4. Mai 2020: Wir Ausflügler

Wir fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn

In Rheinland-Pfalz, so lasen wir und mit uns viele andere, durften die Tierparks schon öffnen. Der Hochwildschutzpark Hunsrück in Rheinböllen hatte am gestrigen Sonntag nicht nur geöffnet, sondern lud auf seiner Homepage auch ausdrücklich zum fröhlichen Parkrundgang ein. Jetzt, wo ich es nachlese, steht dort auch: »Bitte rechnet am Einlass mit Wartezeiten!«

Am 29. April hatte ich ein wenig über Over- und Undertourism nachgedacht. Nun erlebte ich, nach einstündiger Fahrt, eine Situation, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ. Im Hochwildschutzpark herrschte Festivalstimmung. Genauer gesagt: nicht im Park, sondern auf dem Parkplatz davor, der samt Überlauf, diversen Seitenstreifen und kreativen Zusatzparkmöglichkeiten rappelvoll war. Nicht alleine Familien mit kleinen und größeren Kindern, auch Paare und ältere Leute waren unterwegs, als hätten sie sich seit Jahren nichts sehnlicher gewünscht, als einmal wieder Waschbären, Hirschziegenantilopen und Mufflons zu sehen.

Dieser Tierpark ist tatsächlich recht schön und vor allem weitläufig, darum entschlossen wir uns zu der relativ weiten Fahrt. Als wir sahen, dass es vom Ende der Schlange bis zum Eingangshäuschen, in dem überforderte Angestellte versuchten, die Massen abzufertigen, noch etwa 50 Meter maß, waren wir uns allerdings schnell einig, aufzugeben. Das letzte Wort hat in solchen Fällen unsere Tochter. Sie schüttelte gleich den Kopf und ließ sich darauf ein, ersatzweise ans Rheinufer nach Bacharach zu fahren.

Wir gehören sicher zu den aktiveren Ausflüglern. Auch wenn die Begeisterung für den einen oder anderen Tierpark mit der Zahl und Größe der Töchter etwas abnahm, sind wir häufig unterwegs. Und lassen uns gerne von Neuerungen locken. Einmal besuchten wir den Kaltwassergeysir in Andernach, den die Andernacher selbst über Jahrzehnte nicht zur Kenntnis genommen und mittels geeigneter Bohrungen unspektakulär angezapft hatten. Inzwischen bauten sie ein eigenes Geysir-Zentrum, von dem aus Besuchergruppen im Schiff zum sprudelnden Wunder gefahren werden. Im Prinzip lässt sich die Wasserfontäne mittels Druck und Druckausgleich steuern. Und wenn ich es richtig verstanden habe, wäre es vergeblich, nach den zahlreichen Über- und Umbauten einen Naturzustand zu suchen. Was wir sahen, der »Ausbruch« des Geysirs, war eine minutengenaue Inszenierung. Wie die farbig angeleuchteten Wasserspiele in den Vergnügungsparks der 70er-Jahre. Oder die singende Fontäne vor dem Kurhaus von Marienbad.

Schon beim Geysir hatte ich mich gefragt, wie der Erfolg dieses doch recht mageren Spektakels zu erklären sei. Gestern wurde mir klar, wie groß der Bedarf nach solcher Art Zerstreuung tatsächlich ist. Heute morgen in der Regionalzeitung fand ich eine Statistik, wonach die Ausgaben der Deutschen im Ausland von 2009 bis 2019 um über 40 Prozent gestiegen sind. Im Inland verhält es sich bestimmt ebenso. Das In-Bewegung-sein ist zu einer Gewohnheit geworden. Weil zu Hause wenig zu tun ist. Weil das »Erlebnis« zur Richtgröße des Lebens wurde. Weil das Angebot ständig erweitert wird. Weil man es kann. »Gewohnheit« klingt vielleicht harmlos, doch ein paar Gewohnheiten zusammengenommen sind schon ein Lebensstil. Wenn es manchmal so ausweglos heißt, wie müssten unseren Lebensstil ändern, geht es darum, die eine oder andere Gewohnheit abzulegen und nach Alternativen zu suchen.

Wir verzichteten also auf das Erlebnis Tierpark, fuhren zur Rheinpromenade in Bacharach und packten dort unseren Picknickkoffer aus. Wir sind autark. Auf dem niedrig stehenden Rhein trieben noch immer einige Lastenkähne vorbei, Ausflugsschiffe und auch Privatboote sind noch verboten. Statt der üblichen lärmenden Motorradkorsos war nur ab und zu ein „Drändrän“ in schwarz zu hören. Die linksrheinische Bahnstrecke war völlig verwaist, wohl wegen Bauarbeiten. Die Souvenirläden mit Rheinromantik zwischen Selbstgestricktem und Chinaplastik waren geschlossen. Niemand bat um ein Foto vor historischer Kulisse. Statt dessen bot sich sofort eine Radfahrerin als Fotografin an, als wir Anstalten machten, in einer der gemütlichen Liegebänke am Rhein zu posieren. Natürlich hätten wir gerne einen Nachtisch plus Kaffee in irgendeinem Straßenkaffee genommen. Doch Bacharach in stiller Sonntagsstimmung: war das nicht ein »Erlebnis«?

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