#50 — Ein Jubiläum

Wochen und Monate, Jahreszeiten, Geburts- und Gedenktage, Feste und Jubiläen geben dem Leben ihren Rhythmus. Ohne sie schwömmen wir verloren und orientierungslos im Meer der Zeit. Darum nehme ich die 50. Schreibidee zum Anlass, ein wichtiges Jubiläum in Erinnerung zu bringen.

30 Jahre Mauerfall, der Jahrestag einer Freundschaft, eine goldene Hochzeit oder das 50-jährige Jubiläum Ihres Abiturs: Die Erinnerung an ein Ereignis kann selbst zu einem Ereignis werden. Ein Jubiläum verbindet die Vergangenheit mit der Gegenwart, wie es auch das autobiografische Schreiben tut. Kollektive Erinnerungstage prägen die Identität einer Gemeinschaft, denn sie verweisen auf geteilte Werte. Man denke nur an religiöse Feiertage. Kein Verein, der etwas auf sich hält, lässt das hundertste Jahr seiner Gründung ohne Festschrift verstreichen. Und wie man private Jubiläen oder Geburtstage feiert, verrät viel über die eigene Persönlichkeit.

Was ist Ihnen so wichtig, dass Sie jedes Jahr daran denken? Was ist Ihnen eine Feier wert? Mit wem haben Sie es, mit wem möchten Sie es feiern?


Schreibidee #50: Schreiben Sie von einem für Sie wichtigen Jubiläum. Warum hat es diese Bedeutung für Sie — und verlief seine Feier nach Ihren Wünschen?


Hinweis : Überlegen Sie, ob Sie den Schwerpunkt des Textes dem ursprünglichen Anlass widmen wollen, oder der Jubliäumsfeier, in der sich die Vergangnheit gleichsam spiegelt. Oder Sie »begleiten« den Gedenktag gleichsam durch die Zeit, zum Beispiel den »Internationalen Frauentag«.

[Wie immer fände ich es toll, wenn Sie Ihren Text zu dieser Schreibidee unten in die Kommentarbox kopieren und hochladen würden. Damit geben Sie zugleich Ihr Einverständnis für die Veröffentlichung auf diesen Internetseiten. Gerne können Sie dafür auch ein Pseudonym oder nur Ihren Vornamen angeben.]

2 Texte

  1. Mein sechzigster Geburtstag
    Ich liebe große Feste. Schon ein Jahr vor meinem 60. Geburtstag begann ich mit der Planung. Runde Geburtstage werden bei uns immer etwas größer gefeiert. Ich liebe auch das Herstellen von Dekoration. Deshalb feiern wir auch niemals in einem Lokal. Wir mieten in der Regel einen Saal in unserer Pfarrgemeinde, den wir dekorieren können, wie es uns gefällt. Die Großfamilie, meine beste Freundin und ihr Mann helfen uns stets bei der Vorbereitung. Alleine wäre solch ein Fest nicht zu bewältigen.

    Ein Motto musste her. Wir lieben Amerika, hatten das aber schon bei meinem 50. Geburtstag zum Thema gemacht. Ich schaute alte Fotos an und machte mir Gedanken über meine Kindheit. Dabei kam mir die Idee: 50er und 60er Jahre. Schon war auch wieder eine Verbindung zu Amerika hergestellt. Ich wuchs in einem Stadtteil von Frankfurt auf, in dem die amerikanischen Soldaten sehr präsent waren.
    Ich googelte tagelang nach alter Werbung und dem Leben von damals. Mit Freunden und Familie wurde immer wieder über dieses Thema debattiert. In Büdingen gibt es ein 50er-Jahre Museum. Mit einer Bekannten zusammen machten wir einen Ausflug dort hin. Beim Betrachten vieler Dinge wurden Erinnerungen wach an die Sachen von damals. In dem Museum ist unter anderem ein ganzer Tante Emma Laden aufgebaut.

    Weißt Du noch …
    – wie die Tüten aussahen, in die die lose Ware abgefüllt wurde? Früher gab es viele Sachen noch lose. Sie wurden zum Teil in großen Blechbüchsen aufbewahrt. Die Tüten, in die die Ware abgefüllt wurde, waren helle Dreieckstüten aus Papier. Die Tüten für Obst und Gemüse waren braun.
    – wie ich als Kind die Milch in der Moha-Flasche aus Glas bei Momberger um die Ecke gekauft habe? Aber nur die mit dem silbernen Etikett oben drauf. Die Milch mit mehr Fettgehalt hatte ein goldenes Etikett und war teurer.
    – wie wir die Werbung vom HB-Männchen im Fernsehen angeschaut haben? Seit 1962 war unsere Familie stolzer Besitzer eines eigenen Fernsehers. Der wurde mit einem Tuch zugehängt, damit niemand auf den ersten Blick sehen konnte, dass wir einen besaßen.
    – wie es im Kaufhaus Hertie aussah, wo es eine ganze Etage für Schallplatten gab? Dort konnte man sich die Platte auflegen lassen und mit einem Kopfhörer der Musik lauschen.
    – wie mein erstes Lesebuch aussah? „Meine Fibel“ war der Titel. Es war blau und Hans und Lotte waren auf dem Cover abgebildet. Aus dem Schulranzen von Lotte schaute noch der Schwamm für die Schiefertafel heraus. Hans hielt eine große Brezel in der Hand. Mein Bruder, der mit mir ein Zimmer teilte, hat dieses Buch irgendwann einfach weggeworfen. Bei meinem Auszug hatte ich es nicht gleich mitgenommen. Lange trauerte ich dem Buch nach. Im Internet fand ich bei meiner Suche zufällig das Cover des Buches. Ich verfolgte den Link und landete bei einer Frau, die dieses Buch tatsächlich noch besaß. Ich stellte über E-Mail Kontakt zu ihr her und bat darum, mir meine Lieblingsseiten zu schicken. Sie scannte die Seiten ein und ich konnte sie bald in den Händen halten.

    Wir verbrachten einige Stunden in dem Museum. Ich hatte gefragt, ob ich fotografieren dürfe und ich durfte. Danach war mein Kopf voller Ideen für die Deko. Ich druckte viele der Fotos aus und klebte sie auf große Pappen. Weitere Pappen beklebte ich mit meinen Kinderbildern. Mein Vater liebte das Fotografieren und es gab genügend Fotos aus meiner Kindheit. Bei uns im Haus wohnte früher ein Amerikaner, der seine Fotos zum Teil selbst entwickelte. Auch er trug mit zu meinem Bilderschatz bei. Meine Eltern übten beide das Schneiderhandwerk aus. Sie hatten gegen Näharbeiten für mich ein rotes Tretauto eingetauscht. Ich fand das Foto meiner ersten Puppe. Sie hieß Christel und war von der Firma Schildkröt. Irgendwann hatte ich die Puppe kaputtgeliebt und sie wurde entsorgt. Früher waren die Puppen aus Leukoplast. Wenn man zu fest auf die Ärmchen drückte, war schnell ein Loch im Arm, das nicht zu reparieren war. Dafür gab es dann den Puppendoktor. Der hatte Ärmchen in seinem Ersatzteillager. Zu Weihnachten tauschte mein Vater stets den Gummi meiner Puppe, an dem die Arme befestigt waren. Der leierte ziemlich schnell aus. Meine Mutter nähte neue Kleider für Christel. Ich besaß noch einen Teddybären und einen Puppenwagen. Der Teddybär lebt heute noch. Seine Arme und Beine waren schwach geworden und die Holzwolle schaute heraus. Vor etlichen Jahren kaufte ich Stoff und renovierte meinen Bären. Inzwischen trägt er auch eine Brille und Hosenträger. Wie er damals hieß, habe ich vergessen. Heute heißt er Bert Bär. Meine Enkelkinder lieben ihn. Sie gehen ganz vorsichtig mit ihm um, weil er ja schon ein Opa ist.

    Als nächstes durchstöberten wir bei meiner Mutter und Schwiegermutter die Schränke. Wir fanden Gestelle für Salzstangen und Brezelchen, Toastbrot-Ständer und Tortenplatten mit Spitzendeckchen unter dem Glas. Ich lieh mir Sammeltassen und Blumenvasen aus. Von meiner Großmutter hatte ich noch ein altes gehäkeltes Tischtuch. Es fehlte zur Kaffeekanne noch ein Tropfenfänger. Der war leider nicht mehr aufzutreiben. Also fertigte ich aus Fimo einen Schmetterling. Den verband ich mit einer gelben Gummischnur. So ließ sich der Gummi vom Henkel über den Deckel zum Ausgießer spannen. Der Schmetterling thronte am Deckel. Vorne am Ausgießer befestigte ich ein Schaumgummiteil und fertig war mein Tropfenfänger. Unser nächstes Projekt war ein altes Bakelit-Telefon. Im Keller meiner Eltern fanden wir tatsächlich noch eines. Nur der Hörer war kaputt. Ein Freund unseres Sohnes besorgte mir das Teil vom Flohmarkt.

    Jetzt kam der amerikanische Touch für meine Party dran. Unsere Idee war, einen „Catwalk“ aufzubauen, das amerikanische Schnellrestaurant der 50er Jahre. Im Partyzubehörbereich wurde ich fündig. Ein Läufer für den Boden, Tischläufer und Servietten alles mit schwarzweißen Karos wurden bestellt. Wir hatten Pfeffer- und Salzstreuer in Form von kleinen Colafläschchen aus Amerika mitgebracht. Strohhalme und Servietten sollten ebenfalls die Tische zieren. Dann hatte ich irgendwo gesehen, dass man alte Schallplatten im Backofen vorsichtig schmelzen kann. Die lassen sich dann wunderbar zu Schüsseln formen. Single-Schallplatten beklebten wir mit Papier, auf das wir vorher die Speisekarte gedruckt hatten. Sie bekamen einen Kugelfuß aus Holz, damit sie standfest wurden. Wir besorgten eine Biersorte, die noch mit dem Porzellan-Verschluss und Gummiring zugemacht werden. Das sind die Flaschen, die das „Plopp“ hören lassen beim Öffnen.
    Unser Sohn hatte auf einen riesigen Pappkarton einen Cadillac gemalt. Man konnte sich den Karton umhängen und es sah aus, als wenn man im Cadillac sitzt. Das Teil sollte für einen Fotospot genutzt werden.

    In den selbstgestalteten Einladungskarten bat ich meine Gäste darum sich mit Kleidung der 50er-Jahre auszustatten. Dem Wunsch kamen auch einige unserer Freunde nach. Unsere Kinder und Enkel legten sich ebenfalls ein solches Outfit zu. Ich nähte mir ein Rock’n’Roll-Outfit aus blauem Stoff mit weißen Tupfen. Mein Mann bekam ein Käppi gefaltet, wie sie die Bedienung in den amerikanischen Schnellrestaurants aufsetzten. Werbung wurde auch daran festgetackert. Eine Weste und eine Halbschürze in Rot rundeten das Ganze ab.

    50er-Jahre, das war für meine Oma immer auch die Kittelschürze. Also fragte ich bei meiner Schwiegermutter nach einer Kittelschürze. Sie hatte tatsächlich noch eine im Schrank, die mir passte. Ich wollte meine Gäste in der Kittelschürze empfangen und mich erst später umziehen.

    Das Buffet ließen wir von einem Metzger liefern. Allerdings wollten wir zusätzlich noch kleine Hamburger servieren, die sich jeder selbst zusammen stellen durfte. Die einzelnen Zutaten samt Toaster für die Hamburger-Brötchen stellten wir auf dem Buffet bereit. Wir platzierten zwei kleine runde Kaffeehaustische an den Seiten des Raumes. Dort kamen die Sammeltassen samt Zubehör hin. Tischgruppen verteilten wir im ganzen Raum, ließen aber einen „Catwalk“ in der Mitte frei. Für diesen Gang organisierte unser Sohn eine Absperrung mit roten Seilen.

    Meine Gäste brachten mir zum Teil auch Geschenke aus den Fünfziger Jahren mit. Sie hatten keine Mühe gescheut und Dachböden und Keller durchstöbert. Seit diesem Geburtstag bin ich stolze Besitzerin einer ovalen Wärmflasche aus Metall. Ich habe sie noch nicht benutzt, weil ich Angst habe, mir daran die Füße zu verbrennen.

    Die Kinder hatten als Überraschung ein Rätsel für mich vorbereitet. Dafür musste ich auf dem roten Stuhl Platz nehmen. Sollte ich die Lösung nicht wissen, gab es verschiedene Joker, z.B. einen Hula-Hoop-Reifen, um meine Taille tanzen zu lassen. Das gelang mir allerdings nicht mehr. Früher beherrschte ich das bestens. Meine Gäste durften einspringen und es ebenfalls versuchen.

    Als weiteren Highlight des Abends hatten unser Sohn und seine Frau Muffins gebacken, mit Creme dekoriert und daraus eine riesige Torte zusammen gesetzt. Die fuhren sie auf einem großen Servierwagen in den vorher abgedunkelten Party-Raum. Sie entzündeten zur Krönung Zauberstern-Fontänen. Obwohl ich schon pappsatt war, aß ich noch einen Muffin. Sie sahen so köstlich aus, dass ich nicht widerstehen konnte.

    Die Vorbereitung der Party hatte genau so viel Spaß gemacht wie die eigentliche Feier.
    Die größte Überraschung an dem Abend war meine Mutter. Sie hatte da schon eine beginnende Demenz. All diese Sachen lösten bei Ihr viele alte Geschichten aus. Sie begann, Geschichten von damals zu erzählen. „Weißt Du noch?“ Selbst einige Tage später sprach sie noch von meiner Geburtstagsfeier.

    • Stefan Kappner

      Liebe „Trudy“, vielen Dank für diese tolle Schilderung Ihres „biografischen Geburtstags“ — und herzlichen Glückwunsch nachträglich 🙂 Wenn es im Internet irgendwo eine Seite für die Gestaltung von Feiern geben sollte, wären Ihre Ideen dort gut aufgehoben. Und wie viel Ihre Feier und das biografische Schreiben gemeinsam haben! Keine Biografie“arbeit“, sondern Biografie“vergnügen“!

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