich: Jetzt muss Schluss sein. Manche dieser »Enden« in unserem Leben planen wir mit kühlem Kopf, von langer Hand. Andere überraschen uns selbst, nach einem schlimmen Abend, einer Enttäuschung oder einer unverschämten Bemerkung sagen wir: Jetzt ist Schluss!
Und dann sind wir froh, dass die überfällige Trennung von Mensch, Job, Ort oder Gegenstand endlich vollzogen ist.
Oder müssen wir es später bereuen?

Schreibidee #32: Schreiben Sie die Geschichte eines geplanten oder eines ungeplanten Endes in Ihrem Leben.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

3 Kommentare

  1. Cordula

    Und dann war Schluss!

    Einen anstehenden Umzug im Blick dachte ich, mal ausmisten zu müssen. Alten Kram weggeben. Anderen vielleicht noch eine Freude machen. Deckel von Kisten lupfen, unter die man Jahrzehnte nicht geschaut hatte. So stand ich auf dem Dachboden und staunte, dass ich doch mehr Spielzeug aufgehoben hatte, als mir in Erinnerung war. Da gab es die Kiste mit alten Kassetten, Matchboxautos ohne Ende, die Dardabahn und jede Menge andere Spielsachen. Wir hatten keine Kinder bekommen, die Nichten und Neffen waren aus dem Alter schon raus, also griff ich beherzt zur Kamera, fotografierte in die Kisten rein und stellte die Bilder auf eine facebook-Flohmarkt-Seite. „Zu verschenken“ — das zog doch immer. Und tatsächlich waren innerhalb einer halben Stunde alle Sachen reserviert. Ein Mann holte noch am selben Abend ungefähr die Hälfte ab. Zwei Tage später wollte eine Frau vorbeikommen, die in einem Kindergarten arbeitete. Als ich die Sachen für sie die Treppe runtertragen wollte, entdeckte ich hinter der hinteren Kiste noch einen ausgebeulten, weinroten Ikea-Karton, auf dem mit hastiger Schrift „Kuscheltiere“ stand. Den hatte ich zuvor glatt übersehen. Ich schaute hinein: Zuoberst mein alter Teddy aus Kindertagen, ich drückte ihn direkt an mein Herz. Er roch leicht muffig und gleichzeitig nach allem, was mein Kinderleben ausgemacht hatte. Über 40 Jahre hatte er auf seinem Bärenbuckel. Der muss bei mir bleiben! Ich legte ihn in den Schrank zur Weihnachtsdeko, um bald einen neuen Platz für ihn zu suchen. Der Rest der Kiste bestand aus Tieren mit wenig emotionaler Verbindung zu mir, eher aus der Teenager- oder jungen Erwachsenenzeit. Die konnten wirklich alle weg. Sie waren kaum beschmust, alle irgendwie witzig, drollig oder sogar nützlich — oder wie würden Sie einen großen Gromit nennen, in den man eine Wärmflasche hineinstecken kann?! Darüber würde sich der Kindergarten genauso freuen wie über die Autos!

    Es klingelte an der Tür, mich strahlte eine Frau an, bedankte sich „so, so sehr“ und nahm alles gerne entgegen – „nur … äh … also … nein“, Kuscheltiere gingen gar nicht: „Wir haben doch im Kindergarten“, ihre Stimmer wurde leiser, „immer wieder Läuse!“ Ach, du je! Nein, damit sollten sich die alten Tiere wirklich nicht anstecken. So drückte ich den Deckel wieder auf den Ikeakarton und beschloss, ihn mit zur Arbeit zu nehmen. In der Kinderbetreuung würde man sich darüber schon freuen! Nächsten Morgen trug ich die Tierchen in ihrer Kiste in den Kofferraum meines Autos und staunte nicht schlecht, wie groß sie in dieser Enge wirkte. Zehn oder elf Tiere hatte ich gezählt – in allen möglichen Größen.
    Am nächsten Tag sah ich mittags vom Bürofenster aus meine Lieblingssozialpädagogin der Betreuung, flitzte sofort zu ihr auf den Parkplatz, strahlte sie an, erzählte diese Geschichte und öffnete dabei meinen Kofferraum und die rote Kiste. Sie quietschte beim Anblick des süßen Gromits, aber „leider, leider“ bestehe ja auch dort in der Betreuung das Läuseproblem, und so dankte sie mir für die liebe Idee, wollte aber kein einziges der Tiere mitnehmen, nicht einmal um sie zum Beispiel an die Flüchtlingskinder zu verschenken, die ja sicher kaum eigenes Spielzeug haben würden. Also drückte ich den Deckel wieder auf die Kiste, schlug den Kofferraum zu und vergaß über die nächsten Tage beinahe, dass da noch etwas drin war, das ich gerne loswerden wollte. Vor drei Tagen lud ich dann kurzerhand meinen Wocheneinkauf auf die Rückbank, da **huch** der Kofferraum ja noch besetzt war und freute mich gestern früh, als ich zu meiner Schwägerin aufbrach, die in einer Waldorfschule arbeitete.
    Dort – so war ich mir sicher – würde man sich sicher über die Kuscheltiere freuen. Schließlich filzte man da auch im Unterricht. Und wenn sich das mal nicht mit Kuscheltieren vertrug! Läuse sollten hier also kein Problem darstellen. Ich mache es kurz: Meine Schwägerin verliebte sich persönlich in eine Ente, die wir also aus der Kiste herausnahmen. Den Rest hatte ich 150 Kilometer später noch immer im Kofferraum.

    Ich brach mit einem Kollegen zu einer Fortbildung auf, zu der wir einen Koffer mit voller iPads, Ladestation und so weiter in meinen Kofferraum packen wollten.
    Wo war denn eigentlich SEIN Auto? Musste ich ihm jetzt wirklich diese Kuscheltiere zeigen? Dummerweise fuhr ich auf meiner Rückbank seit Samstag auch noch eine große Kohlezeichnung durch die Gegend, die abfärbte, wenn man sie berührte, so dass ich entweder das Bild oder die Tiere rauswerfen musste, um die iPads transportieren zu können. Nun ja, die Tiere wollte ich ja sowieso loswerden. So setzte ich sie kurzerhand auf dem Parkplatz aus: Unter einem Vordach arrangierte ich sie zu einer attraktiven Gruppe Obdachloser, der man sofort eine neue Heimat schenken möchte: Ein Nilpferd, zwei weitere Enten, Löwe, Hund, Kuh, Schwein und ein kleiner Elefant kuschelten sich zusammen in die Türnische, an dessen Klinke Gromit baumelte, während mein Kollege und ich lachend in mein kleines Auto stiegen und uns ausmalten, wer wohl welches Tier mitnehmen könnte.

    Ehrlich gesagt rechne ich jedoch fest damit, dass sie mich morgen früh in der Dunkelheit ALLE wieder begrüßen werden, wenn ich auf den kleinen Parkplatz bei der Arbeit fahre.

  2. Stefan Kappner

    Liebe Cordula,
    vielen Dank für Ihre amüsante Geschichte, bei der nie so ganz Schluss zu sein scheint. „Die Kuscheltiere, die ich rief“ könnte sie auch heißen. Waren es bei den Waldorfs auch die Läuse oder gab es weltanschauliche Schwierigkeiten? Unter dem Vordach kommen mir die Tiere auch ein wenig vor wie eine Gruppe aus Bremen, zwar stumm statt musikalisch, die niemand mehr haben möchte. Und — meine Assoziationsmaschine läuft — ich denke an Funny van Dannen, der einmal dichtete:

    Johnny war ein Butterkeks, er glaubte an die Liebe
    Doch er wurde aufgegessen, das tat weh!
    Heidi war ein Wohnmobil, sie wollte in die Berge
    Aber ihre Eigentümer fuhren an die See
    Die Dinge sind verzweifelt, das Leben ist nicht fein
    Ein Keks kann nicht weinen und ein Wohnmobil nicht schreien
    Die Sachen sagen leise „seid bitte fair!“
    Sonst hau’n wir alle ab und euer Leben wird sehr schwer!
    (Refrain)
    1000 Dinge brauchen Liebe
    1000 Dinge wollen glücklich sein
    1000 Dinge sagen bitte
    Könnt Ihr vielleicht einmal aufmerksam sein?

  3. Cordula

    Danke für die Antwort! Ich war sehr aufmerksam und habe die Bitte gehört: Alle sitzen wieder in der roten Schachtel in meinem Kofferraum. Alle? Nein, ich glaube, der Elefant fehlt. … wenigstens einer.
    Bei Waldorfs waren es am ehesten ein ungünstiger Moment, schlechtes Licht, Kälte rund um den Kofferraum, eine überfüllte Wohnung mit vielen Partyresten … und vielleicht, ja vielleicht auch die Läuse!

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