#41 — Alles auf Anfang

Sprießen

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

So schreibt Hermann Hesse in seinem berühmten Gedicht »Stufen«.

Und so haben wir es alle schon einmal erlebt, am ersten Schultag oder unserem ersten Urlaub ohne Eltern. Am Beginn der Ausbildung, des Studiums, der Ehe. Oder wenn, nach einer schweren Krankheit oder Krise, es dann doch weiter ging — ohne einfach nur weiter zu gehen. Wenn wir spürten: Das ist ein neuer Anfang.

1989 (!) hat der Liedermacher Klaus Hoffmann (!) einen neuen Anfang besungen (hier kann man sich das anhören):

Das wird ein Tag, unser Tag wird
ein neuer Anfang sein,
an dem wir nicht mehr wanken,
in unserm Urteil schwanken,
wo wir mit denen, die nach vorne schau’n,
uns eine bessre Zukunft bau’n.

Ob politisch oder privat: Ein (Neu-)Anfang kann elektrisieren. Plötzlich wachsen uns Kräfte zu, die wir vermisst hatten, solange es nur darum ging, den Alltag zu bestehen.


Schreibidee #41: Beschreiben Sie eine Situation in Ihrem Leben, in der Sie mit etwas Neuem angefangen haben oder (wieder) am Anfang standen.


Hinweis: In der Rückschau sehen wir das »dicke Ende« kommen, doch es lohnt sich, einmal beim Anfang zu verweilen und diesen in aller Ausführlichkeit zu beschreiben. Ein Anfang ist »autobiografischer« als das Ende, denn er zeigt uns mit allen unseren Hoffnungen und Träumen!

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Ich wünsche Ihnen viele Leser — und reichlich hilfreiches Feedback.]

4 Texte

  1. Anneliese Wohn

    Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …
    Ja, wenn ich zum Beispiel an den Frühling denke, die ersten Spitzen von Schneeglöckchen, Krokussen und Tulpen sehe, ja, da spüre ich den Zauber. Wie ein Wunder erscheint es mir, und mein Herz wird froh und leicht.
    Aber wenn ich an meine eigenen Anfänge denke, dann spürte ich oft sehr widerstreitende Gefühle in mir. Ängstlichkeit und Mut, Abschied und Vorfreude, Pläne im Kopf und Hoffnung auf Unerwartetes vermischten sich in meinem Inneren. So gar kein Zauber.
    Es war nicht mein erster Neuanfang. Ich hatte das zweite Staatsexamen in der Tasche, aber fand keine Anstellung mit meiner Fächerkombination. Was tun? Warten? Oder sollte ich mich nach Alternativen umsehen? Ich überlegte schon, eine Zusatzausbildung zu machen, da machte mich ein Bekannter auf eine Stelle in Wetzlar aufmerksam.
    Wetzlar? Wo lag das? Ich bewarb mich – konnte ja nichts schaden. Sollte ich die Stelle bekommen, konnte ich ja immer noch ablehnen. Ich wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und bekam die Stelle. Und ich nahm sie nach kurzer Überlegung auch an.
    Zauber des Anfangs? Endlich eine Stelle! Eigenes Geld verdienen! Toll! Aber ich musste dafür Mainz, wo ich viele Jahre gelebt hatte, verlassen. Hier hatte ich Freunde und Freundinnen. Hier lebte mein Freund. Was würde aus ihnen werden? Und für was gab ich das alles auf? Für Wetzlar?
    Ich nahm die Stelle an. Hatte eine Wohnung gefunden und mit meinem Freund zusammen renoviert. Die Möbel waren angekommen und standen an ihrem neuen Platz.
    Es war Sonntagabend. Am nächsten Tag sollte es losgehen. Mein Freund verabschiedete sich von mir mit dem Versprechen „am Wochenende sehen wir uns ja schon wieder“.
    Ich stand in der neuen und noch fremden Wohnung, Tränen in den Augen und dachte: Nun ist mein Leben zu Ende.
    Ich hatte für diesen Abend eine Einladung von den Redemptoristen-Patres, die hier eine kleine Niederlassung hatten und mit denen ich künftig auch zusammenarbeiten würde. Erst wollte ich nicht hingehen. Tat es dann aber doch.
    Es wurde ein Abend mit leckerem Essen und guten Gesprächen. Mir war das Herz zwar schwer, aber diese kleine Gemeinschaft fing mich auf. Und es wurde der Beginn neuer guter Beziehungen und einer beruflichen Laufbahn, die sich als mein Weg herausstellte, der mir viele Jahrzehnte beruflicher Zufriedenheit und Erfüllung schenkte.
    Und meine Beziehung zu meinem Freund war auch nicht zu Ende. Heute sind wir seit 28 Jahren verheiratet.
    Manchmal sieht man den Zauber des Anfangs erst im Nachhinein.

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Wohn,
      herzlichen Dank für Ihren differenzierten Text, der den „Zauber“ nicht einfach so stehen lässt und „bedient“. Nach Schiller und Goethe (Wetzlar!) ist Hesse ja einer der wenigen Dichter, die es in Deutschland bis ins Sprichwörtliche geschafft haben. Wenn man die Sprichwörter jedoch zu lange bloß wiederholt, verlieren sie ihre Kraft.
      Den „Zauber“ im Nachhinein zu entdecken: Das scheint mir gerade ein Privileg des Schreibens zu sein, eine wichtige Motivation.
      Um die Situation besser nachvollziehen zu können, würde ich gerne noch etwas mehr von der Stelle erfahren, die ja keine Lehrerinnen-Stelle war, also nicht das, wofür Sie ursprünglich studiert und das Staatsexamen absolviert hatten. Hat das die Gefühle zusätzlich durchmischt?
      Herzlich, Stefan Kappner

  2. Anneliese Wohn

    Lieber Herr Kappner,
    beim Schreiben habe ich gemerkt, dass ich faast zu jedem Abschnitt noch eine Geschichte hätte schreiben können. Wie ich, obwohl ich die Stelle nicht wollte, dennoch meinen Führerschein, Voraussetzung für diese Stelle, gemacht habe. Wie mein Mann und ich diese Wohnung renoviert haben, und was uns dabei alles passiert ist. Ich überlegte die Patres vorzustellen. Und ich hätte die Frage beantworten können, die Sie gestellt haben. Auch dazu gibt es eine kleine Geschichte. Ich werde all dies auch noch für mich aufschreiben. Hier, für die Öffentlichkeit, habe ich mich bewusst für eine kurze Form entschieden.
    Ich danke Ihnen für Ihre Anregungen und Gedanken. Sie sind, wie immer hilfreich, und ich war auch schon neugierig, was Sie schreiben.
    Herzliche Grüße
    Anneliese Wohn

    • Stefan Kappner

      Liebe Frau Wohn,
      ja, das mit der Öffentlichkeit ist so eine Sache. Die Idee bei biografika war ja u.a., dass man über Texte diskutieren kann und nicht nur die Schreibideen bekommt, sondern, ähnlich wie in Schreibkursen, auch sieht, was andere daraus gemacht haben. Das verständliche Bedürfnis danach, die eigenen Texte erst einmal in einem geschützen, für Dritte nicht einsehbaren Raum zu zeigen, wirkt dem entgegen.
      Ein Ausweg wäre, den eigenen Namen nicht preis zu geben, sondern eine Abkürzung o.ä. zu verwenden. Das ist hier ja ohne weiteres möglich. Lediglich die E-Mail-Adresse muss echt sein, damit man benachrichtigt werden kann, aber die wird nicht veröffentlicht.
      Eine andere Möglichkeit bestünde darin, ein geschütztes Forum, eine Gruppe oder Mitgliederbereich einzurichten. Ich bin mir nicht sicher, ob das die Hemmschwelle senken würde, solange sich die Teilnehmerinnen nicht auch offline kennen würden.
      Demnächst werden ich wohl einen Online-Kurs anbieten, wo so etwas technisch möglich ist. Das geht dann aber leider nicht kostenlos.
      Liebe Grüße, Stefan Kappner

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